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Die Chorlandschaft verändert sich

Vom Aussterben bedroht Die Chorlandschaft verändert sich

Die klassischen Männergesangvereine haben Probleme mit dem Nachwuchs. Für die Mitglieder sei es aber noch nicht zu spät, ihre Vereine zu retten, sagt Lutz Berger vom Hessischen Sängerbund.

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Die Chorgemeinschaft Allendorf/Friedensdorf zählt zu einem der größten Männerchöre im Kreis.

Quelle: Sascha Valentin

Allendorf/Hohenfels. „Wir merken schon, dass es weniger Chöre mit immer weniger Mitgliedern werden“, sagt Manfred Wagner, Vorsitzender des Sängerkreises Biedenkopf. Diese Entwicklung kann Lutz Berger allerdings nicht vollends bestätigen. „In den letzten fünf Jahren sind die Zahlen recht stabil“, sagt der Pressesprecher des Hessischen Sängerbundes.

Zurzeit seien noch 1 307 Vereine mit 2 201 Chorgruppen und 45 200 aktiven Sängern im Hessischen Sängerbund, zu dem auch der Sängerkreis Biedenkopf gehört, gemeldet. 2016 standen 38 Austritten, 32 Neueintritte gegenüber. In diesem Jahr seien sogar mehr Vereine dazugekommen als gegangen.

Allerdings, sagt Berger, gelte dieser Zustand nicht für alle Regionen gleichermaßen. „Wir stellen fest, dass die Anzahl der Vereine in Mittelhessen sinkt und in Südhessen steigt“, erklärt er. Und insbesondere klassische Männergesangvereine seien vom Aussterben bedroht. „Je eingefahrener und traditioneller die Denkmuster sind, umso schwieriger wird es, den Verein am Leben zu erhalten“, erläutert Berger.

Die Fehler liegen in der Vergangenheit

Die Fehler von „Problem-Vereinen“ lägen bereits 20, 30 oder gar 40 Jahre in der Vergangenheit zurück. Um neue Sänger anzuwerben, müsse man ihnen einen Schritt entgegengehen und ein passendes Angebot unterbreiten. „Die Entwicklung haben viele Vereine verschlafen. Man kann nicht nur stur an seinem sängerischen Repertoire festhalten“, erklärt Berger.

Wichtig sei es auch, die jungen Sänger in den Verein einzubinden und nicht zu verschrecken. „Man muss ihre Interessen ernst nehmen“, betont Berger. Die Möglichkeiten dafür seien vielfältig, ein Universalrezept aber gebe es nicht. „Wenn das so einfach wäre, hätten wir die Probleme ja nicht“, sagt Berger.

Der Sängerkreis Biedenkopf will seinen Vereinen helfen und insbesondere finanzielle Anreize setzen. Beim Kritiksingen solle es in Zukunft auch Geldpreise geben. Auch Fortbildungen zum Thema Marketing wurden bereits angeboten. „Die Wirkungen sind aber noch nicht abzusehen“, sagt Wagner.

Gegenbeispiel Allendorf/Friedensdorf

Auch die Sängerkreise haben in ihrer Arbeit mittlerweile Probleme. Den Wetschaftstaler Sängerbund beispielsweise gibt es nicht mehr. „Sie sind mit der Bitte an uns herangetreten, sich aufzulösen, weil zu wenige Mitglieder noch im Vorstand mitarbeiten wollten. Die Vereine wurden daraufhin auf die umliegenden Sängerbünde verteilt“, erklärt Berger.

Nichtsdestotrotz ist der Pressesprecher des Hessischen Sängerbundes weiterhin zuversichtlich. „Der Chorgesang insgesamt verändert sich. Vereine schließen sich zusammen, gründen neue Jugendgruppen oder gemischte Chöre“, erklärt Berger. Und: „Für jeden Chor, der sich auflöst, findet man auch ein Gegenbeispiel.“

Um dieses zu finden, muss man nicht einmal den Landkreis Marburg-Biedenkopf verlassen. Die Chorgemeinschaft Allendorf/Friedensdorf schloss sich aufgrund der schwindenden Mitgliederzahlen zusammen und zählt aktuell wieder 53 aktive Sänger – mit vielen jungen Nachwuchskräften. „Es hat sich eine tolle Gemeinschaft entwickelt. Einer schaut auf den anderen und man hilft sich gegenseitig“, freut sich Matthias Nassauer.

Glücksgriff Matthias Nassauer

Der Dirigent kann getrost als Glücksgriff für den Verein bezeichnet werden, denn als Nassauer das Ruder übernahm, traten zahlreiche neue Sänger nach und nach in den Verein ein. Der Hintergrund: Nassauer hat seit Jahrzehnten etabliert, dass die Burschenschaft in Allendorf/Hohenfels unter seiner Leitung bei Hochzeiten singt. Und als er die Dirigentschaft übernahm, traten die Burschen auch dem Männergesangverein bei.

„Wir war von Anfang an klar: Ich mache hier keine Altersbegleitung“, sagt Nassauer. „Man muss etwas für die Jugend tun. Von alleine kommt das nicht.“ Deshalb fährt der Verein mit allen Mitgliedern regelmäßig zum Feiern weg. „Die Männergesangvereine haben in ihren starken Zeiten die Jugend vernachlässigt. Wer besonders gut singen wollte, tat sich schwierig damit, die Jugend zu integrieren“, führt Nassauer aus.

Doch auch für Vereine, die den Trend verpasst haben, sei es noch nicht zu spät. Denn: „Grundsätzlich hat jeder Chor, der noch aktiv ist, auch noch die Chance, sich zu retten“, stellt Berger klar.

von Tobias Kunz

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