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Auf holprigen Straßen durch Marburg

OP-Test: Radfahren in Marburg Auf holprigen Straßen durch Marburg

Fehlende Markierungen, Baustellen, enge Straßen – in Marburg lauern einige Gefahren auf Radfahrer. Wie sieht es auf der Strecke von Cappel zum Hauptbahnhof aus? Die OP machte den Test und fand neun Gefahrenstellen.

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An der Cappeler Kreuzung müssen Radfahrer aus der Umgehungsstraße zwischen den Autos warten.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die dritte Teststrecke beginnt unweit der Cappeler Kreuzung (1). Dort werde ich von einem gut gebauten Radweg auf die Umgehungsstraße geleitet, eine zerfurchte Straße ohne Radstreifen. Nicht ganz ungefährlich für Radfahrer, die sich ohne einen Schutzstreifen in die Enge des Kreisels am Fachmarktzentrum begeben müssen. Viel Sicherheitsabstand zu den Autos kann man hier jedenfalls nicht halten.

An der Cappeler Kreuzung ordne ich mich zwischen den Links- und Rechtsabbiegern mittig ein, um geradeaus in die Cappeler Straße zu gelangen. Während es auf dieser Seite keinen Radstreifen gibt, leuchtet mir der auf der gegenüberliegenden Seite knallrot entgegen. Leider endet dieser jedoch hinter der Ampel im Nichts (die OP berichtete), so dass sich die mir entgegenkommenden Radfahrer, genau wie ich, allein auf der Kreuzung zurechtfinden müssen.

OP-Leser „Radwege müssen her“

In der Cappeler Straße (2) befindet sich auf der rechten Seite zwar ein Radweg. Allerdings ist dieser erst ab dem Ortsschild, etwa 30 Meter hinter der Kreuzung, für Radfahrer aus meiner Richtung befahrbar, da er sich erst an dieser Stelle auf die Fahrbahnhöhe absenkt. Leider endet der gestrichelte Radschutzstreifen, der mich bis dahin auf sicherem Abstand zu den an mir vorbeifahrenden Autos gehalten hat, an der Großseelheimer Straße wieder (3).

Es sind Stellen wie diese, die OP-Leser Hans Hasenauer diese Woche in einem Leserbrief kritisierte: „Radwege müssten her! So, wie es in Marburg umgesetzt ist, ist es lächerlich: Irgendwo anfangen und plötzlich aufhören – im Nichts.“ Ich holpere den mit Asphalt-Flicken übersäten Cappeler Berg hinunter und muss an vielen unebenen Stellen meinen Lenker gut festhalten, damit es nicht ausschert.

In der Weintrautstraße angekommen, versuche ich aufgrund der durch parkende Autos bedingten Enge möglichst nah am Bürgersteig entlangzufahren. Trotzdem trauen sich nur wenige Autofahrer, mich zu überholen, so dass sich hinter mir ein kleiner Rückstau bildet (4). Ich versuche, mich nicht stressen zu lassen und mich ausschließlich auf die Überquerung des dreispurigen Alten Kirchhainer Wegs zu konzentrieren, auf dem für Fahrradfahrer kein Platz zu sein scheint.

In der Wilhelm-Röpke-Straße tut sich wieder ein Radweg auf, der mich sicher zum Hauptbahnhof führt. Kurz davor weist ein Schild darauf hin, dass es für Radfahrer nun auf dem Fußgängerweg weitergeht. Dort befinden sich weitere Bodenmarkierungen, die aber plötzlich aufhören. Der Weg ist ab sofort nur noch für Fußgänger ausgeschildert, also steige ich vom Rad. Wieder einmal fallen mir die vielen Fahrräder auf, die hier an Geländern, Straßenlaternen und Baumschutzzäunen abgestellt wurden.

Gullydeckel stellen große Gefahr dar

Auch OP-Leser Reiner Schrauf beschwerte sich diese Woche: „Wie es den Sehbehinderten am Bahnhof durch wild liegende, irgendwo abgestellte, Rampen zugestellte Wege für Rollifahrer, schwer gemacht wird, sich zu orientieren, da sollte man sich beim Ordnungsamt doch mal Gedanken machen.“ Vom Hauptbahnhof möchte ich zurück in den Krummbogen fahren, werde aber von einem Busfahrer übersehen, der mir mit seinem Fahrzeug so gefährlich nahe kommt, dass ich auf den Fußgängerweg ausweiche und schiebe (5).

Etwas anderes bleibt mir als Linksabbieger auch nicht übrig, denn erst in Höhe der Reisebus-Haltestelle tut sich plötzlich ein Radweg auf. Dieser ist mit Gullydeckeln nur so gepflastert, die teilweise so tief in die Erde gelassen sind, dass ich, um nicht die Kontrolle über mein Rad zu verlieren, auf die Fahrbahn ausweichen muss (6). Ich fahre an den Universitätsgebäuden und der Mensa vorbei und schließlich auf den Lahnradweg. Auf dem Wehr ist Vorsicht geboten, denn am Ufercafé und dem Fahrrad- und Bootsverleih tummeln sich viele Gäste (7).

Gewarnt wird man als Radfahrer davor allerdings nicht. Eine weitere Gefahrenstelle also – auch deshalb, weil das Café sich hinter einer Brücke befindet und für Radfahrer aus meiner Richtung nicht einsehbar ist. Auf dem Lahnradweg staut sich der Verkehr aufgrund mehrerer Radfahrer, Jogger, Hundehalter und Spaziergänger stellenweise. Es kommt mir auch eine Frau entgegen, die drei Hunde an einer langen Leine ausführt. Als sie mich sieht, zieht sie die Hunde rechtzeitig zu sich, so dass ich gefahrlos an ihr und ihren Vierbeinern vorbei komme (8).

Neun Gefahrenstellen insgesamt

Diese Art von Rücksicht wünscht man sich von den Verkehrsteilnehmern auch an anderen Stellen. OP-Leserin Agnes Pflüger berichtete uns, dass Fußgänger in Marburg häufig ohne sich umzusehen über die Straße laufen. „Mir ist dieses am Südbahnhof passiert, wo ein Passant unvermutet über die Straße gerannt ist und zwar genau in mein Fahrrad, da ich gerade auf gleicher Höhe auf der Straße fuhr und mich sehr schmerzhaft zu Fall gebracht hat!“, so Pflüger (9).

Als ich dort angekommen in die Frauenbergstraße einbiegen will, überquert vor mir tatsächlich ein junges Paar mit Kinderwagen die Straße, nicht am Zebrastreifen, sondern ein paar Meter davor. Da mir kein Auto entgegenkommt, kann ich noch rechtzeitig ausweichen. Neun Gefahrenstellen für Radfahrer zwischen Cappel und dem Hauptbahnhof – das ist das Ergebnis des dritten und aktuellsten Radwegtests der OP.

Besonders gefährlich wird es für Radler an Stellen, wo Radwege und Schutzstreifen plötzlich enden und sie auf die Straße ausweichen müssen. Der Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), Norbert Sanden, fordert unterdessen die Einbindung des Fahrrads in den Straßenverkehr: „Die Einrichtung einer Tempo-30-Straße kann den Bau von Radwegen ersparen.“

von Ruth Korte

 
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