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Käsekuchen ist wichtiger als die Krankheit

OP-Serie "nebenan" Käsekuchen ist wichtiger als die Krankheit

In einem kleinen Café in Ockershausen wird das Wort "Inklusion" gelebt. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

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Andreas Bork (links) und Johann Brandt arbeiten im Allee Café in Ockershausen. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Andreas Bork ist ein Sprachtalent. Englisch beherrscht er fließend. Ohne grammatikalische Fehler, ohne in seinem Kopf lange nach den passenden Worten suchen zu müssen. Sein Talent wird den wenigsten Menschen je auffallen. Denn Andreas Bork spricht selten. Und Englisch schon mal gar nicht. Ihm fällt es schwer auf Menschen zuzugehen. Smalltalk ist für ihn ein Graus. Trotzdem arbeitet er seit einiger Zeit im Allee Café in Ockershausen. Einem Café, das von dem Verein Spectrum e. V. ins Leben gerufen wurde. Mal ist er als Küchenkraft eingeteilt, mal im Service. Jeder Kaffee, jedes Stück Kuchen, das er serviert, ist eine kleine Herausforderung für den 24-Jährigen. Eine, der er sich jeden Morgen aufs Neue stellt.

Rezepte aus Amerika

In dem Café arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Seite an Seite. Hier wird das Wort Inklusion wörtlich genommen. Spectrum e.V. hat ein Ziel: Sonderwelten vermeiden. Menschen mit Behinderungen werden an regulären Arbeitsplätzen unterstützt, betreut und begleitet. Das neueste Projekt des Vereins: Das Café. Eingebettet in eine funktionierende Nachbarschaft. Ein Ort, an dem Menschen aller Generationen aufeinander treffen. Ein Café, in dem kein Unterschied zwischen Behinderten und Nichtbehinderten Arbeitskräften gemacht wird. Sie alle müssen sich an Absprachen halten, sie alle können sich einbringen. „Wir versuchen nicht die Leute passend für den Arbeitsmarkt zu machen, sondern den Arbeitsmarkt passend für die Leute“, erklärt Geschäftsführer Tim Thielicke. Irgendwie fühlt sich der 30-Jährige nicht wohl mit der Presse am Tisch. Widerspricht so viel Tam-Tam doch dem Grundgedanken von Spectrum. Das Besondere soll zum Alltäglichen werden - kein Grund großes Aufheben darum zu machen. Über die Käsekuchen- und Brownierezepte, nach denen im Allee Café gebacken wird - über die lohne es sich zu schreiben. Aber doch bitte nicht über die besonderen Arbeitsverhältnisse.

Die Rezepte hat Thielicke aus Amerika mitgebracht. Fünf Jahre arbeitete er in Dallas. Als Vertriebsleiter eines Möbelunternehmens. 2010 kehrte er nach Marburg zurück. Im Gepäck: die Backrezepte und viele Ideale, die er in seinen Lebensmittelpunkt rücken wollte.

Ausgewandert war er allein. Zurück kehrte er mit seiner Frau und einem gemeinsamen Kind. Bei seinem Sohn (2) wurde Down-Syndrom diagnostiziert. Nichts, was den jungen Familienvater verzweifeln ließe. Aufgewachsen mit einer geistig behinderten Schwester weiß er: Menschen mit einer Behinderung unterscheiden sich kaum von Menschen ohne Behinderung. Auch sie haben Ziele und Träume. Auch sie bringen viele Fähigkeiten mit, die es zu entdecken und fördern gilt. Seinem Sohn möchte er mit dem Café die Chance geben, später auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wenn er denn will. Denn der junge Familienvater hat sich eines vorgenommen: Den Lebensweg seines Sohnes nicht vorzugeben. „Die größte Herausforderung bei der täglichen Arbeit ist es, einen guten Umgang zu finden, der allen gerecht wird. Wir versuchen die positive Motivation zu halten und freuen uns auf Besucher, die sich in unserem Café wohl fühlen und somit ein nettes Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeiter schaffen.“

Während Tim Thielicke spricht, blickt ihn Johann Brandt konzentriert an. Der 47-Jährige sucht den Dialog zu den Gästen. Er ist wortgewandt. Hat Witz. Versprüht Charme. Die Arbeit im Café gibt ihm Halt. Der feste Tagesablauf Sicherheit. Denn manchmal, wenn er allein ist, dann ist von Witz und Charme nicht mehr viel zu spüren. Dann befindet er sich in einem Loch. In einer Krise. Die Arbeit ist mehr für ihn als eine Beschäftigung. Sie ist sein Strohhalm, an dem er sich festhalten kann. „Hier kann ich mich entfalten“, erklärt Johann Brandt. Und deutet auf Tim Thielicke. „Manchmal ist er ein bisschen hektisch. Dabei sage ich ihm immer: In der Ruhe liegt die Kraft.“

Er kritisiert mit scharfer Zunge und sanften Blick. Und Tim Thielicke hört zu. In den nächsten Minuten versucht er weniger hektisch, weniger getrieben zu sein. Lehnt sich in den Ledersitzen zurück und beobachtet das geschäftige Treiben in dem Café. Am Nebentisch hat eine junge Familie Platz genommen. Einen Tisch weiter sind zwei ältere Männer in ein Gespräch vertieft. Sie lachen leise, bestellen noch ein Stück Kuchen.

Das Café liegt genau gegenüber vom Friedhof in Ockershausen. Häufig buchen Trauergäste die angeschlossenen Räumlichkeiten. Kuchen und Gebäck werden allesamt in der kleinen Backstube des Cafés angefertigt. Alles mit regionalen Produkten. „Wir versuchen den lokalen Zusammenhalt zu prägen“, erläutert Thielicke. Das Café - es soll ein Ort der Begegnung sein.

In dem das Besondere zum Normalen wird, in dem täglich der Beweis vorgelebt wird, das auch Menschen in speziellen Lebenssituationen eine verantwortungsvolle Arbeit übernehmen können. „Wir haben das Ziel von Inklusion erreicht, wenn wir zwischen Behinderten und nicht behinderten Menschen keinen Unterschied mehr machen“, sagt Thielicke. Fast hoffnungsvoll schiebt er hinterher: Wollen sie nicht doch lieber über die Käsekuckenrezepte schreiben? Nein, wollen wir nicht. Wir wollen dieses gelungene Beispiel an Inklusion vorstellen.

  • Leben Sie in einer ungewöhnlichen Nachbarschaft oder kennen Sie Menschen, die in außergewöhnlichen Wohnverhältnissen zusammenleben? Dann schreiben Sie uns an serie@op-marburg.de oder rufen sie an: 06421/409376

von Marie Lisa Schulz

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