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Spionieren und richtig langsam surfen

56K-Modem Spionieren und richtig langsam surfen

Es war ein Abenteuer in den 1990er Jahren ins Internet zu gehen. Heute ist „online“ der Normalzustand und offline ein Problem.

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56K-Modems waren die Tore ins Internet. Heute sind sie und ihre Geräusche Technikgeschichte.

Quelle: Foto: Paolo Querci

Marburg. Das Geräusch versetzt mich sofort zurück in meine Schulzeit: Düt. Düt, Düt... Chrrrrrrrrr. Der Kopf nickt mit – es klingt so, als ob das Gerät hart arbeiten müsste, um die Internetverbindung herzustellen.
Solange meine Eltern und Geschwister nicht telefonierten, klappte es meistens: Tata – Online! Chatten per ICQ, Musik von Napster, Counter Strike gegen wildfremde Widersacher. Die ganze wilde Welt in klickbarer Nähe. Dabei immer das schlechte Gewissen, die Telefonleitungen zu besetzen und die Toleranz meiner Eltern in Sachen Rechnung zu strapazieren. Flatratetarife gab es damals noch nicht. ISDN mit zwei Leitungen hatten wir auch erst später.

Zurück zum Geräusch: Woher kam das? Unsere Telefonleitungen wurden entwickelt, um menschliche Stimmen zu übertragen. Wenn Computer herkömmliche Telefonleitungen nutzen sollen, müssen Nullen und Einsen in akustische Signale übersetzt werden. Das machen Modems und das ist, was wir hören, wenn wir uns mit einem Modem ins Internet einwählen: Technologie aus den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts, die sich durch Technologie aus dem 19. Jahrhundert schlawinert.

ISDN sorgt für eine schnellere Verbindung

Beim Aufbau der Internetverbindung teilt das Modem dem Internet Service Provider, zum Beispiel einem Server bei der Telekom, mit, mit welcher Geschwindigkeit es kommuniziert. Je höher die Übertragungsgeschwindigkeit des Modems, desto höher die Frequenz der ersten Töne.

Ein paar Jahre später um die Jahrtausendwende herum hatte ich meinen ersten eigenen Computer und ein ISDN-Modem. Das machte keine Geräusche mehr, war schneller und belegte nur eine der beiden Telefonleitungen.
Das Problem war nur, dass meine Ansprüche und die Angebote im Netz gewachsen waren. Während ich mich früher noch wie ein Pionier fühlte, wenn sich die Website nach fünf Minuten endlich zeigte, nervte mich inzwischen die langsame Verbindung. Selbst wenn ich heimlich beide ISDN-Kanäle mit meinem Modem belegte, dauerten mp3-Downloads noch Stunden. Viele Amerikaner, die in denselben Netzwerken unterwegs waren, genossen ein Vielfaches meiner Geschwindigkeit.

Heute brauche ich mich nicht mehr einwählen, um ins Internet zu kommen. Der Router hält die Verbindung rund um die Uhr. Er macht keine Geräusche und meine Geräte greifen per WLAN drauf zu. Wenn ich wissen will, wie das 56k-Modem genau klang, tippe ich „56k-Modem Sound“ in die Suchzeile und gelange zu einem Youtube-Video mit dem gesuchten Geräusch.

„Abhör-Zentrale“ in den eigenen vier Wänden

Videos im Internet ansehen? Ende der 1990er Jahre war das noch Zukunftsmusik. Zumindest in den Städten ist es heute ganz normal. Wer nicht das Pech hat, in einem der vielen weißen Löcher auf der Breitband-Karte zu leben, kann heute über 56K nostalgiebedingt lachen. Ein Kollege erinnert sich, wie er Essen ging,  während sich der Ladebalken im „Netscape Communicator“ in Super-Zeitlupe füllte. Eine andere Kollegin daran, wie sie immer wieder aus der Leitung flog, wenn ihr Vater das Telefon abhob.
Neben den üblichen Modemgeräuschen konnte man unter Umständen auch Telefongespräche abhören. Zum Spaß wählte ich mich mit meinem Freund Matthi mit Vorliebe dann ein, wenn seine Schwester telefonierte. Unter die Geräusche des Modems mischte sich dann ihr Gespräch. Wir hätten zwar auch an ihrer Tür lauschen können, aber das hätte nicht halb so viel Spaß gemacht.
Auch bei meinen älteren Kollegen ruft das Wort „Modem“ Erinnerungen hervor. Als die Oberhessische Presse nach der Wende nach Eisenach expandierte, gab es dort keine Telefonleitung. Um die Beiträge aus Eisenach in die Druckerei schicken zu können, mietete die Redaktion damals eine Wohnung in Herleshausen an. Der Ort lag direkt an der Grenze – auf der Westseite und hatte die benötigten Anschlüsse, um ein Modem zu installieren.

von Thomas Strothjohann

  • Es gibt noch viel mehr Geräusche, die tief im Gedächtnis sitzen, obwohl ihre Emittenten heute keiner mehr nutzt. Zum Beispiel den ersten Nokia-Klingelton, die unübertroffenen Fantasie-Wörter aus dem Computerspiel Age of Empires.
  • Welche Geräusche erwecken bei Ihnen Erinnerungen? Besuchen Sie doch einmal das Museum der bedrohten Geräusche:
 www.savethesounds.info

Hintergrund: Das 56K-Modem

56K steht für 56 Kilobit. Das sind rund 0,055 Megabit. Moderne Internetverbindungen, sogar mobile, ermöglichen Download-Geschwindigkeiten von rund 100 Megabit. Das ist die 2000-fache Geschwindigkeit dessen, was mit einem 56K-Modem technisch möglich ist.

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