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27 Kilometer Kampf gegen sich selbst

Extremschwimmen 27 Kilometer Kampf gegen sich selbst

Die Marburgerin Jacqueline Kempfer will am heutigen Samstag den Edersee der Länge nach durchschwimmen. Das hat vorher erst ein Mensch geschafft.

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Beim Training im Aquamar hat Jacqueline Kempfer ideale Bedingungen – im Edersee ist sie Wind, Wellen und Strömung ausgesetzt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vor fünf Jahren hat Jacqueline Kempfer erst angefangen zu schwimmen. Also wirklich zu schwimmen. Nicht nur mit der Technik, die man in der Schule lernt. „Da geht es ja eher darum, dass man im Wasser überlebt“, sagte die 36-Jährige. Während ihres Studiums probierte Kempfer auch Leichtathletik, Rudern, Reiten und Fußball aus - am meisten Spaß macht ihr aber das Schwimmen. „Ich mag es unglaublich gerne, im Wasser zu sein“, sagt sie. Besonders „das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes abtauchen zu können“.

Die Richterin am Landgericht Marburg sucht sich gerne Ziele, auf die sie hinarbeiten kann. Bei 24-Stunden-Rennen wurde sie fündig. „Man hat 24 Stunden Zeit und kann so oft ins Wasser gehen, wie man will. Am Ende gewinnt, wer die meisten Kilometer geschafft hat“, erklärt Jacqueline Kempfer das Prinzip. Gleich bei ihrem ersten Versuch sammelte sie 30 Kilometer. „Da habe ich gemerkt, dass ich nicht schlecht darin bin.“

Ausdauernd, nicht schnell

Im vergangenen Jahr schwamm die 36-Jährige am Stück zwölf Kilometer im Bodensee. „Ich hätte sogar noch weiter schwimmen können.“ Einem Verein hat sich Kempfer, die aus einem Dorf in der Nähe von Berlin stammt, nicht angeschlossen. Der Wettkampfcharakter behagt ihr nicht, zumal ihr die längsten Freiwasser-Strecken von 10 Kilometern eigentlich nicht lang genug sind. „Ich schwimme nicht schnell, aber ausdauernd“, erklärt die Richterin, die in ihrer Freizeit in der Kantorei der Schlosskirche Weilburg die Alt-Stimme singt und mit dem Chor Haydns Jahreszeiten probt. Ihre Kraultechnik hat sie dank Privattrainern verbessert, allen voran dank des Nürnbergers Alexander Gallitz. Seitdem ist es nicht länger ein Kampf gegen das Wasser, sondern ein Spiel mit dem Element.

Die Extremschwimmerin will ihre Grenzen ausloten. „Der Ärmelkanal ist für den Langstreckenschwimmer das, was der Mount Everest für den Bergsteiger ist“, sagt sie. Den Traum, diese etwa 40 Kilometer lange Strecke zu bewältigen, wird sie in diesem Jahr allerdings noch nicht verwirklichen. Wohl aber die gut 27 Kilometer längs durch den Edersee, durch ihr Trainingsrevier. Zur Einordnung: Ein geschwommener Kilometer entspricht von der Anstrengung etwa vier gelaufenen Kilometern.

Ideale Bedingungen

„Der Edersee ist landschaftlich schön und einen Tick kälter als die umliegenden Badeseen“, sagt die Marburgerin. 18 bis 20 Grad empfindet sie als ideal, der Edersee wies zuletzt 17 Grad auf. Nahezu ideal also, zumal auch niedrigere Temperaturen kein Problem seien und sie Ostern bei 6 Grad Wassertemperatur das Training im Freien aufnahm.

Beinahe hätte Jacqueline Kempfer sogar für eine Premiere gesorgt. Doch Ende Mai kam ihr Björn Hauptmannl zuvor und ist nun der erste Mensch, der den Edersee der Länge nach durchschwommen hat. „Es ist mir nicht wirklich wichtig“, sagt die Juristin, die 1998 nach Marburg kam und neben dem Jura-Studium auch das Theologie-Studium abgeschlossen hat. „Für mich ist es kein Kampf gegen andere. Es ist eher ein Kampf gegen sich selbst, weil man zwischendurch schon ans Aufgeben denken wird.“ Doch sie will allem trotzen, was die Natur ihr in den Weg stellt - Wind, Wellen und Strömung. Und zwar ohne Neoprenanzug, weil das gegen die Ethik der Marathonschwimmer verstoßen würde. Badeanzug, Badekappe und Schwimmbrille sind die einzigen Hilfsmittel, sieht man von der mentalen Unterstützung aus dem Beiboot von ihrem Stadtallendorfer Trainer Volker Kleinert ab.

Von Herzhausen aus wird Kempfer sieben bis neun Stunden unterwegs sein, um ihr Ziel - die Staumauer - zu erreichen. Neben dem Kraft- und Ausdauertraining soll sich bei ihrem Vorhaben auch das Mentaltraining auszahlen. „Es ist auch ganz viel Kopfsache“, sagt Kempfer, die in einigen Phasen dem inneren Schweinehund den Kampf ansagen muss. Und ja, auch der Langweile. Alle halbe Stunde legt sie eine Trinkpause ein, um den Kohlehydratspeicher aufzufüllen. Zumindest ansatzweise, denn pro Stunde verbraucht sie zwischen 500 und 900 Kalorien. Das geht an die Substanz.

Nebenbei zum DM-Titel

Die Grundlagen hat Kempfer bereits im Winter gelegt. Da geht sie viermal in der Woche im Aquamar ins Wasser und rudert auf dem Ergometer. Kurioser Nebeneffekt: Auf dem Ergometer ist die Marburgerin so fit, dass sie sich im Februar bei den Deutschen Ergometer-Meisterschaften in Starnberg anmeldete - und auf der Langstrecke über 30 Minuten den Titel gewann. Ein Umstieg aufs Rudern kommt für sie aber nicht infrage: „Ich bin an der Uni gerudert, das hat mir viel Spaß gemacht. Ich bin aber lieber im Wasser.“

Den Sport sieht sie als Ausgleich zu ihrem Beruf. „Es hat eher etwas Meditatives. Wenn man lange schwimmt, schaltet der Kopf ab.“ In der Großen Jugendkammer und der Strafvollstreckungskammer muss sie weitreichende Entscheidungen treffen, über Freiheits- und Bewährungsstrafen etwa. „Wenn ich im Wasser bin, hilft es mir, Abstand zu gewinnen“, erklärt Jacqueline Kempfer. „Je stressiger der Tag, umso mehr Kilometer brauche ich dafür.“ Am Samstag im Edersee wird sie jede Menge Kilometer Zeit haben.

von Holger Schmidt

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