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Puppen, die Jahrzente überdauern

Mein erster treuer Freund Puppen, die Jahrzente überdauern

In der OP-Serie "Mein erster treuer Freund" erzählen OP-Leser von Erinnerungen an ihre Lieblings-Kuscheltiere. „Baba“ und „Püppchen“ haben auch heute noch in den Wohnzimmern ihrer Besitzerinnen einen Ehrenplatz.

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In Sohnemanns Bett gezogen

Friederike Haack und ihre Puppe Baba.

Quelle: Privatfoto

Marburg. „Ich bin während des 2. Weltkrieges in dem ungarischen Teil der Karpaten geboren. Damals gab es so gut wie keine Spielsachen. Wenn dann Bombenalarm war und wir in den Luftschutzkeller laufen mussten, habe ich immer vor Angst geweint, so erzählte es mir meine Mutter. Mein Opa konnte es irgendwann nicht mehr mit ansehen und brachte mir eines Tages ­eine Puppe zum Trost. Eine Puppe, die sogar schlafen konnte, das war vor 74 Jahren eine Sensation. Meine Mutter fragte ihn, woher er die Puppe hätte. Er hatte sie gegen eine Flasche Rotwein getauscht, antwortete mein Opa (er war Weinbauer).
Nachdem ich die Puppe bekam, gab es keine Tränchen mehr im Luftschutzkeller. Ich drückte sie ganz fest an mich und fühlte mich nicht mehr alleine. ‚Baba‘ habe ich sie genannt.

Sie ist 52 cm groß, hat einen Stoffkörper gefüllt mit Fließstoff. Arme und Beine sind auch aus Stoff und beweglich. Meine Mutter hat ihr damals aus Stoffresten ein Kleidchen, ein Unterhemd und ­eine Unterhose genäht. Aus Filzresten hat meine ‚Baba‘ Schuhe und aus Strumpfresten Söckchen genäht bekommen. Ihr Kopf ist aus Porzellan und leider für den Stoffkörper viel zu schwer.

Friederike Haacks Puppe Baba. Foto: Friederike Haack

Friederike Haacks Puppe Baba.

Quelle: Friederike Haack

So ist es unvermeidlich gewesen, dass ‚Baba‘ des Öfteren das Gleichgewicht verlor und auf den Kopf fiel. Dabei passierte es schon hin und wieder, dass der  Porzellan-Kopf zu Bruch ging und da flossen wieder Mal Tränchen. Zum Glück gab es den Puppendoktor, der das Köpfchen wieder zusammenflicken konnte. Als ich 1956 während der ungarischen Revolution mit meiner Mutter und Schwester geflohen bin, musste ich mich von meiner ‚Baba‘ verabschieden. Sie war zu groß, um sie in die Tasche zu packen, in der wir nur das Nötigste mitnahmen.

Zehn Jahre später, fuhr ich nach der Flucht das erste Mal wieder nach Ungarn. In unserem Haus wohnte immer noch meine Tante mit ihrer Familie. Als wir endlich im Haus waren, fragte ich meine Tante gleich nach meiner Puppe. Zu meiner großen Freude war sie noch da. Auf dem Boden in einem Pappkarton lag sie, in Zeitungspapier eingewickelt. Überglücklich nahm ich diesmal meine geliebte alte Puppe mit nach Marburg und hob sie wohlbehütet auf. Sie hat in meinem großen Sessel einen Ehrenplatz.“

von Friederike Haack aus Marburg

„‚Nur einen kurzen Text will die OP zu diesem Thema! Dabei gäbe es sooo viele und interessante Geschichten zu erzählen!‘ Ja, da hat es Recht, mein erstes namenloses Püppchen aus Kindheitstagen, das nun schon über 50 Jahre alt und in der Sonne sitzend leicht verblasst, aber junggeblieben ist!

Irgendwie kam es mir immer vor, als schaute es etwas verhalten und skeptisch, wenig humorvoll in die Welt, zurückhaltend, abwartend. Es hatte sich Jahrzehnte bei meiner Mutter versteckt gehalten und zu meiner großen Freude tauchte es vor wenigen Jahren überraschend wieder auf. Wie sehr habe ich mich darüber gefreut! Es begleitete mich schon tröstend in den ungeliebten Kindergarten, spielte dort mit mir in der Puppenecke und begeisterte sich von meinem Schoß aus über das Kasperle-Theater.

Heidi Becker und ihre Puppe. Privatfoto

Heidi Becker und ihre Puppe. Privatfoto

Quelle: Privatfoto

Ich hatte ihm für dieses Event extra liebevoll einen Hut aus einem Rama-Becher gebastelt … so wirklich elegant und ausgeh-fein sah das kleine Wesen damit allerdings nicht aus in Hose und Strickpullover! Aber genossen haben wir die Vorführung trotzdem!

Püppchen überlebte auch eine viel größere und hübschere Puppenschwester, die ich später geschenkt bekam, die aber einem hinterhältigen Angriff meines Bruders zum Opfer fiel, sehr zu meinem Bedauern. Die unzähligen für sie von meiner Oma liebevoll genähten Kleidungsstücke kamen also nie zum Einsatz!

Damit meine kleine Freundin nun nicht so alleine auf dem Sofa sitzt, habe ich ihr einen mutigen, lustigen und kuscheligen, bärigen Freund geschenkt, der sie beschützt und voller Freude und Zuversicht nach vorne schaut! Die beiden sind unzertrennbar, ein gutes Team und erinnern mich täglich an die bunte Vielfalt des Lebens und unserer Gefühle. Wie wenig sich doch so groß anfühlen und innerlich berühren kann!“

von Heidi Becker aus Wetter

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