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Knibbeln, kleben – und dann anstecken!

Mein erster treuer Freund Knibbeln, kleben – und dann anstecken!

Sie hat epochale Schlachten zwischen Gut und Böse erlebt, sie hat fantastische Ergebnisse festgehalten und auch die bittere Realität abgebildet: meine Stecktabelle.

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OP-Sportredakteur Holger Schmidt mit seiner Bundesliga-Stecktabelle.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ich erinnere mich an diesen Teddy. Ein hübsches Exemplar. Es war sogar ein Steiff-Bär, was meiner Mutter aber wohl wichtiger war als mir. Mehr will mein Gedächtnis zu meinem ersten Plüschtier nicht zutage fördern. Nur, dass er schlicht Teddy hieß, fällt mir noch ein. Zumindest glaube ich das. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn nicht gemocht hätte. Genauso wenig könnte ich aber im verklärten Rückblick behaupten, er sei mein erster treuer Freund gewesen. Ich wusste anscheinend nicht allzu viel mit diesem flauschigen Knuddelding anzufangen.

Es gab auch diese etwas verranzte Bauchredner-Handpuppe, mit orangefarbenen Haaren und abgenutzten Filzklamotten in ziemlich hässlichen Erdtönen. Rötlich, bräunlich, ockerfarben. Nach ersten neugierigen Versuchen, den Mund der Puppe zu bewegen und dabei selbst synchron mit verstellter Stimme zu sprechen, landete Charly alsbald als Deko auf dem Schrank. Im Nachhinein eine seltsame Vorstellung, strahlen Handpuppen doch einen ähnlich gruseligen Charme aus wie Clowns. Aber damals hing Charly eben auf dem Schrank ab, nach einiger Zeit weitgehend unbeachtet und verstaubend.

„Nottingham Forest gegen Luton Town – 3 zu 1“

Näher an meinen ersten treuen Freund kommen da schon die Herren Manfred Breuckmann und Günther Koch ran – oder zumindest ihre Stimmen. Anfang der 1980er-Jahre fläzte sich ein fast vierjähriger Knirps jeden Samstagnachmittag auf dem elterlichen Teppich vor dem Radio und lauschte mit verträumtem Blick ins Leere der Bundesligakonferenz.

Und um 17.18 Uhr war der Spaß nach dem Abpfiff in den Stadien ja noch lange nicht vorbei. Schließlich wurde zum Ende der Sendung noch ein netter Herr aus England am Telefon zugeschaltet, der mit aufregendem Akzent die Ergebnisse der dortigen Liga verlas. „Nottingham Forest gegen Luton Town – 3 zu 1.“ Das klang für den kleinen Jungen damals exotischer als heute Bobfahren in Jamaika.
Befeuert wurde die Fußball-Leidenschaft von meinem Vater und meinem Patenonkel, die mich zu den Heimspielen des VfL Bochum ins Ruhrstadion hineinschmuggelten. Einer von beiden vorne, einer hinten, ich in der Mitte – und ab durch die sogenannte Kontrolle, vorbei am immer gleichen Ordner, der beide Augen zudrückte und mich auch ohne Karte passieren ließ.

Vielleicht hat der gute Mann dabei sogar gelächelt. Heute undenkbar, damals völlig normal. Mein erstes Spiel war am 28. Mai 1983, sechs Tage nach meinem vierten Geburtstag. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ein Nürnberger in Franz-Beckenbauer-Manier mit Armschlaufe und gebrochenem Schlüsselbein zu Ende spielen musste. Ich weiß, dass Bochum mit 6:0 gewann – weil es der bis heute höchste Heimsieg des VfL in der Bundesliga ist, leicht auffindbar in den Statistiken.

Tabelle war mehr als Ergebnistafel

Was das mit dem treuen Freund zu tun hat? Nun, eine ganze Menge. Zum fünften Geburtstag schenkte mir mein Patenonkel einen Plastikgegenstand, der mich seitdem 33 Jahre lang begleitet, sämtliche Umzüge überstanden und diverse Wände geziert hat – eine Stecktabelle! An (fast) jedem Wochenende werden seither die Paarungen des Spieltags sortiert, die Ergebnisse an den Rädchen eingestellt und die Klubs von Rang 1 bis 18 in die richtige Reihenfolge gebracht. Damals mit Erstligisten wie Bayer Uerdingen, Eintracht Braunschweig, Waldhof Mannheim oder dem Karlsruher SC. Heute mit Zweitligisten wie Jahn Regensburg, Holstein Kiel oder dem SV Sandhausen.

Wobei die Tabelle mehr war als eine bloße Ergebnistafel. Ob alleine oder mit Freunden – hier wurden mitunter ganze Saisons oder der DFB-Pokal simuliert. Und das ging so: Paarungen auslosen, also die 18 Vereinsbuttons umgedreht auf den Tisch legen, mischen und ziehen; dann das Resultat an den Ergebnisrädchen „erdrehen“, ungefähr wie beim Glücksrad; anschließend nachspielen. Dabei wurde natürlich nicht gemogelt. Nein! Nie! Na gut, außer vielleicht, wenn der Zufall den Schalkern einen Sieg in Bochum bescheren wollte. Völlig unrealistisch! Das wusste ich schon als Fünfjähriger. Also nochmal drehen.

