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Die Kulleraugen kullern nicht mehr

Babypuppe Anna Die Kulleraugen kullern nicht mehr

Meine erste echte Kindheitserinnerung ist fest mit ihr verbunden: Sie, das ist meine Puppe „Anna“. Ich bekam sie zu meinem zweiten Geburtstag. Und sie war mein erster echter treuer Begleiter.

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Damals und heute: Knapp 31 Jahre ist Anna mittlerweile alt. Dass sie nicht nur im Regal saß, sondern Ausflüge aller Art mitgemacht hat, sieht man der ersten Puppe von OP-Redakteurin Katharina Kaufmann-Hirsch deutlich an.

Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch

Kirchhain. Es war Weihnachten, ich war zwei Jahre alt und der obligatorische Kirchgang stand an. Weil meine Mutter meinen gerade mal sechs Wochen alten Bruder versorgen musste, zogen mein Vater und ich allein los. Naja, fast. Meine Puppe Anna musste nämlich auch mit. Wir waren spät dran, die Kirche bis auf die letzte Bank gefüllt. Weil der Pfarrer wohl Mitleid hatte mit dem Mann, der samt Kind und Puppe auf dem Arm im Seitengang stehen musste, wurden wir nach vorne gewunken und durften auf einer Bank vor der Sakristei Platz nehmen. Ich war stolz wie Bolle. Und mein Vater froh, dass er nicht eine Stunde stehen musste.

Als ich diese Erinnerung vor einigen Jahren – ich war schon Anfang 20 – meiner Mutter erzählte, war diese skeptisch. „Das hast du bestimmt geträumt. Wir haben doch nie Spielzeug mit in die Kirche genommen“, war ihre Antwort. Mein Vater aber konnte meine Version der Geschichte bestätigen.

Anna und der Kartoffelacker

Anna hat in den vergangenen 31 Jahren so einiges mitgemacht, ausgehalten und ertragen. Sie war mit auf Ausflügen und in Urlauben, hat mehrere Runden Karussell in der Waschmaschine gefahren, ein Auge verloren und wiedereingesetzt bekommen und war sogar bei der Kartoffelernte mit im Einsatz.

Ja, richtig, gelesen: Kartoffelernte. In meiner Kindheit hatte mein Opa noch etwas Landwirtschaft und Jahr für Jahr im September traf sich die ganze Familie – meine Großeltern, meine Eltern, mein Bruder, meine Onkel, Tanten und Cousins – an einem Samstag im Sindersfelder Feld zum Kartoffeln lesen. Mit dem alten Deutz-Traktor samt Anhänger und Kartoffelroder ging es los. An Bord nicht fehlen durfte natürlich Anna – dreckig und speckig kamen an diesem Tag nicht nur wir Kinder nach Hause.

Und so hat die Babypuppe Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr meiner Kindheit etwas mehr gelitten. Heute funktionieren die blauen Schlafaugen nicht mehr richtig, die Wimpern sind nur noch sporadisch vorhanden und der einst gut gepolsterte Weichkörper hat auch ziemlich Federn gelassen.
Keine meiner anderen Puppen habe ich so innig geliebt und ausgiebig bespielt wie Anna. Und obwohl ihr Zustand alles andere als einwandfrei ist, hat mittlerweile mein vierjähriger Sohn Gefallen an der Puppe gefunden. Er trägt sie spazieren, will sie füttern oder wickeln.

Kleidungstechnisch hat Anna aus den 80er-Jahren einen Sprung in die 90er gemacht: Wie auf dem großen Foto unten zu sehen, trägt Anna nicht mehr ihr original Outfit. Das hat die Strapazen der Ausflüge und Spiel-Einheiten leider nicht bis heute überstanden. Während meiner Kindheit trug Anna vor allem selbstgenähte Kleider, gestrickte Hosen und Pullover (kleines Foto) oder ausrangierte Babystrampler. Als Anna dann vor einigen Jahren aus dem Kinderzimmer in den Keller umzog, behielt sie die schreiend pinke Latzhose samt Blumen-Bluse an, die eigentlich aus dem Puppenkleidungssortiment meiner jüngeren Schwester stammte – besser als gar nichts, dachte ich mir dieser Tage, als ich sie aus dem Karton zog. Und mit einem Lächeln erinnerte ich mich an ein Weihnachtsfest vor 31 Jahren zurück.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
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