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Perfekt von der Wurzel bis zur Krone

Unser Wald Perfekt von der Wurzel bis zur Krone

Heute nimmt die OP ihre Leser in der Serie „Unser Wald“ mit auf den zweiten Teil ihrer Baumreise. Unter anderem geht‘s ins Forstrevier Anzefahr. Dort steht ein echter Schatz mitten im Wald.

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Wie Baumriesen die Zeitalter überdauern

„Dieser Baum kann alles!“ Forstamtsleiter Lutz Hofheinz (rechts) und Revierförster Martin Gilbert bewundern im Rauschenberger Wald ein Prachtexemplar von Eiche.

Quelle: Nadine Weigel

Rauschenberg. So ohne weiteres bekommt man die alte Eiche nahe der Rauschenberger Viehweide nicht zu Gesicht, von Waldwegen aus ist sie nicht zu sehen. Revierförster Martin Gilbert marschiert zielsicher durchs Unterholz, bis wir sie erreicht haben.

„Dieser Baum kann alles.“ Die Augen von Lutz Hofheinz strahlen. Klar, man kann nicht reingucken in so einen Baum, aber von außen zu urteilen ist er perfekt, befindet der Kirchhainer Forstamtsleiter. Gerade gewachsen, auf vielen ihrer 40 Metern Höhe ohne Astwerk und vermutlich bestens geeignet für die Herstellung von Furnierholz. An die 10.000 Euro könnte dieser Baum schon bringen, schätzen die beiden Fachmänner.

Eiche als wichtiges Anschauungsmaterial

Doch dieser „Ausnahmebaum“, wie Hofheinz ihn nennt, soll stehen bleiben, so lange es geht. „Den fällen wir nur, wenn er krank wird.“ Solange stellt die Eiche in der Ausbildung von Förstern im Forstamt Kirchhain wichtiges Anschauungsmaterial dar, ist eine Art Lehrbaum. „Wenn ich mal einen von den jungen Förstern wiedertreffe, die die Eiche schon gesehen haben, gilt ihre erste Nachfrage immer diesem Baum: Steht sie denn noch?“, erzählt Förster Gilbert und lacht.

Die Eiche beeindruckt die Forstwirte mit ihrer Qualität und Wuchskraft, liefert ein Beispiel dafür, was die Aufzucht junger Eichen im Idealfall einmal bringen kann. Ihre Ausmaße sind enorm – der Stamm hat einen Umfang von 4,55 Metern und einen Durchmesser von 1,40 Metern. Ihr geschätztes Alter: 260 bis 300 Jahre. „Sie hat schon manchen Nachbarn kommen und gehen sehen, ­etwa vier Generationen anderer Eichen überlebt und immer Schwein gehabt“, sagt Lutz Hofheinz und lächelt.

Acht Prozent der Bäume sind Eichen

Wenn sie einmal anfängt dürr zu werden, dann sind ihre Tage gezählt, „dann verwerten wir das Holz sofort“, stellt Martin Gilbert klar und hofft zugleich, dass dieser Baum noch möglichst lange kerngesund bleiben möge. Im heimischen Wald nimmt die Eiche einen Anteil von rund acht Prozent ein und gehört damit zu den schwächer vertretenen Arten. Mit gut gewachsenen Exemplaren erzielen die Förstereien zwar einen hohen Preis auf dem Holzmarkt, doch bringen Weichhölzer wie Pappel und Birke eine bessere Rendite, erklärt Lutz Hofheinz, „diese Bäume wachsen am schnellsten“.

Eichen brauchen eben eine lange Zeit, bis sie groß und stark werden. Dafür sind sie anderen Arten in vielen Punkten überlegen. So gilt die Eiche als sehr klimatolerant und verträgt auch mal Trockenheit, „anders als die durstige Buche“, sagt der Forstamtsleiter. Somit stehen bei ­trockener werdenden Sommern schwierige Zeiten für den heimischen Wald bevor, denn die Buche nimmt unter den Arten mit 32 Prozent den größten Anteil ein.

Douglasie als Hoffnungsträger im Wald

Ein Hoffnungsträger ist die Douglasie. Lutz Hofheinz zeigt uns einige mächtige Exemplare im Marburger Stadtwald nahe des Freizeitgeländes am Runden Baum. „Sie stammen wohl aus der Zeit Bismarcks“, sagt er und schätzt ihr Alter auf 130 Jahre. Die mächtigste von ihnen bringt es auf einen Umfang von fast vier Metern und auf einen Durchmesser von 1,20 Metern. Dazu hat sie inzwischen eine Höhe von an die 40 Metern erreicht.

Wenn es nach dem Forstmann geht, so könnte die Douglasie in der Zukunft einen höheren Stellenwert im  heimischen Wald einnehmen, „sie ist sehr zukunftsfähig“, sagt Hofheinz und schätzt ihren gegenwärtigen Anteil am Baumbestand auf zwei bis drei Prozent im hiesigen Forst. Die Douglasie gilt als wetterbeständig und weist hohe Festigkeitswerte auf. „Für den Bau von Dach­stühlen ist dies gut – Douglasien sind dafür besser geeignet als Fichten“, erklärt Hofheinz.

Naturschützer hingegen betrachten die Douglasie als fremdes Gehölz und stehen einer Ausweitung des Bestandes eher kritisch gegenüber. „Vor der Eiszeit kam sie hier vor, hat dann aber die Rückwanderung nicht geschafft“, weiß Hofheinz. Die Douglasie im Stadtwald dürfte zu den frühen Exemplaren gehören, die aus Nordamerika wieder hergeholt wurden. „Sie integriert sich, harmoniert mit der Buche, vermehrt sich gut und kommt auch mit wenig Wasser aus“, wirbt er für diese Baumart.

 
Mitmachen
Tolle Bäume, wie wir sie in unserem Serien-Zweiteiler gezeigt haben, gibt es viele im Landkreis. Bewusst haben wir uns dabei eher unbekanntere Exemplare herausgesucht. Den Ruhm solch beeindruckender alter Linden wie der in Fronhausen, Mengsberg oder Himmelsberg beispielsweise, die es schon oft in der Oberhessischen Presse zu sehen gab, schmälert dies sicher nicht. An dieser Stelle sagen wir ein herzliches Dankeschön all jenen, die uns noch weitere Bäume zur Vorstellung vorgeschlagen haben. Und starten zugleich eine Aktion für unsere baumliebenden Leser. Wir sammeln Fotos von Ihren Lieblingsbäumen und präsentieren sie in einer Online-Galerie.
Wer mitmachen möchte schickt ein oder mehrere Fotos von seinem Lieblingsbaum und ein paar Informationen zum Standort und den Eigenschaften des Baums per E-Mail an: online@op-marburg.de, Stichwort: Lieblingsbäume
 

von Carina Becker

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