Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Sehnsucht nach Liebe und Hoffnung

Adventsserie Sehnsucht nach Liebe und Hoffnung

Trotz alljährlicher Wiederholung, trotz Missbrauchs für Konsum und Sentimentalität: An Heiligabend sind die Kirchen voll mit Menschen, die Sehnsucht haben nach Glaube, Liebe, Hoffnung.

Voriger Artikel
Zwischen Stress und Besinnlichkeit

Die Elisabethkirche in Marburg öffnet – wie alle Kirchen – an Heiligabend ihre Türen für die Gläubigen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Gladenbach. „Weihnachten tut uns gut“, sagt Dekan Matthias Ullrich (Foto unten) aus Gladenbach. „Letztlich wissen wir alle, dass es dabei um mehr geht als Lichterketten und Weihnachtsgeschäft.“ Seine Begeisterung für das christliche Fest und die besonderen Gottesdienste zum Tag von Jesu Geburt, die in der Regel die höchste Besucherzahl im Jahr aufweisen, ist ihm deutlich anzumerken. Natürlich wollen die Menschen etwas fürs Gefühl, das versteht er gut. Er weiß, dass dies auch der Grund dafür ist, dass nach wie vor Krippenspiele so beliebt sind. Die Eltern verfolgen mit stolz geschwellter Brust das Schauspiel der Kleinen, wenn sie die Geschichte von Maria und Josef erlebbar machen. Die alte Geschichte aus der Bibel hat an Attraktivität nichts eingebüßt.

„In jenen Tagen befahl Kaiser Augustus allen Einwohnern des Reichs, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Und diese Volkszählung war die allererste“, zitiert er aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums. „So beginnt keine golden schimmernde Legende - so fängt einer an, der die Heilsgeschichte mitten im Alltag erzählt, das Ewige mitten im Zeitlichen, das Wunder mitten im Normalen“, sagt der Gladenbacher Dekan.

Für Ullrich ist es nicht schlimm, dass viele Menschen nur einmal im Jahr das Bedürfnis haben, einen Gottesdienst zu feiern. Den „Einjährigen“ den Besuch der Gotteshäuser zu verwehren, auf die Idee käme er nicht. „Die Menschen kommen, weil sie etwas suchen, das auch noch bleibt, wenn die Geschenke schon verrottet sind.“ Glaube, Liebe, Hoffnung seien für unser Leben substantieller als materielle Geschenke. Und das spürten die Menschen an Weihnachten, auch wenn die Wirtschaft mit aller Macht versuche, die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen, indem sie Weihnachten zu einem Konsumfest umdeuten.

Dabei könne das Christfest auch die Chance bieten, die spirituelle Dimension des Lebens neu zu entdecken, glaubt Ullrich. Er zitiert die vier Lebensfragen, wie sie Immanuel Kant formuliert hat: Wo komme ich her?; Wo gehe ich hin?; Was darf ich hoffen?; Wie soll ich handeln? Letztlich müsse jeder Mensch diese Fragen für sich beantworten. Im Alltag würden sie zwar meist verdrängt, aber Weihnachten sei eine Gelegenheit, sich ihnen neu zu stellen. „Man kann an Weihnachten auch neu glauben lernen und die spirituelle Mitte seines Lebens wiederfinden“, hat Ullrich schon erfahren.

Dabei gebe es derzeit einen verstärkten gesellschaftlichen Druck zur Säkularisierung (Verweltlichung). „Viele Menschen haben bereits vergessen, dass sie Gott vergessen haben“, sagt Ullrich. „Wer nur in der Wüste gelebt hat, kann sich eine grüne Blumenwiese kaum vorstellen.“ Genau das aber wage der Glaube, über das „Vorfindliche“ hinauszudenken und zu glauben.

In der Heiligen Nacht ist Gott unter die Menschen gekommen. Welchen stärkeren Ausdruck könne es dafür geben als eben die Geburt eines Kindes. „Die wesentlichen Dinge im Leben können wir nicht selber machen. Sie wiederfahren uns“, stellt Ullrich fest. „Auch, dass ich von einem Menschen geliebt werde, kann ich nicht selber machen. Das wiederfährt mir, ebenso wie meine Geburt und mein Tod“. Die Symbolik von Weihnachten stehe für diese Tiefendimension des Lebens.

Und wenn die Menschen dann doch nur an Weihnachten in die Kirche kommen: „Why not?“ sagt der Dekan. „Wenn sie an Ostern wiederkommen, freue ich mich umso mehr.“ Vom Trend zur Abkehr von den Kirchen ist sein Dekanat Gladenbach im hessischen ­Hinterland bisher kaum betroffen. An Sonntagen seien die Gotteshäuser in seiner Region nach wie vor meist gut besucht.

Doch gerate Religion derzeit weltweit durch Fanatismus in Misskredit. „Dafür stehen wir als Kirchen in Deutschland nicht. Glaube und Vernunft widersprechen sich nicht, im Gegenteil, sie ergänzen sich und brauchen einander“, ist Ullrich überzeugt. „Glaube ohne Vernunft wird irrational und Vernunft ohne Glauben wird unmenschlich und kalt. Ich stehe für eine liberale Form von Religion und es lohnt sich, dies zu verteidigen.“

Er ist überzeugt, dass sich das moderne Leben und ein kritischer Geist dem Glauben nicht widersprechen. „Das Weihnachtsfest bietet die Chance, die Tiefendimension des Lebens neu zu entdecken“, sagt er.

von Silke Pfeifer-Sternke

Voriger Artikel