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16-Jähriger will „ordentlich austeilen“

Sehbehinderter Football-Spieler 16-Jähriger will „ordentlich austeilen“

Jan Seikrit hat einen Traum: Footballspieler bei den Marburg Mercenaries - trotz einer Sehstärke von nur 0,9 Prozent.

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Jan Seikrit mit einem Football beim Training der Marburg Mercenaries. Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Welche Formation spielt die gegnerische Mannschaft? Was macht der Gegenspieler, was die Mitspieler? Wo ist der Ball? Entscheidende Fragen, die ein Footballspieler auf dem Spielfeld dank seines Augenlichts beantworten kann und muss. Für den 16-jährigen Jan Seikrit gestaltet sich die Beantwortung dieser Fragen allerdings weitaus schwieriger.

Denn mit einer Sehstärke von 0,9 Prozent ist er fast blind. Dennoch ist er seit Dezember letzten Jahres mit Eifer und Engagement beim Jugendtraining der Marburg Mercenaries dabei und will Football spielen.

Erst seit Sommer 2015 lebt der 1999 gebürtige Aachener in Marburg, ist Schüler an der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista). Geboren wurde er mit einer Sehstärke von 20 Prozent. „Zu meiner Grundschulzeit in Aachen habe ich noch Leichtathletik im Verein gemacht. Seit 2009 war ich nicht mehr in einem Sportclub“, erzählt Seikrit.

Erst im Dezember letzten Jahres streckte er wieder die Fühler nach Vereinssport aus. Der Grund für die rund sechsjährige Sportpause ist die Verschlechterung seiner Sehkraft von 20 auf 0,9 Prozent sowie eine noch heute spürbare Armverletzung gewesen. Seine Freizeit hat er seit der Sehkraftverschlechterung vor allem mit ehrenamtlicher Arbeit im sozialen Bereich verbracht.

Doch das ist seit rund sechs Wochen nicht mehr sein einziges Hobby. Seikrit suchte einen Sport mit viel Körperkontakt, denn von der zimperlichen Sorte ist er nicht. „Ich wollte einen Sport, bei dem es hart zugeht, bei dem ich mich austoben und auch mal ordentlich austeilen kann“, sagt er und kichert. So fand er schließlich die Jugendabteilung des Footballvereins Marburg Mercenaries.

Harte Saisonvorbereitung bringt Körper an die Grenze

Zur Zeit steckt die U19 der „Söldner“, die in der German Football League Juniors spielt, in der Saisonvorbereitung. Den Fokus legt Trainer Sergej Schmidt dabei auf die körperliche Fitness. Mattenschieben steht auf dem Programm: Mehrere Spieler schieben jeweils eine Turnmatte kreuz und quer durch die Halle. Nach wenigen Minuten brennt Seikrits Lunge, seine Oberschenkel werden müde. Er braucht eine Pause, setzt sich auf eine Bank und schnappt nach Luft. Seine schwarzen Haare kleben auf seiner schweißgebadeten Stirn.

Für den Jugendlichen nur ein kleines Schlagloch auf der Straße des Erfolgs. „Ich brauchte nur eine kurze Pause und dann weiter. Für Football ist Aus­dauer eben notwendig“, bemerkt er und fügt hinzu: „Da war ich schon an meiner Leistungsgrenze. Aber das ist gut so. Denn ich will über meine bisherigen Grenzen hinaus.“

Nur Schemen des Balles erkennbar

Mit fortlaufender Trainingsdauer bereitet ihm außerdem seine Armverletzung mehr und mehr Pein. Doch mit dem Schmerz habe er gelernt umzugehen, so Seikrit.

Das Fangen des Footballs gestaltet sich schwierig. „Ich kann die Schemen des Balles erkennen, aber ich kann kaum abschätzen, wie weit er von mir entfernt ist“, sagt der Jugendliche. Einen von einem Dutzend Pässen fängt er. Als er den Ball aus der Luft pflückt, jubeln die übrigen Trainingsteilnehmer. Einige der Jugendlichen klatschen und rufen: „Jawoll, Jan!“

Ein kurzes Lächeln zuckt über Seikrits Mundwinkel. Doch dann schnell weiter, wieder hinten an der Schlange anstellen und auf den nächsten Ball warten. „Da war ich schon ein bisschen stolz“, gesteht er verlegen.

Seikrit erinnert sich an sein erstes Training bei den Mercenaries, als noch zwei seiner Freunde, ebenfalls Schüler an der „blista“, mit ihm zum Probetraining kamen. Dem einen habe das Training terminlich nicht gepasst, dem anderen habe der „manchmal laute Umgangston“ missfallen - nicht so dem 16-Jährigen. „Mich stört das nicht, ich brauche das“, gesteht er. Mit Samthandschuhen möchte er wegen seiner Sehbehinderung nicht angefasst werden - auch nicht von seinen Mitspielern. „Ich werde gut integriert. Aber wenn ich einen Spielzug versaue, dann werde ich wie alle anderen, die Fehler machen, darauf hingewiesen“, sagt er.

Eltern müssen Einverständnis erklären

Vereinsmitglied ist Seikrit noch nicht, denn der „Papierkram“ sei noch nicht erledigt. Doch das solle möglichst schnell erledigt werden. Unter anderem müssen die Eltern des 16-Jährigen eine Einverständniserklärung unterzeichnen. Was die zum Interesse ihres Sohnes an diesem exotischen, aber ebenso brutalen Sport sagen? Jan lacht kurz auf: „Meine Mama sieht das ganz cool und freut sich. Papa ist eigentlich auch stolz auf mich, aber er möchte mir klar machen, dass ich nicht die richtige Statur habe“, erzählt er.

Dabei bringt der 16-Jährige hervorragende körperliche Voraussetzungen mit - zumindest in Sachen Körpergröße. 1,94 Meter misst er und bringt 80 Kilogramm auf die Waage. Ein Mangel, dem er Abhilfe leisten möchte. „Ich habe mich bereits im Fitnessstudio angemeldet, um ein paar Kilos zuzulegen“, sagt er.

Sollte alles nach Plan laufen, werde Seikrit im April, wenn die U-19-Saison beginnt, zum Kader gehören, so Sergej Schmidt. „Als Passfänger können wir ihn natürlich nicht einsetzen. Aber auf der Position des Defensive End ist er sehr gut aufgehoben“, meint Schmidt. Defensive Ends spielen in der Verteidigung einer Footballmannschaft und haben die Aufgabe, das Pass- und Laufspiel des gegnerischen Teams zu unterbinden. Eine Position, bei dem Seikrits Wunsch, ordentlich austeilen zu dürfen, zweifellos in Erfüllung ginge.

von Benjamin Kaiser

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