Zum Nachspielen konnte alles herhalten: Ein kleiner Softtennisball, mit dem ich aus dem Wohnungsflur zu Fernschüssen auf das Tor im Kinderzimmer ansetzte – eine Plastikspielkiste, eher nachlässig bewacht vom „Torwart“ Schreibtischstuhlbein. Dabei ging überraschend wenig zu Bruch, außer den Nerven von Eltern und Nachbarn vielleicht. Von den Lego-Figuren eigneten sich vor allem die Astronauten wegen ihrer unifarbenen Raumanzüge – Verzeihung: Trikots.

Stattliche Sammlung an Vereinsansteckern

Von Playmobil-Männchen gab es in der Spielkiste genügend blaue und rote, sodass mit Glasmurmeln problemlos elf gegen elf antreten konnten (zwei gelbe Figuren fanden sich immer als Torhüter). Und auch He-Man und Skeletor haben ihre Animositäten seltener mit Kunststofffäusten und Plastikschwertern, als viel häufiger auf dem Fußballplatz ausgelebt. Da setzte Beast-Man gegen Man-at-Arms zum Flankenlauf an. Bei seiner fiesen Hereingabe flog Schlussmann Stratos, der Herr der Lüfte, manches Mal am Ball vorbei.

Für Kenner der Materie: Oft genug rettete Eisenschädel Ram-Man dann per Kopfballabwehr für seinen geschlagenen Keeper vor dem einschussbereit lauernden Triclops.Anschließend wurde das Ergebnis selbstverständlich auf die Stecktabelle an der Wand eingetragen. Welcher Verein für die Guten und welcher für die Bösen im He-Man-Universum stand, sei an dieser Stelle aus Pietätsgründen lieber verschwiegen.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine stattliche Sammlung an Vereinsansteckern. Schließlich war nach der Saison vor der Saison. Die Absteiger verschwanden von der Tafel, die Aufsteiger kamen neu hinzu. Jahrelang war es daher eine liebgewordene Tradition, bei der Firma mit dem klangvollen Namen „Libero“ anzurufen und zu bestellen: „Zweimal Wattenscheid 09 und zweimal Hertha BSC, bitte!“ Denn man brauchte die Wappen ja für Tabellen- und Ergebnisseite, also in doppelter Ausführung.

Ein ganzer Verein auf 4,18 Zentimetern Durchmesser

Dann passierte das Undenkbare: Die Firma „Libero“ hatte – plötzlich, unerwartet und sehr zu meinem Unglück – aufgehört zu existieren. Das Jahr kann ich nicht mehr exakt benennen. Es muss nach der Wende gewesen sein, weil sich Hansa Rostock und Dynamo Dresden in meinem Besitz befinden. Also ihre Wappen zumindest. Aber fortan gab es eine quälend lange Durststrecke ohne Anstecker-Nachschub.

Nach dem Abstieg des VfL fehlte es vor allem an Zweitligisten. Meine künstlerischen Fertigkeiten im Bereich Malen hatten sich seit der Zeit, als der Dreijährige auf dem Teppich lag und Radio hörte, leider nicht sonderlich weiterentwickelt. So blieb mir nur zu improvisieren. Blau-Weiß 90 Berlin musste eben für Tennis Borussia herhalten, der VfB Stuttgart wurde zum Chemnitzer FC. Alles nur eine Frage der Konvention.

Inzwischen sind die Wappen an meiner Stecktabelle wieder originalgetreu. Und sie erstrahlen in frischem Glanz. Dank des Internets. Dort finden sich von der Bundesliga bis zur Kreisliga alle Logos. Absteiger aus der 1. und Aufsteiger aus der 3. Liga landen per Mausklick auf meinem Rechner – dann beginnt die eigentliche Arbeit und die Wappen müssen auf die richtige Größe gebracht werden.Das ist bei einem runden Wappen wie dem von Darmstadt 98 kein Problem, wenn man weiß, dass der Durchmesser für die Ansteckbuttons genau 4,18 Zentimeter beträgt. Aber versuchen Sie das mal bei einem verschwurbelten Ding wie dem Emblem von Erzgebirge Aue oder dem queren Logo von Union Berlin!

Nach einiger akribischer Tüftelei passt‘s aber dann doch immer und das Fotopapier kann bedruckt werden. Anschließend kommt der Zirkelschneider zum Einsatz, eigens für die Stecktabelle angeschafft. Dann nur noch den FC Homburg abknibbeln (die alten Aufkleber aus der Anfangszeit sind inzwischen ohnehin etwas vergilbt und lassen sich meist leicht lösen) und durch Holstein Kiel ersetzen. Voilà!
Eines hat sich in all den 33 Jahren allerdings nicht geändert: Ob mit Stecktabelle oder ohne – der VfL spielt dadurch keinen Deut besser.

von Holger Schmidt

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