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Plätzchenschwund im alten Schrank

Die Tür in die Vergangenheit Plätzchenschwund im alten Schrank

Wie war Weihnachten - früher als die jetzigen weißen Haare noch blond, schwarz oder braun waren? Das Weihnachten der Kindheit heutiger Großväter aus Weimar fokussiert sich auf ein bestimmtes Datum:6. Dezember 1944.

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Ein Adventsnachmittag in der Alten Kirche extra veranstaltet als Zeit des Erinnerns an Weihnachtszeiten aus der Kindheit. Den insgesamt 20 Teilnehmern hat es gefallen.

Quelle: Götz Schaub

Niederweimar. Bevor die wirklich schönen Erinnerungen herausgekramt werden, müssen viele Weimarer der älteren Generation immer erst eine sehr kalte Erinnerungsmauer durchdringen. Vor der Mauer steht ein Ereignis, das sie alle prägte: Der Nikolaustag 1944. An diesem Tag wurde Gießen von mehr als 250 britischer Bombern fast dem Erdboden gleich gemacht. „Bei den Einschlägen der Bomben zitterte unser Haus“, sagt Otto Weimar. An Nikolaus und Weihnachten dachte niemand. Das einzige Gefühl war Angst. Angst um das eigene Leben, und das Leben von Freunden und Angehörigen. „Tags drauf standen unsere Verwandten vor der Tür“, erinnert sich Weimar. Sie hatten das Bombeninferno überlebt, aber kein Zuhause mehr. „Wir waren froh, sie zu sehen und haben sie alle bei uns aufgenommen.“ -

20 Menschen sitzen bei warmen Kerzenlicht in der adventlich geschmückten Alte Kirche Niederweimar und wollen sich an Weihnachtstage aus ihrer Kindheit erinnern. Die Erinnerung an den Nikolaustag 1944 ist noch sehr lebendig. sorgt noch immer für feuchte Augen. Doch die Mauer bröckelt langsam und es wird wieder heiterer. Ulla Vaupel vom Förderkreis Alte Kirche Niederweimar versucht, weitere Erinnerungen aus den älteren Mitbürgern herauszukitzeln und hat Erfolg. Ja, da gab es doch diesen Brauch, in den Jahren nach dem Krieg. Da verkleideten sich die Kinder am Nikolaustag, ungefähr so, wie es heute Kinder zu Halloween machen. In alten Lumpen sind die Kinder in kleinen Gruppen durch den Ort gezogen, haben sich bei den Leuten vorgestellt mit einem Gedicht und so kleine Belohnungen eingesammelt. „Bis wir müde waren“, sagt einer. „Ja das war für uns Kinder eine schöne Sache“, sagt ein anderer. Die Ausbeute. Ein paar Süßigkeiten, mal ein Apfel.

Hans Schneider dringt tiefer in die Vorweihnachtszeit ein. „Die Bescherung war nicht so üppig wie heute. Da hat man sich mal einen Ball gewünscht, für den aber kein Geld da war. Da war das „Christkind“ noch sehr erfinderisch, legte selbst Hand an und zauberte aus Stoff einen Ball, der mit Heu ausgekleidet wurde.

Es gab sogar den Brauch, jeden Samstag vor den Adventssonntagen einen Stiefel vor die Tür zu stellen. Da gab es dann eine Apfelsine, einen Tannenzweig und Schokolade. Peter Grebe lacht und erzählt: Die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum waren eher von nützlicher Natur. „Wir hatten Landwirtschaft, da musste auch an Heiligabend das Vieh gefüttert werden wie an allen anderen Tagen. Dann wurde der Tannenbaum angebohrt, um dort noch Äste reinzustecken, wo sie fehlten und unter dem Baum lag dann eine neue Arbeitsschürze.“ Ja so war das. Und alle waren in guter Stimmung.

Willi Rabenau erinnert sich an zwei Streiche. Die Plätzchen waren alle im Schrank verstaut, sonst wären sie ja schnell weg gewesen. „Als wir Kinder anfingen, uns heimlich zu bedienen, wurde der Schrank von der Mutter abgeschlossen.“ Aber wo ein Verlangen, da ein Weg. Die Kinder rückten den Schrank heimlich von der Wand und verschafften sich über die hintere Verkleidung des Schrankes einen Zugriff auf die Plätzchen. Mutter wundert sich immer nur, dass die Plätzchen merklich abnahmen. „Dann, als wir wieder einmal den Schrank vorgeschoben hatten, wurden wir von unserem Großvater erwischt. Er sagte nur, dass er uns nicht verraten würde, aber dass jetzt damit Schluss sei. Dann hat er Schraubenzieher und Schrauben geholt und danach war dann auch Schluss.“

Der andere Streich beginnt als harmlose Geschichte. So war es Brauch seines Opas, frühzeitig im November sich für einen Tannenbaum im Wald zu entscheiden. Dieser wurde dann markiert und mit Namensschildchen versehen. Doch als der Nachbar den Baum sah, dachte dieser wohl so bei sich, wer zuerst abschneidet, hat ihn auch. Gedacht, getan. Stolz brachte er den Baum nach Hause und lehnte ihn dort an die Hauswand. Das Namensschildchen vergaß er allerdings zu entfernen. So erkannte Rabenaus Opa den Baum als den seinigen und sann auf „Rache“ Und so tauschte er den Baum gegen einen präparierten Besenstiel mit kärglichen Ästen aus.

Kleiner Nikolaus spieltganz überzeugend

Tja, und dann gibt es auch noch Erinnerungen an die Jugendzeit des jetzigen Weimarer Bürgermeisters Peter Eidam. Der soll einmal als Jugendlicher im roten Bademantel für zwei Geschwister den Nikolaus gespielt haben. Als das ältere Kind schließlich vor dem nächsten Nikolaustag mitbekam, dass der Nikolaus nur gespielt wird, war es zunächst ein wenig traurig. Doch war es gleich Feuer und Flamme. als man ihm anbot, selbst den Nikolaus für die vier Jahre jüngere Schwester zu spielen. Sein schauspielerisches Talent musste die Schwester beeindruckt haben. Diese fragte ihren Bruder später: „Wo warst du denn? Stell dir vor, dieses Jahr war der kleine Nikolaus da.“

Gedichte aus der Kindheit waren bei den Weimarern noch so präsent, als hätten sie sie erst gestern frisch gelernt. Und dann schwenkte das Thema über zu den langen Winterabenden, die man sich damit verkürzte, indem man Theaterstücke einübte für große Unterhaltungsabende, bevor das Fernsehen seinen Siegeszug feierte.

„Nein, ich möchte diese Zeiten nicht missen“, sagt Otto Weimar. Ulla Vaupel hat so viel gehört, sie hofft, dass einige Geschichten und Erinnerungen einfach mal aufgeschrieben und gesammelt werden, quasi als Erinnerungen aus allererster Hand.

von Götz Schaub

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