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Der Traum vom Tod

OP-Dossier Sterbehilfe Der Traum vom Tod

Alfons leidet. Ein letztes Mal schleppt er sich qualvoll auf den Sessel in der Wohnung. Er klammert sich an den Spazierstock, hat sein feines Hemd, die edle Hose angezogen. Der alte Mann will in Würde sterben.

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„Seid mir nicht böse, helft mir“, sagt Alfons nach seiner Entscheidung für einen assistierten Suizid. Die Schmerzen, die der Krebs ihm zufügt, erträgt er nicht mehr.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Es ist ein Moment unerträglicher Schwere. Still, regungslos starrt der Marburger auf die Bilder im Fotoalbum, lässt sein Leben an sich vorbeiziehen. Die Kindheit auf dem Bauernhof, die Jugend in der Nordstadt. Die Erinnerungen an die erste Liebe, Ehefrau Anna, Heirat 1959, ihr Tod 2008. Es ist das letzte Foto, das sich der 72-Jährige je ansehen wird. Seine Reise beginnt gleich. Eine Reise in den Tod, von Mittelhessen 500 Kilometer nach Zürich in die Schweiz, zu den Sterbehelfern von Exit. Es ist der Morgen des 10. Januar 2014 und Alfons weiß, dass er in wenigen Stunden sterben wird.

Der Tag, an dem er die Reise beschlossen hat, war irgendwann im Spätsommer. Er war mit seinen zwei Schwestern in Frankfurt gewesen, bei einem Heilpraktiker. Neue Methoden versprach der. Die halfen auch nichts. Alfons‘ Krebs sei zu weit fortgeschritten, sagte der Mann. Zu spät. Alle Hoffnung verloren. Das letzte bisschen Kraft wich aus Alfons, nicht mal mehr Wut konnte er empfinden. Wenn er sich nicht täusche, sagt er, war da sogar ein Funken Freude, als die letzte Chance vergeben war. Die Therapie hatte er bereits abgebrochen. „Irre hat mich das gemacht“, klagt er. Strahlen, Schläuche, Sensoren: Er fühlte sich nicht mehr wie ein Mensch, aber er wollte es sein, bleiben - und eine letzte freie Entscheidung treffen: den begleiteten Freitod. Es dauerte, bis er seinen zwei verbliebenen Angehörigen, den Schwestern, von seinem Entschluss erzählte. „Seid mir nicht böse, helft mir“, bat er unter Tränen. Die Schwestern weinten mit. Was sollten sie ihm, der so lange unter dem Krebs gelitten hat, entgegnen?

Und wenn Gott doch eine Erklärung verlangt?

„Rechtfertigen muss ich meine Entscheidung nur vor mir“, sagt Alfons. Er sagt das so bestimmt, als müsse er sich selbst überzeugen. Zu groß die Zweifel, dass nach dem Tod doch ein Gott nach Erklärungen verlangt. Alfons ist gläubig, war jahrzehntelang Kirchengänger. So lange er noch laufen, sich ohne Qualen aus dem Bett hieven konnte. Den letzten Gottesdienst besuchte er - er grübelt, seine Lippen zittern - vor fünf Jahren, Weihnachten 2009. Er teilte die Einstellung von vielen Gläubigen zum aktuell politisch wieder diskutierten Thema Sterbehilfe, heißt: Er lehnte sie ab. Und nun? Macht ihn seine unheilbare Krankheit zum Selbstmörder? Er hat sich das Wort Freitod angewöhnt, das ist sein Ausweg - sowohl aus dem Leben als auch aus dem moralischen Dilemma. Leicht sei es für Fremde, Sterbehilfe zu verdammen. Solange man nicht betroffen ist, sind Urteile schnell gefällt. Doch seit zu Hause, in Kliniken, dann im Krankenbett Tage zu Wochen, Monate zu Jahren wurden, will Alfons nur noch eines: dem Schmerz entrinnen.

„Ich leide Qualen, es tut so weh“, sagt er. Immer, wenn er sich vor Pein krümmte, verfluchte er das Leben. Der Tod? Eine Erlösung. Doch dann verging der Schmerz, die Metastasen ließen ihn in Frieden. Eine Stunde, einen Tag, manchmal eine Woche. Der Wunsch zu sterben verblasste, der Überlebenstrieb siegte. Bis zur nächsten Attacke. Monate ging das so. Weitergehen soll es so nicht. Er fordert das, was jeder Mensch für sein Ende hofft: dass es schmerzlos geschieht, im Schlaf. Das garantiert ihm nur ein Mittel, das er von der Schweizer Sterbehilfe-Organisation Exit bekommen wird. Es ist die ersehnte Garantie auf ein Ergebnis, nach vielen enttäuschten Hoffnungen: 2011 die Diagnose Darmkrebs, Überlebenschance 50 Prozent. Es folgen Operationen in Marburg und Frankfurt, Therapien. Zuletzt der Heilpraktiker.

