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Von wegen "Oh du fröhliche"

Adventsserie Von wegen "Oh du fröhliche"

Die Aufzugstür schließt sich, der lange Arbeitstag von Professor Carsten Konrad endet. Der Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie weiß: Der Dezember stellt viele Menschen vor besondere Herausforderungen.

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Professor Carsten Konrad öffnet die Tür zur Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Wäre das Leben ein Werbespot, würde Kleidung nie an Farbe verlieren, Schokolade für Weltfrieden sorgen und Weihnachten für alle Menschen ein Fest der Liebe, Gemeinschaft und Besinnlichkeit sein. Aber das Leben ist kein Werbefilm. Kein Bilderbuch. Keine perfekte Idylle. Und deshalb werden auch in diesem Jahr wieder viele Menschen die Feiertage allein statt mit Freunden und Familie verbringen.

Selbst aktiv werden

Allein mit ihren Gedanken, ihren Zweifeln und Ängsten. Für Professor Carsten Konrad, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, bedeuten die Feiertage rund um Weihnachten besonders viel Arbeit. „Das ist eine Jahreszeit, in der es hoch her geht. Für viele Menschen ist es eine bilanzierende Zeit. Eigentlich ist es gut, dass wir einen ruhigen Ankerpunkt im Jahr haben. Es gibt aber ein paar Menschen, bei denen diese Tage in der Krise münden.“ Dann ist die Hilfe von Professor Konrad und seinen Kollegen gefragt. „Wir bekommen in der Jahreszeit vermehrt Anfragen von Menschen, die nicht gut familiär eingebunden sind. Es gibt unglaublich viele, die allein sind.“

Konrad kann kein Rezept schreiben, auf dem steht „Pille gegen Einsamkeit“. Er kann nicht mit ein paar netten Worten die Zweifel und Ängste vertreiben. Aber er kann Ratschläge erteilen, wie schon im Vorfeld vermieden werden kann, in eine Spirale der bedrückenden Gefühle zu gelangen. „Wenn man jemand ist, dem die Einsamkeit nicht gut bekommt, dann muss man selbst aktiv werden und den Anschluss suchen.“ Auch wenn es Überwindung kostet: „Es wird immer schlimmer, wenn man nicht dagegen angeht.“ Konrad beobachtet mit steigernder Besorgnis eine Vereinsamung in der Gesellschaft. „Wir leben alle unseren Alltag und wissen vielleicht nicht, dass in der Wohnung nebenan jemand alleine wohnt.“ Dann, wenn in der Weihnachtszeit alle ein bisschen enger zusammen rücken, Zeit haben, sich über das vergangene Jahr Gedanken zu machen, fällt bei manch einem die Lebensbilanz nicht sonderlich positiv aus.

Konrad weiß aber: „Meist ist es nicht die Weihnachtszeit allein, die schwierig ist, meist ist das nur die Spitze des Eisberges.“ Für Personen, die dazu neigen, depressiven Gedanken zu verfallen, wird die dunkle Jahreszeit, in der Werte wie familiärer Zusammenhalt groß geschrieben werden, zu einer Herausforderung. „Für einige führen die Wochen um Weihnachten zum Ausbruch der Erkrankung oder zum erneuten Abrutschen.“ Nein, Konrad kann es nicht ausstellen, das Rezept für „erträgliche Weihnachten“. Ihm bleibt nur im Vorfeld für mehr Planungsmut zu werben.

„Wieso nicht selbst zum Initiator werden und einladen. Manchmal hilft es schon zu wissen, dass man mit jemandem telefonieren könnte, wenn man sich einsam fühlt“, so Konrad. Er rät, die Angebote zu weihnachtlichen Aktivitäten, die beispielsweise von kirchlichen Organisationen im ganzen Landkreis gemacht werden, zu nutzen. Frei nach dem Motto: Zusammen ist man weniger allein.

Bilanz zum Jahresende

Professor Carsten Konrad hofft darauf, dass die Menschen in der Weihnachtszeit noch mehr als üblich aufeinander achtgeben. „Es braucht manchmal Fingerspitzengefühl, wenn es darum geht, einsamen Menschen ein Angebot zu machen, in Gesellschaft die Zeit zu verbringen. Wenn es nicht am 24. Dezember möglich ist - dann vielleicht am Tag danach.“ Hauptsache, so der Psychiater, die Einsamkeit eines anderen nicht hinnehmen oder hoffen, dass sich die Person selbst hilft. Aktiv werden. Sich anbieten.

„Wenn sich ein Mensch schon zurückzieht, bekommt er wenig positive Rückmeldung von seinem Umfeld. Es entwickelt sich eine Depressionsspirale.“ Dass sich bei so viel auferlegter Besinnlichkeit und Gemeinschaft die Laune bei manch einem rapide sinken kann, wundert Carsten Konrad nicht.

Aber nicht bei jeder Gemütsverstimmung, die um die Festtage auftaucht, muss es sich gleich um eine Depression handeln. Trotzdem mahnt er, die Anzeichen ernst zu nehmen. „Die Depression ist eine Stresserkrankung. Wer länger als zwei Wochen in Folge Symptome wie Lustlosigkeit, Freudlosigkeit, sorgenvolles Grübeln, Schlafstörung mit Erwachen in den frühen Morgenstunden oder eine starke Ermüdung, selbst bei kleinster Belastung spürt, der sollte hellhörig werden. „Dann ist das Normale überschritten. Dann braucht man Hilfe.“ Wer danach fragt, wird sie von Carsten Konrad und seinen Kollegen bekommen. Die Spezialisten fangen auf, bieten Rat. Überlegen gemeinsam mit den Hilfesuchenden welche Therapieform eine Verbesserung der Situation verspricht.

Wäre das Leben wie ein Werbefilmchen, würde verpackt unter dem Baum ein Päckchen Zufriedenheit liegen. Dazu eine Portion Sorglosigkeit. Aber das Leben ist kein Werbefilm. Es ist rauer, manchmal farbloser, selten perfekt. Aber - so Konrad - immer lebenswert. Diese Lebensfreude hängt eben nicht wie eine dicke Kugel am Weihnachtsbaum. Sie muss gesucht werden - im Zweifel mit Hilfe der Experten.

von Marie Lisa Schulz

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