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Das langsame Sterben der Videotheken

Dramatische Umsatzrückgänge Das langsame Sterben der Videotheken

Warum in die Videothek um die Ecke gehen, wenn Filme via Internet auch gleich vom Sofa aus zu haben sind? Die Zukunft der Videothek sieht nicht rosig aus - vor allem die illegalen Downloads bereiten der Branche Sorge.

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Kaugummiautomaten: gibt es die überhaupt noch?

Immer weniger Menschen gehen abends in eine Videothek, um sich einen Film auszuleihen. Die digitale Konkurrenz im Internet gräbt den klassischen Verleihern das Wasser ab.

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Freitagabend in Stadtallendorf. Während die Fußgängerzone wie ausgestorben ist, herrscht in einer Nebenstraße der Niederkleiner Straße reger Verkehr: In der dortigen Videothek wollen viele vor allem junge Leute aus dem Ostkreis einen Film für einen gemütlichen Kinoabend ausleihen - auf DVD oder Blu-ray. Schlange stehen an der Kasse? Kein Problem. Gedrängelt wird nicht. Jeder hat Zeit, niemand hat Eile. Der Filmabend beginnt dann, wenn auf der Fernbedienung die „Play“-Taste gedrückt wird.

Zahl der Videothekenhat sich mehr als halbiert

1740 klassische Videotheken gab es im Jahr 2013 in Deutschland, zehn Jahre zuvor waren es noch rund 4100. Gräbt die wachsende digitale Konkurrenz im Internet mit Filmen auf Abruf (Video-on-Demand) den klassischen Verleihern das Wasser ab? Mehr als 30 Anbieter von Video-on-Demand (VoD) gibt es mittlerweile im deutschsprachigen Raum, darunter Generalisten, die Filme und Serien anbieten, aber auch Spezialisten für deutsche Filme oder das Art-House-Kino.

In Stadtallendorf sind es am Freitagabend vorwiegend Spielfilme, die den Weg in die Wohnzimmer finden: Animationsfilme, Komödien, Thriller - fast alle vor nicht allzu langer Zeit noch auf der Kinoleinwand zu sehen. Das ist ein - wenn nicht sogar der größte - Vorteil für die klassischen Videotheken: Sie bekommen neue Serien und Kino-Kassenschlager meist, bevor sie anderswo verfügbar sind.

Für Jörg Weinrich, Vorstand beim Interessenverband des Video- und Medienfachhandels Deutschland, ist die digitale Konkurrenz der VoD gar nicht die große Gefahr für herkömmliche Videotheken. „Die Abo-Modelle sind eher eine Konkurrenz zum Fernsehen“, sagt er. Und bei den Preisen für das Ausleihen neuer Blockbuster seien die Videotheken um die Ecke sogar oft günstiger.

Was Weinrich und der gesamten Branche wirklich Sorge bereitet, ist die Internet-Piraterie. Bereits seit dem Jahr 2002 litten Videotheken darunter, dass Filme illegal aus dem Netz gezogen würden. „Die Kunden, die der Videothek den Rücken kehren, gehen zur Hälfte auch dem legalen Markt verloren“, erklärt er.

Schaden 2013 beläuft sich auf halbe Milliarde Euro

Schätzungen für das Jahr 2013 gehen von rund einer halben Milliarde Euro Schaden für den legalen Kino- und Videomarkt aus - bei einem Umsatz von rund 2,8 Milliarden Euro jährlich. „Wenn das so bleibt, wird die gesamte Medienbranche bis hin zum E-Book Probleme bekommen“, betont Weinrich. Andere EU-Länder ließen illegale Seiten sperren, in Deutschland passiere in dieser Hinsicht viel zu wenig.

Die Umsätze klassischer Videotheken sanken zwischen den Jahren 2003 und 2013 von 302 auf 210 Millionen Euro. Mit rund 160 Millionen Euro im Jahr 2013 waren die VoD-Umsätze dagegen noch recht bescheiden. Sie machten nur einen Bruchteil aller Umsätze im rund 1,7 Milliarden Euro schweren Home-Video-Markt in Deutschland aus. Dieser wird nach wie vor vom herkömmlichen Verleih und Verkauf von DVD und Blu-ray beherrscht. Auffällig ist aber das Wachstum in der VoD-Sparte: Allein von 2012 auf 2013 waren es 24 Prozent.

Bereits mehr als jeder vierte Deutsche nutzt einer aktuellen Umfrage zufolge regelmäßig kostenpflichtige VoD-Dienste. Bis zu zehn Euro im Monat sind die Nutzer demnach bereit, dafür zu zahlen. Jeder dritte Deutsche sieht in der Flexibilität der Programmwahl den entscheidenden Vorteil gegenüber dem normalen Fernsehen. Jeden Vierten überzeugt zudem der Komfort, das Haus im Unterschied zum Kino- oder Videotheksbesuch nicht verlassen zu müssen.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es laut Branchenverzeichnis „Gelbe Seiten“ noch ganze fünf Videotheken, vier davon werden von der B + E Videothekenbetriebs und Verwaltungs GmbH in Eschenburg unter dem Namen „Movie Vision“ betrieben, darunter auch die Videothek in Stadtallendorf. Von deren Geschäftsleitung war auch auf mehrfache OP-Anfrage keine Stellungnahme zur Zukunft der Branche zu erhalten.

von Katharina Kaufmannund unserer Agentur

Hintergrund

  • Video-on-Demand – zu deutsch: Abrufvideo – beschreibt die Möglichkeit, Filme und Serien im Internet über einen Anbieter kostenlos oder gegen Bezahlung (etwa monatliches Abo) jederzeit anzuschauen.
  • Streaming bedeutet, dass Filme mit einer entsprechenden Software in Echtzeit empfangen werden können. Dafür ist vor allem ein Breitbandinternetzugang nötig.
  • Bei einem  Download wird das Filmmaterial aus dem Netz heruntergeladen, sprich auf einem entsprechenden Medium zwischengespeichert und kann später – je nach Nutzungsdauer – beliebig oft angeschaut werden.
  • Illegale Downloads sind Filme und Serien, die ohne Wahrung der Urheberrechte ins Internet gestellt wurden.
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Von Redakteur Katharina Kaufmann