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Zusammen ist man weniger allein

OP-Serie: Nebenan Zusammen ist man weniger allein

Es wird gelacht und geweint, sich gestritten und wieder versöhnt. 50 Bewohner zählt das Altenpflegeheim Tabor. 50 verschiedene Charaktere, 50 Lebensgeschichten.

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Quelle: Alexander Pavle

Marburg. Wie gerne würde sie ihre Hand ausstrecken und sagen „Hallo, nennt mich doch Elisabeth“. Aber ihre Hand umgreift fest den Griff ihres Rollators. Sie streckt sie nicht aus. Noch nicht. Hier heißt sie ganz förmlich „Frau Willershäuser“. Die Neue. Die, die erst seit einigen Wochen im Altenpflegeheim Tabor lebt.
Helga Schlotfeldt hingegen hat bereits seit zehn Jahren ein Zimmer in der Einrichtung. Ihre einzige Duzfreundin hat sie verloren. Eine neue will sie nicht. Zu sehr hat sie der Tod ihrer langjährigen Wegbegleiterin mitgenommen. Gemeinsam waren die beiden Frauen aus Berlin nach Marburg gezogen, hatten Tür an Tür gelebt. Jeden Tag miteinander verbracht. Seit dem Tod ihrer Freundin ist aus „Helga“ wieder „Frau Schlotfeldt“ geworden. Sie sucht die Einsamkeit. Meidet die Gemeinschaft. Kann und möchte sich nicht mehr in die Gruppe integrieren.

"Wir führen hier keine Zwangsbeglückung durch"

Marianne Sellge (80) kennt „Helga“ noch aus ihren Duz-Zeiten. Als ihre Gesundheit noch besser, ihr Lebenshunger noch nicht gestillt war. Damals, als sie noch jeden Mittag mit ihrer Freundin Karten drosch. Eine Runde Romee kurz vor dem Mittagsschlaf. Marianne Sellge selbst wohnt seit drei Jahren in dem Altenheim. Ruhe? Findet sie hier nicht. Sucht sie auch gar nicht. Sie bringt sich ein. Ist aktiv. Engagiert sich als Sprecherin des Heimbeirates. Als sie merkte, dass sie in ihrer eigenen Wohnung nicht mehr allein zurecht kam, zog sie die Konsequenz.   Sie packte ihre Sachen, löste ihre Wohnung auf, reduzierte ihr Leben auf 15 Quadratmeter.
„Es ist eine überschaubare Größe. Aber beim nächsten Umzug kann ich gar nichts mitnehmen.“ Das Leben im Altersheim  – für sie sowohl Bereicherung als auch Herausforderung.
„Hier ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Man muss Respekt lernen. Menschen tolerieren, die anders sind“, weiß auch Pflegedienstleiterin Sonja Noah. „Jeder hat hier auch das Recht, alleine sein zu dürfen. Wir führen hier keine Zwangsbeglückung durch.“
Das Recht alleine sein zu dürfen, ohne zu vereinsamen. Die Möglichkeit, Gesellschaft zu suchen, ohne sich zu verpflichten.  Frau Sellge, Frau Schlotfeldt und Frau Willershäuser schätzen dieses Recht. Drei Frauen, drei unterschiedliche Lebensbiografien. Drei Frauen, deren Wege sich erst im Alter kreuzten.  Frauen, die zu Nachbarn wurden und die unterschiedlichsten Erwartungen an das Leben im  Pflegeheim stellen.
„Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, mich bedienen zu lassen“, erklärt Marianne Sellge. Die Energie, die sie einst für Kochen, Putzen oder Einkaufen benötigte, lenkt sie nun in ihre Tagesgestaltung. Langeweile – mag sie nicht. Stillstand? Kennt sie nicht.  Die gebürtige Berlinerin setzt sich für die Interessen ihrer Mitbewohner ein, ist Kummerkasten und Kontaktperson. Sie poltert nicht direkt los. Überlegt lange, bevor sie spricht. Das, was sie sagt, ist wohl durchdacht. Scharfzüngig. Lässt keine weiteren Fragen offen. Sie hat ihre eigene, raue aber herzliche Art. Ihre „Berliner-Art“. „Wir haben unsere Ecken und Kanten“ scherzt sie. Und genau dafür wird sie hier geschätzt. Sie hat ihren Platz, ihre Aufgabe gefunden.

Mit dem "DU" kommt auch die zwischenmenschliche Wärme

Elisabeth Willershäuser ist da noch in der Findungsphase. Jeden Morgen zwingt sie sich, von vorn zu beginnen. Versucht sich gerade, an den Tagesablauf zu gewöhnen. Die festen Essenszeiten geben Sicherheit und schaffen Verbindlichkeit. Mittagessen um zwölf. Kaffee um drei.  Abendessen um sechs. Dazwischen viel Zeit, den eigenen Interessen nachzugehen.  Mit ihren 83-Jahren neu anzufangen, sich an neue Strukturen zu gewöhnen, neue Menschen kennenzulernen – das erfordert Kraft und Disziplin. „Ich bin hier versorgt“, sagt sie. „Aber ich kenne hier einfach noch keinen Menschen. Das zwischenmenschliche „Du“ fehlt mir noch. Das macht doch die Wärme aus.“
Sie nimmt Teil an den Angeboten. Bastelt, liest, macht Gymnastik. Will sich integrieren. Nur manchmal, da fehlt es ihr noch an Mut. Dann traut sie sich nicht, nach dem Mittagessen an der Tür ihrer Zimmernachbarin zu klopfen. Irgendwie hat sie verlernt, neue Kontakte zu knüpfen. Das Zusammenleben Tür an Tür mit unterschiedlichen Menschen und unterschiedlichen Krankheitsbildern ist neu für sie.
„Hier im Haus findet sich das ganz normale Leben wieder. Hier gibt es Sympathie und Antipathie“, erklärt Pflegedienstleiterin Sonja Noah. Hier treffen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenseinstellungen und Ansichten aufeinander. Menschen, die es jahrzehntelang gewohnt waren, ein selbstständiges Leben zu führen. Nun erhalten sie Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags.  Manche mehr, manche weniger. Und trotz der verschiedenen Ansichten und Ansprüche,  sind sich alle in  einem Punkt einig: Zusammen ist man weniger allein.

von Marie Lisa Schulz

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