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Eine Tonne zu viel des Guten

Abfahrt nach Syrien Eine Tonne zu viel des Guten

Endlich sind sie auf Achse. Willi und Manuel Weitzel sind seit gestern auf dem Weg nach Syrien. Begleitet werden sie von OP-Redakteur Thomas Strothjohann. Bevor der 7,5-Tonner am Dienstagmorgen vom Hof rollen konnte, galt es schwere Entscheidungen zu treffen.

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Willi Weitzel macht sich gemeinsam mit seinem Bruder Manuel und OP-Redakteur Thomas Strothjohann auf den Weg nach Syrien.

Quelle: Thomas Strothjohann

Stadtallendorf. Der Nebel wabert noch am Fuße der Amöneburg, als Manuel Weitzel am Dienstagmorgen den LKW in Langenstein vom Hof manövriert und zur Autobahn in Richtung Süden fährt. Es geht vorbei am Marburger Schloss und schon auf dem Weg nach Gießen spürt jeder Anfänger-Trucker: an die maximale Reisegeschwindigkeit von 85km/h auf der Autobahn muss man sich erst einmal gewöhnen.

Willi und Manuel Weitzel können es fast nicht glauben. Die Menschen aus dem Landkreis haben so viel gespendet, dass der Lkw hoffnungslos überladen ist. Also alles wieder auf Anfang: was muss zwingend mit nach Syrien? Welche Hilfsmittel können auch im Landkreis sinnvoll zum Einsatz kommen? (Foto: Thomas Strothjohann)

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Die Nacht war kurz: Noch bis zum späten Abend hatten Willi, Manuel und rund 15 kleine und große Helfer aus dem Ostkreis den LKW beladen. Voll war der Laster zwar schnell, aber die Waage an der Werkseinfahrt von Ferrero offenbarte die grausame Wahrheit: Wir würden nicht alles mitnehmen können, was wir an Spenden gesammelt hatten – der Laster war eine gute Tonne überladen. Zurück auf dem Hof standen die Weitzels und ihre Helfer vor der schwierigen Frage, worauf Flüchtlinge, die nichts haben, wohl besser verzichten könnten. Auf einen Computer, oder auf eine Kiste Kleidung? In einer Woche werden wir das vielleicht besser sagen können. Aber ohne das Flüchtlingslager Harmanli in Bulgarien gesehen zu haben, ist die Frage kaum zu beantworten.
Das war ein Schock. Aber kein Schaden so groß, dass nicht noch ein Nutzen daraus wird: Zu viele Sachspenden kann es schließlich kaum geben - keine Spende soll umsonst gewesen sein. Wir haben einen Weg gefunden, auf dem wir nicht nur den Flüchtlingskindern an der türkisch-syrischen Grenze helfen können. Nicht nur den syrischen Flüchtlingen in Istanbul und denen, die es bis nach Bulgarien geschafft haben.
Sondern auch den Flüchtlingen, die hier bei uns wohnen. Wenn die Spender nichts gegen diesen Plan haben, soll der Verein „Asylbegleitung Mittelhessen“ die Sachspenden, die nicht mehr in den Laster gepasst haben, in den Flüchtlingsheimen rund um Marburg verteilen.
Während die Heimat langsam in den sechs Außenspiegeln verschwindet, ist die Gefühlslage im Cockpit gemischt: „Einerseits freue ich mich, dass wir es
geschafft haben, pünktlich mit einem vollen LKW loszufahren. Andererseits bin ich mit meinen Gedanken natürlich noch bei meiner Familie“, fasst Willi
Weitzel zusammen.

Es rollt an: Medien interessieren sich für das Projekt

Die melancholischen Gedanken halten nicht lange an: Ein Journalist von der Deutschen Presse Agentur (dpa) bittet um ein Interview mit Willi und schon kurze Zeit später berichten auch überregionale Medien über den Hilfstransport. Ein erstes Ziel des Projekts scheint also schon in greifbarer Nähe: Aufmerksamkeit für die syrischen Flüchtlinge.
Im Cockpit wird viel telefoniert und getippt. Bei der Deutschen Botschaft in Bulgarien bereiten drei Mitarbeiter unsere Ankunft und die Spendenübergabe in Harmanli vor, wollen wissen, wann wir genau ankommen. So verfliegen die sonst fast langweilig-ereignislosen ersten 500 Kilometer auf gut ausgebauten deutschen Autobahnen. Bis zum touristischen Höhepunkt der ersten Etappe: Die Bürgermeister von Obernzell und Tyrnau, Josef Würziger und Alexander Sagberger haben von „Willi will helfen“ erfahren und uns zu einer symbolträchtigen Grenzüberschreitung eingeladen: Wir überqueren die Donau, die uns von hier an bis Bulgarien begleiten wird, auf einer kleinen Fähre. Und am anderen Ufer ist schon Österreich. Das war die erste Grenze auf dem Weg in den Orient. Es fehlen noch Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei. Doch heute Abend heißt das Etappenziel „Wiener Schnitzel“.

von Thomas Strothjohann

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Willi will helfen

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