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„Einmal Leberwurst mit Banane, bitte“

"Vom Aussterben bedroht" „Einmal Leberwurst mit Banane, bitte“

Manche Tradition ist Geschmacksfrage. So auch das  Spießlaufen in Wetter. Am Faschingsdienstag heißt es: „Heut ist die liebe Fastnacht, da hab ich mir nen Spieß gemacht.“

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In Wetter wird am Faschingsdienstag die Tradition des Spießlaufens gepflegt. 

Quelle: Marie Lisa Schulz

Wetter.  von Marie Lisa Schulz Wetter. Leberwurst mit einer leichten Bananen-Note, Schaumkuss an Waffelstückchen, kombiniert mit einem Pfefferbeißer. Was für die meisten Menschen unappetitlich klingt, ist für Wetteraner ein Festschmaus. Zumindest einmal im Jahr. An Faschingsdienstag haben die Geschmacksnerven Pause. Dann gilt die Regel: Je abstruser die Essenskombinationen, desto besser.

Mit einem selbstgeschnitzten Haselnussspieß laufen die Kinder von Geschäft zu Geschäft, warten nur darauf, Leckereien aufgespießt zu bekommen. Auch Sarah und Leara Kalden werden an Dienstag ihre Spießrute laufen, üben schon heute fleißig einen der vielen „ Spießlauf-Sprüche“ (siehe Kasten). Denn die Regel besagt: Leckerei gegen Gedicht.

Der Spieß ist heute weniger "fleischig"

Leara und Sarah haben die Tradition von ihrer Mutter Susann Kalden vermittelt bekommen. Die wiederum hat sie von ihrem Vater, Dieter Kalden, übernommen. Die Spieß-Ausbeute ist im Laufe der Jahre süßer, irgendwie weniger „fleischig“ geworden. Gummibären statt Wurst aus der Hausschlachtung.

Dieter Kalden erinnert sich noch an seine Zeit als junger Spießläufer. „Die Spieße waren unsagbar schwer. Die musste man manchmal abstreifen.“ Denn statt Gummibärchentüten und Schokoriegeln wurden dicke Wurstscheiben aufgesteckt. Nicht selten zog sich die Leberwurstspur über den gesamten Stock, vermischte sich mit einem süßen Fastnacht-Kreppel. „Bei uns wurde kein Geschäft ausgelassen. Das, was nicht aufzuspießen war, wurde sofort aufgegessen“, so der 73-Jährige.

Eine Hand voll Pommes in der Frittenbude, eine Kugel Eis beim Eismann. Rein in den Bauch, drauf auf den Spieß. Und warum? „So kann man sich noch einmal richtig satt essen vor Aschermittwoch“, weiß Dieter Kalden. In der Nachkriegszeit gab es einen regelrechten Spießlauf-Tourismus. Aus den Nachbarorten kamen die Kinder, alle in der Hoffnung, ein paar Leckereien abzustauben. „Wir sind nach Oberrosphe gefahren worden. Dort gab es viele Bauern. Wir haben dann versucht, den Spieß mit Wurst voll zu bekommen“, erinnert sich der 73-Jährige.

Der Zahnarzt ist keine gute Adresse

Mit einem Grinsen erinnert er sich an einen zugezogenen Anwalt aus dem Rheinland. „Der kannte die Tradition nicht und hat im ersten Jahr jedem Kind 50 Pfennig in die Hand gedrückt.“ Einem, zwei – am Ende des Tages waren es Hunderte. So etwas spricht sich eben rum. Im nächsten Jahr verteilte er Süßigkeiten. Tradition hat eben auch etwas mit Lernen zu tun. Auch die jungen Spießläufer lernen von Jahr zu Jahr etwas dazu. Beispielsweise, dass es beim Zahnarzt im Ort ausschließlich Äpfel auf den Spieß gibt. Und ein paar belehrende Worte.

An die Obst-Beilage kann sich auch Susann Kalden noch gut erinnern. „In den 70ern waren Bananen sehr beliebt. Aber da muss man dann durch. Man isst nur einmal im Jahr Sachen mit so einem Aroma.“ Irgendwie freut sich die 49-Jährige wieder auf den Faschingsdienstag. „Das ist immer ein Hin- und Hergeflitze.“ Und nicht nur die Kinder sind unterwegs. Der Spießlauf ist zu einem großen Wiedersehenstag geworden. „Viele, die ihre Wurzeln in Wetter haben, kommen an diesem Tag wieder zurück“, weiß Dieter Kalden.

Die Wetteraner – sie pflegen eben ihre Tradition. Verteidigen sie. Kämpfen für sie. Im vergangenen Jahr beispielsweise wurde eine Faschingsfeier für Kinder auf den Spießlauf-Dienstag gelegt. Es folgte ein Protestaufschrei der älteren Generation, Widerspruch von Traditionshütern wie Dieter Kalden. „Der Faschingsdienstag ist zum Spießlaufen da“, sagt Kalden bestimmt. Seine Tochter und seine Enkelin nicken. Drei Generationen an einem Tisch, drei Spießläufer aus Überzeugung. „Dienstag“, reiben sie sich die Hände, „Dienstag gibt es wieder Leberwurst mit Bananenaroma.“

von Marie Lisa Schulz

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