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Ein Blick hinter die Klostermauern

OP-Serie "Nebenan" Ein Blick hinter die Klostermauern

Sie leben gemeinsam hinter Klostermauern. Essen, beten und arbeiten zusammen. Die Gemeinschaft gibt ihnen Halt, fordert aber manchmal auch Kompromissbereitschaft.

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Pater Josua wärmt sich das Essen auf, das Pater Eduard für ihn gekocht hat.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Kirchhain. Pater Josua beherrscht sie, die Regeln der Gesprächsführung. Er sucht den Blickkontakt, antwortet zügig, nie aber unüberlegt. Kein hektischer Blick auf die Uhr, kein drängeln in der Stimme. Er ist präsent. So sehr, dass es fast irritierend wirkt. Und dann gibt es doch diesen einen kleinen Moment, in dem sein Blick kurz abschweift. Seine Gedanken für den Bruchteil einer Sekunde auf Wanderschaft gehen. Es ist der Moment, in dem sich der schwere Essensduft unter der Tür hindurch schiebt. „Pater Erhard kocht gerade. Er lernt das neu“, erklärt Pater Josua fast entschuldigend.

Zwei Pater im Stress: Personalnot im Kloster

Pater Erhard und Pater Josua – sie wohnen beide im Franziskanerkloster in Kirchhain. Sind Arbeitskollegen und Glaubensbrüder, Mitbewohner und auch Freunde. Sie beten, essen und arbeiten zusammen. Rein theoretisch. Denn manchmal fehlt ihnen auch für das Leben in der Klostergemeinde die Zeit. Die Arbeitsbelastung der letzten Monate hat ihre Spuren hinterlassen. Ein dritter Pater wurde abgezogen. Die Aufgaben sind jedoch nicht weniger geworden, wurden nur neu verteilt. Seither sind die gemeinsamen Mittag- und Abendessen weniger geworden. Die Kochstunden fallen kürzer aus. Krank werden? Undenkbar. „Ich lag in der letzten Woche einen Tag im Bett. Wurde aber noch kranker, weil ich wusste, dass ich Pater Erhard allein lasse“, erklärt der 39-Jährige. Sie sind eben mehr als Arbeitskollegen. Sie sind eine feste Gemeinschaft, ein funktionierendes Team. Freunde.
Zu zweit, maximal zu dritt in einem Kloster leben – für Pater Josua nach all den Jahren noch immer eine kleine Herausforderung. Im Jahr 2000 kam er aus Polen nach Deutschland. Ohne die Sprache zu sprechen. Ohne vorher die Region gekannt zu haben. „Ich war anfangs ein bisschen hilflos. Die Sprache ist unser wichtigstes Werkzeug. Und ich musste sie erst lernen.“ Hilflos. Ja. Und einsam? „Ja, sicher gab es auch solche Gefühle. Zuvor hatte er in größeren Glaubensgemeinschaften gelebt. Mit bis zu 60 Glaubensbrüdern unter einem Dach. Nicht zu vergleichen mit der Situation heute.
„Wir lernen im Alltag Nächstenliebe. Es kommen nach einiger Zeit auch Seiten des anderen zu Tage, die man vorher nicht kannte. Jeder hat seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen. Mit denen muss man lernen umzugehen“, macht Pater Josua deutlich.
Früher – als das Zusammenleben in der Gemeinschaft nicht so direkt, so unmittelbar war, da konnte mancher Diskussion aus dem Weg gegangen werden. Heute ist das anders. Zwei Pater, zwei Meinungen. Manchmal zumindest. Dann wird geredet, diskutiert, sich beraten. Und irgendwann ein Konsens gefunden. „Das menschliche Verhältnis zueinander muss gut sein. Wir müssen einfach gleich ticken und uns ohne Worte verstehen.“ Gleich ticken, den Alltag teilen, sich täglich unterstützen – hohe Ansprüche, die die Pater aneinander stellen.  „Wir teilen fast alles. Die Strukturen ähneln der einer Familie.“  Und wie in einer Familie gibt es auch für jeden einen Rückzugsort. Eine kleine zwei Zimmer-Wohnung. Hier hängen Familienfotos. Hier bewahren sie Erinnerungen an ein Leben außerhalb der Klostermauern auf. „Es herrscht Klausur. Das bedeutet, dass der Ort für Fremde ausgeschlossen ist.“

Klosterleben bedeutet: Voneinander lernen

Die wenige Freizeit, die die Pater haben, verbringen sie gern gemeinsam. Manchmal kochend, manchmal aber auch schweigend. Dann, wenn das Tagwerk vollbracht, alles besprochen, der nächste Tag geplant ist, dann sitzen sie auch mal nebeneinander, schauen einfach zusammen Fernsehen. „Wir müssen auch einen Computer haben. Schließlich müssen wir ja auch wissen, was in der Welt los ist.“
Das Zusammenleben im Kloster, es ist mehr, als ein Nebeneinanderherleben. Es ist ein Miteinander. Ein Füreinander. Niemals ein Gegeneinander. Pater Josua atmet noch einmal tief ein. Der Essensduft schwebt verlockend im Raum. „Während wir sprechen, kocht Pater Erhard“, sagt er und kann den Stolz in der Stimme nicht verbergen. Ausgesprochen klingen diese Worte für ihn noch immer unglaubwürdig. Keine Tütensuppe, sondern ein vollwertiges Mittagessen. Nach Rezept. Vor wenigen Monaten wäre das undenkbar gewesen. Aber auch das macht das Klosterleben aus: Gemeinsam leben bedeutet auch, gemeinsam  lernen.

von Marie Lisa Schulz

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