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Seite an Seite, wenn es brennt

OP-Serie "nebenan" Seite an Seite, wenn es brennt

Was haben ein Doktor der Chemie, ein Kaufmann und ein Fernsehtechniker gemeinsam? Eigentlich nichts - es sei denn es brennt in Marburg.

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Steffen Zeidler (von links), Udo Schreiner und Gero Becker in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, die 52 Spinde des 1. Zugs der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte. In vier Reihen wird dort in den lackierten Spanholz-Fächern dicht an dicht das untergebracht, was jeder Feuerwehrmann oder -frau an grundlegender Ausrüstung braucht, wenn die Alarmsirene aufheult: Helm, Feuerschutzkleidung, Stiefel, Handschuhe und Schutzmaske. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass doch nicht jeder Spind gleich ist.

Ein orangener Hase als Glücksbringer

„Man erkennt sofort, wer ordentlich, penibel oder chaotisch ist“, sagt Steffen Zeidler, stellvertretender Zugführer des ersten Zugs der Feuerwehr Marburg-Mitte. Denn abseits der grundlegenden Ausrüstung, die vorgeschrieben ist, hat jeder Feuerwehrmann und -frau seine bzw. ihr eigene Ausrüstung. Und das betrifft nicht nur Erweiterungen für den Notfall. „Viele Feuerwehrleute haben eigene Glücksbringer“, sagte Zeidler, der selbst einen orangenen Hasen im Spind stehen hat. „Wir haben damals bei einem Fehlalarm in der Diakonie-Station Marburg-Wehrda kleine Geschenke bekommen. Zeidlers Geschenk war ein Überraschungsei in dem der orangene Hase zu finden war. „ Keine Ahnung, warum genau der Hase. Aber bisher hat er als Glücksbringer geholfen.“

Natürlich lache man über diese Glücksbringer, sagte Udo Schreiner, der mit dieser Art des vermeintlichen eigenen oder gemeinschaftlichen Vorteils - sofern er denn einer ist - nichts anfangen kann. „Ich glaube nicht an so etwas“, sagte Schreiner. Spind-Nachbar Gero Becker kann dagegen sehr wohl etwas mit Glücksbringer anfangen, auch wenn der Chemie-Doktor seinen nur im Auto und nicht in der Feuerwehr-Station hat. „Feuerwehrleute sind eigene Persönlichkeiten. Jeder geht mit dem Stress anders um“, sagte Becker, der seit elf Jahren ehrenamtlich für die Feuerwehr tätig ist.

Den Chemiker, den Fernsehtechniker (Zeidler) und den selbstständigen Kaufmann (Schreiner) verbindet trotz ihrer Spind-Nachbarschaft vor allem eines: Die Kameradschaft. „Ich komme aus einem kleinen Ort, Steffen aus Brandenburg und Gero ist hier auch wegen der Liebe hängen geblieben. Aber obwohl wir alle so unterschiedlich sind, wenn es darauf ankommt stehen wir alle zueinander“, sagte Schreiner.

Die Feuerwehr hat die unterschiedlichen Charaktere mit den Jahren zusammen geschweißt. „Diese Beschäftigung, bei der man nicht vergessen darf, dass sie ehrenamtlich ist, ist ein Anker für die meisten von uns“, sagte Becker, der die Freiwillige Feuerwehr Marburg-Mitte als „dynamischen und vielfältigen Haufen“ sieht, vor allem auch durch die vielen Studenten, die hier neu dazukommen und ihre eigenen Impulse geben. „So haben wir einen hohen Qualitätsstandard. Aber gleichzeitig ist man auch immer motiviert, da sich fachliches Wissen durchmischt und man neue Herausforderungen hat“, sagte Schreiner.

Ist es dabei egal, woher man kommt? Ja, sagen Zeidler, Schreiner und Becker. „Es gibt manchmal Situationen, in denen man vermitteln muss, wenn Streitigkeiten auftauchen. Aber ich habe es auch erlebt, nicht zuletzt bei einem plötzlichen Trauerfall in der eigenen Familie, dass im Ernstfall jeder für jeden da ist“, sagte Zeidler. „Wir machen auch nur Feuer aus, wie in jedem anderem Dorf“, sagte Schreiner, der in seiner Jugend in einem kleinen Dorf einzig zwischen Fußballverein und Feuerwehr wählen konnte. „Es ist einfach eine schöne Kameradschaft, egal woher man kommt oder woher man sich kennt“, sagte Schreiner.

Manchmal fehlt ein bisschen das Verständnis

„Die meisten Menschen wissen oft nicht, dass wir ehrenamtlich arbeiten. Vor allem nicht, wenn man bei einem Einsatz sagt, dass man gerade erst aufgestanden ist“, sagte Becker. „Manchmal dauert es fast die ganze Nacht, bis man nach einem Einsatz wieder eingeschlafen ist. Aber viele Menschen wissen es auch zu schätzen, was wir jeden Tag leisten“, sagte Becker.

Hintergrund

  • Die Freiwillige Feuerwehr Marburg-Mitte besteht aus zwei Zügen mit derzeit ca. 110 Männern und Frauen die sich ehrenamtlich für die Sicherheit dieser Stadt engagieren. 
  • Der 1. Zug befindet sich in der Hauptfeuerwache (HFW) am Erlenring und der 2. Zug mit seinem Gerätehaus in der Wilhelm-Roser-Straße. 
  • Die Aufgaben Feuerbekämpfung und allgemeine Hilfe werden vom Fachdienst Brandschutz mit seinen hauptamtlichen Kräften und der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte übernommen. Der Fachdienst Brandschutz ist Montag bis Freitag von 6 bis 18 Uhr auf der HFW tätig. 
  • Ab 18 Uhr bis 6 Uhr morgens, sowie am Wochenende und Feiertagen werden diese Aufgaben ausschließlich von den ehrenamtlichen Kräften übernommen.

von Andreas Arlt

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