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100 „Krachmacher“ als Nachbarn

Serie: Nebenan 100 „Krachmacher“ als Nachbarn

Statt auf domestizierte Nutztiere, trifft man in diesem Bauernhof auf eine ganz spezielle Art von Hausbewohner: Musiker. Zehn Räume voller Gitarristen, Bassisten, Sänger und Schlagzeuger.

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Zusammen ist man weniger allein
Quelle: JB/pixelio.de

Niederweimar. Okay, dieses Gebäude sieht nicht unbedingt nach einem Ort für kreative Gedanken aus. Der Misthaufen direkt neben dem Eingang verbreitet zunächst nur eines: „Willkommen auf dem Land“. Doch wie bei so vielen anderen Dingen lohnt sich auch hier ein genauerer Blick.

Für viele der „Hausbewohner“ ist dieser Ort auf jeden Fall kreativ. Die meisten von ihnen haben hier über die Jahre hinweg kistenweise Erinnerungen angesammelt. An Jugendfreundschaften, an gemeinsame Geschichten und natürlich daran, wie aus all den verrückten und guten Ideen, etwas neues, eigenes entstanden ist: Musik.

Eckhard Herrmann, Besitzer der Probestätte, schätzt, dass derzeit etwa 100 „Krachmacher“ die Räumlichkeiten nutzen. „So genau lässt sich das nicht sagen. Ich kenne auch gar nicht alle, die hier ein- und ausgehen, da ich immer nur einen Ansprechpartner in jeder Band habe“, sagt Herrmann. Dieser Ansprechpartner ist dann auch der „Gelackmeierte“, sollte die fällige Miete einmal nicht eingehen. Das komme aber fast nie vor, sagt Herrmann: „Manchmal gerät es ein wenig ins Stocken - aber den Anwalt musste ich bis jetzt noch nicht einschalten“, erklärt der 51-Jährige und lacht. Dazu zählen heimische Bands wie „Sinew“, „Todd Anderson“ oder „Sonah“.

Studierter Landwirt entscheidet sich für die Musik

Er selbst ist mit seiner Band „My mistress’ eyes“ auch in einem der Proberäume aktiv. Als er den ersten Bauabschnitt des Gebäudes 1998 fertiggestellt hatte, zog die Band gleich in einen der vier neuen Proberäume. „Die Idee, dass ich selbst den Platz für die Proberäume schaffe, war also mehr oder weniger aus der Not geboren, da wir damals auch dringend auf der Suche nach einer Probemöglichkeit waren“, sagt der Bassist.

Die Alternative zum Bau der Proberäume wäre ein landwirtschaftliches Unternehmen gewesen. Schließlich wurde das Gebäude ursprünglich zur Viehhaltung genutzt. Die Entscheidung gegen einen eigenen Betrieb und für die Musik viel dem studierten Landwirt nicht leicht, „aber ich glaube auch heute noch, damals das Richtige getan zu haben“, sagt Hermann. „Und ich finde es einfach super, wenn jemand aus dem Büro kommt und dann abends hier auf die Kacke haut.“

2003 vergrößerte er das Areal um sechs weitere Proberäume. Jeder Raum wird dabei von mehreren Bands bespielt, die sich untereinander abstimmen müssen, wer an welchem Tag probt.

Und was wird in den Niederweimarer Räumlichkeiten vorzugsweise gespielt? „Hier bekommst du alles zu hören, von Metal bis Samba“, sagt der 51-Jährige. Es gibt nur ein verbindendes Element: die Lautstärke. „Die sind alle laut. Wer leise ohne Schlagzeug spielen will, kann das schließlich auch daheim tun“. Da sollte der Ärger mit den übrigen Nachbarn doch eigentlich schon vorprogrammiert sein, oder etwa nicht? „Also ich kann nicht behaupten, dass man die Musik nicht hören würde, aber bis jetzt war die Lage immer relativ enspannt“, sagt Herrmann. Klar, im Sommer müsse man die Jungs dazu anhalten, die Räume auch wirklich geschlossen zu halten, damit eben nicht so viel Geräuschkulisse nach außen dringt.

"Der, der am schlechtesten Gitarre spielt, wird Bassist"

Um die übrigen musikspezifischen Aspekte hat sich der Hausherr selbst gekümmert: Schallschutzwände, unterirdisches Belüftungssystem, Heizung für kalte Wintertage. „Das hat alles natürlich auch Geld gekostet“. Die Investition habe sich aber ausgezahlt. „Hätte ich mich damals für einen großen Bauernhof entschieden, hätte ich viel mehr Geld in die Hand nehmen müssen. Da muss man wirtschaftlich denken und immer das Ziel haben, größer mit seinem Unternehmen zu werden. Und das war dann doch nicht mein Ziel“, sagt Herrmann, der die Landwirtschaft jedoch nie aufgegeben hat. Ab September öffnet er wieder seine Apfelkelterei. Dann wird er zum „Erpresser“. Kunden können ihre mitgebrachten Früchte zu Saft verarbeiten lassen. Die dabei entstehenden biologischen Pressrückstände verwendet Herrmann wiederum dazu, seine Felder zu bestellen.

Was bleibt, ist die Musik. „Es ist einfach ein schönes Gemeinschaftsgefühl, wenn alle im gleichen Takt ticken“, sagt Herrmann und meint das Zusammenspiel mit seinen Freunden. Ein Gefühl, das der groß gewachsene Bassist seit seinen ersten Tagen in der Schülerband immer wieder sucht. Und warum ausgerechnet Bass? „Der, der am schlechtesten Gitarre spielt, wird Bassist - so läuft das nunmal“, sagt der 51-Jährige und kann sich das Grinsen nicht verkneifen.

von Dennis Siepmann

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