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00:18 09.09.2014
„Ich habe vor zwei Jahren mal als Rechtsverteidiger gespielt“: Der Hoffenheimer Sebastian Rudy rückte gegen Schottland überraschend auf die rechte Abwehrseite. Quelle: dpa

Das mit der fehlenden Erfahrung wollte Sebastian Rudy dann doch nicht so im Raum stehen lassen. „Ich habe vor zwei Jahren schon einmal als Rechtsverteidiger gespielt“, sagte der Hoffenheimer am späten Sonntagabend im Pressebereich der Dortmunder Arena. „Das war bei einem Testspiel.“ Rudy lachte. Und die anwesenden Journalisten kritzelten die hübsche Anekdote in ihre Notizblöcke.

Ohnehin war das, was Sebastian Rudy nach dem mühevollen 2:1-Sieg im EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland zu sagen hatte, mit großem Interesse verfolgt worden. Denn sein persönlicher Werdegang steht stellvertretend für eine Entwicklung im deutschen Fußball. Und die lautet zusammengefasst: Der kürzeste Weg in die deutsche Nationalelf führt derzeit über die rechte Abwehrseite.

Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm fehlt es dem Bundestrainer auf dieser Position nämlich schlicht an geeigneten Bewerbern. Beim missglückten Testkick gegen Argentinien (2:4) hatte deshalb der gelernte Offensivspieler Kevin Großkreutz eine weitere Chance erhalten, und im ersten EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland bekam nun der gelernte Mittelfeldspieler Rudy den Vorzug.

Er habe das einfach mal ausprobieren wollen, begründete Löw seine überraschende Personalentscheidung später. „Ich wusste, dass ich ihn auf dieser Position spielen lassen kann.“ Am Sonnabend, nach dem Abschlusstraining, hatte er Rudy von seinen Plänen unterrichtet. „Er hat mich gefragt, ob ich mir das zutraue“, sagte Rudy. Was, bitte, sollte der Bundesligaprofi darauf schon antworten?

Rudy machte seine Sache dann gar nicht mal schlecht. Der 24-Jährige spielte mutig nach vorne und bereitete das 1:0 durch Thomas Müller glänzend vor. In der Rückwärtsbewegung offenbarte er jedoch Schwächen. Vor dem Ausgleichstreffer der Schotten war ihm Torschütze Ikechi Anya entwischt. Zudem wurde er einige Male von seinem Gegenspieler verladen.

Das war auch Löw nicht entgangen. Der Bundestrainer äußerte zwar kein kritisches Wort über Rudy bei der anschließenden Pressekonferenz, kündigte aber gleichwohl an, im Laufe der nächsten Monate einiges auf dieser Position auszuprobieren. Er werde nun bis zu den nächsten beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Polen (am 11. Oktober in Warschau) und Irland (am 14. Oktober in Gelsenkirchen) genau beobachten, welche deutschen Profis bei ihren Vereinen als Außenverteidiger zum Einsatz kommen würden.

Er habe da bereits einige Kandidaten im Kopf, verriet Löw noch, und nannte in diesem Zusammenhang die beiden Freiburger Oliver Sorg und Christian Günter. Auch Antonio Rüdiger vom VfB Stuttgart, eigentlich ein Innenverteidiger, steht in Löws Gunst weit oben. Der 21-Jährige ist bei seinem Verein jedoch im Abwehrzentrum gesetzt, auch wenn Stuttgarts Trainer Armin Veh kürzlich von Rüdigers Fähigkeiten als Außenverteidiger geschwärmt hatte. „Antonio hat das Zeug, Lahms Nachfolger in der Nationalmannschaft zu werden“, hatte Veh in einem Interview posaunt. Löw müsste dann jedoch abermals einen Spieler für seine Zwecke umschulen.

So wie es vor Jahren Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund mit Kevin Großkreutz erfolgreich praktiziert hatte. Doch da der gelernte Offensivspieler beim BVB inzwischen nicht mehr als Rechtsverteidiger gebraucht wird, plant auch der Bundestrainer vorerst nicht mehr mit dem 26-Jährigen. Das ließ Löw am Sonntag jedenfalls durchblicken.

Und so überrascht es auch nicht, dass Löw beim aktuellen Überangebot an international erfahrenen Innenverteidigern bei gleichzeitigem Mangel an Außenverteidigern über eine taktische Veränderung nachdenkt: mit nur drei statt vier Abwehrspielern. „Ja, das geht mir durch den Kopf“, sagte Löw auf die entsprechende Nachfrage eines britischen Journalisten am Sonntag. Aktuell sei das aber noch kein ernsthaftes Thema. „Eine Systemumstellung hätte sicher auch Vorteile“, sagte Löw, „aber die Nachteile würden wohl überwiegen.“ Offensivstarke Flügelstürmer wie Julian Draxler, Thomas Müller oder André Schürrle, so fürchtet Löw, wären dann zu sehr mit Defensivarbeiten beschäftigt, weil ihnen eine Absicherung auf den Außenbahnen fehlen würde. „Da würden wir zu viel Dynamik verlieren.“

Löw wird es also vorerst bei einer Viererabwehrreihe belassen. Und generell sei er auch zuversichtlich, dass die deutsche Mannschaft damit erfolgreich durch die Qualifikation kommen werde. Auf die Frage, was denn in der Defensive mit Blick auf das Qualifikationsspiel gegen Polen besser werden müsse, sagte Löw übrigens ziemlich trocken: „Erst mal gar nichts.“ Dann lachte er. Der Mann hat Humor.

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