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Kollegen für Einzelgänger

OP-Serie: Nebenan Kollegen für Einzelgänger

Drei Marburger Selbstständige sind mit ihren Büros zusammengezogen. In der OP-Serie "Nebenan" sprechen sie über die Vorteile ihrer neuen "Nachbarschaft".

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Ganz so dicht sitzen die drei in ihrem Gemeinschaftsbüro nicht zusammen. Tatsächlich sagen sie, dass sie alle die nötige Ruhe zum Arbeiten finden. Auch Kundengespräche führen sie im Büro: in der „Kommunikationsecke“.

Quelle: Grafik: Pavlenko

Marburg. Es ist Mittwoch, neun Uhr am Morgen. Sebastian Kraus hat gerade das Frühstück beendet, als das Telefon klingelt. Ein Kunde ist dran. Er will hören, wie es mit den Texten für die neue Broschüre voran geht.

„Es ist schwer, auf Knopfdruck vom Privatleben in den Beruf zu wechseln“, sagt Kraus. Als er sein Büro noch zu Hause hatte, musste er diesen Wechsel ständig meistern. Doch die Zeiten sind vorbei: Im Januar dieses Jahres hat Kraus einen Raumteiler zwischen Privat- und Berufsleben hochgezogen. Er hat den Schreibtisch zu Hause abgebaut und ist damit zu Katharina Peuker und Stefan Stein ins Gemeinschaftsbüro in der Barfüßerstraße gezogen.

Etwas mehr als jeder zehnte Erwerbstätige im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist selbstständig (Hessen-Statistik 2009). Besonders im Mediensektor gibt es viele Freischaffende, die von zu Hause aus arbeiten. Viele genießen die Freiheit, die Arbeitszeiten frei einzuteilen. Aber diese Freiheit hat eben auch ihre Tücken. „Texten ist auch mein Hobby. Ich denke gerne noch über Zeilen nach, wenn ich zu Hause bin“, sagt Krause. Seitdem er ein Büro hat, falle es ihm aber leichter, abzuschalten.

Ein Büro kostet Geld und auf den ersten Blick erscheint es ineffizient, jeden Tag ins Büro zu fahren, obwohl man auch von zu Hause aus arbeiten könnte. Doch Sebastian Kraus ist sich sicher, dass sich die Ausgaben lohnen. Das Büro kostet ihn nicht viel, weil er sich die Miete mit seinen neuen Kollegen teilt. Und die Bürogemeinschaft hat noch weitere wertvolle Vorteile.

Mal arbeiten sie zusammen, meistens für sich

Stefan Stein ist mit seiner Werbeagentur seit Juli 2010 dabei. Er hat seine eigenen Kunden, aber manchmal, sagt er, bräuchten seine Auftraggeber auch einen Werbetexter oder Grafiker. „Dann ist es gut, wenn ich jemanden empfehlen kann“, sagt der 44-Jährige. „Umso besser, wenn dieser mit mir im gleichen Büro sitzt und wir uns austauschen können.“

In dem Gemeinschaftsbüro ist zurzeit noch ein Schreibtisch frei. Obwohl es natürlich hilfreich wäre, noch einen Programmierer oder Fotografen im Büro zu haben, ist der Beruf, so Stein, kein Auswahlkriterium für einen neuen Kollegen. Er könne sich auch vorstellen, dass es inspirierend wäre, wenn eine Schneiderin am Nebentisch arbeiten würde. „Jeder hat seine eigenen Projekte und in den Mittagspausen gehen wir gemeinsam in der Oberstadt essen. Positive Unverbindlichkeit“, nennt Stein das.

Während es in Berlin und Hamburg schon ganze Häuser gibt, in denen Freischaffende einzelne Tische anmieten, ist das so genannte „CoWorking“ (engl. für zusammen arbeiten) in Marburg noch nicht verbreitet. Wenn sich genügend Interessenten finden, könnte Kraus sich aber vorstellen, ein größeres Büro mit mehr Arbeitsplätzen zu suchen. Er ist begeistert, dass seine berufliche Einsamkeit endlich ein Ende hat.

von Thomas Strothjohann

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