Für Alfons schmeckt jedes Essen wie Asche. Er ist dürr geworden, 57 Kilogramm wiegt er noch. Das Atmen ist ein Röcheln. Das Sprechen fällt ihm schwer. Und immer wieder kommt dieser wilde Schmerz. „Der Krebs foltert mich“, sagt Alfons, er wuchere und fresse ihn auf. So will er nicht leben, so will er nicht sterben. Vom Recht auf Leben sprechen Ärzte und Politiker. Vom Recht auf Tod spricht Alfons. Sein Testament liegt schon länger beim Anwalt, seit er 2012 Mitglied bei Exit wurde. In dem Dokument hat er das zusammengefasst, worum seine Gedanken seit Langem kreisen: Einäscherung, Urnen-Beisetzung, kein Tamtam. Und sein Lieblingslied aus Jugendtagen soll gespielt werden. Fats Dominos „Ain‘t that a shame“ (Ist es nicht eine Schande?“). Er summt den Liedtext. „You made me cry, when you said goodbye.“

„Es wird Zeit“, sagt er zu den Schwestern. Sie stützen ihn auf dem Weg aus der Marburger Wohnung in den Volvo Kombi. Bundesstraße, Autobahn. Frankfurt, Stuttgart. Geredet wird nicht viel. Fünf Stunden Fahrt bis in die Schweiz. Der Zürichsee schimmert. Es wimmelt von Touristen. Alfons widern sie an. So viel Energie, so viel Leben um ihn herum, während er dem Ende entgegenrollt. Von den Sehenswürdigkeiten sieht er nicht viel. Es geht vorbei an schmucklosen Häusern, Typ sozialer Wohnungsbau, in den neunten Distrikt.

Alfons‘ Schwester: „Du schaffst das, Großer!“

Am Mittag parkt das Auto vor der Exit-Geschäftsstelle in der Mühlezelgstrasse. Alfons und seine Schwestern bleiben noch eine Weile sitzen. Irgendwann geht die Haustür auf. Am Eingang wartet Heidi Vogt Däniker, Leiterin Freitodhilfe. Sie lächelt, geht zurück ins Büro. Kein Druck, keine Hast bei den letzten Formalitäten. Die 1982 gegründete Organisation betreibt keine gewerbliche Sterbehilfe, hilft nur volljährigen Schweizer Staatsbürgern, die seit Jahren Vereinsmitglieder sind - so wie Alfons. Er ist einer von jährlich rund 400 Menschen, die Exit in ihren letzten Stunden begleitet. Kosten: Das Leben und, je nach Mitgliedschaftsdauer, ein paar Hundert Euro.

Das Auto fährt Alfons zur letzten Etappe. Ein Haus in Waldnähe. Abgeschieden, ruhig. Sterbensruhig. Alfons wankt zur Tür. Das Zimmer ist karg. Ein hohes Bett, eine Lampe aus den 70ern, ein Telefon. Über dem Bett hängt ein Bild mit Berg-Idylle. Dieses Zimmer wird er nicht mehr lebend verlassen. Alfons kennt die folgenden Schritte, hat die Exit-Broschüren gelesen. Noch eine Nacht leben. Schlafen. Sterben. Das Telefon klingelt am Abend. Exit meldet sich, Terminabsprache. Am nächsten Vormittag klopft Herr S. an die Tür. Der Freitodbegleiter, ein Mann mittleren Alters, ist Krankenpfleger von Beruf. Er begleitet Leidensmüde ehrenamtlich - nur die Fahrtkosten werden ihm erstattet.

Die tödliche Dosis: 15 Gramm Natrium-Pentobarbital

Plötzlich keimen in Alfons Zweifel an der Todes-Garantie. Das tödliche Mittel Natrium-Pentobarbital soll restlos und am besten in einem Schwung hinuntergeschluckt werden. Alfons wird unruhig. Was, wenn er husten muss, sich verschluckt? Bloß nichts falsch machen, wieder aufwachen, ins Koma fallen. Die Ärzte müssten einschreiten, ihm helfen, wenn er doch nicht stirbt. „Nicht mal das Sterben ist leicht“, murmelt er.

Jetzt sind es seine Schwestern, die ihm Mut machen. „Du schaffst das, Großer“, sagt eine. Herr S. streut das Schlafmittel in ein Wasserglas, die tödliche Dosis von 15 Gramm Natrium-Pentobarbital. Alfons greift nach dem Glas, trinkt es aus, problemlos mit einem Schluck. Drei Minuten dauert es, bis er einschläft. Er lächelt, wirkt entspannt wie lange nicht. Es ist sein Triumph, er hat sich aus dem Kerker seiner Qualen befreit. Ein letztes Mal berühren die Schwestern die Hand ihres Bruders, sie weinen. Nach zehn Minuten setzt die Atmung aus. Nach einer Viertelstunde hört das Herz auf zu schlagen. Eine Gerichtsmedizinerin trägt später als Todeszeitpunkt ein: 11. Januar 2014, 12.17 Uhr.

Zwei Wochen später wird die Urne in seinem Geburtsort beigesetzt. Fats Domino singt „Ain‘t that a shame“.

von Björn Wisker

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