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Der Einohrhund und die Wurmlöcher

"Mein erster treuer Freund" Der Einohrhund und die Wurmlöcher

Erinnern Sie sich noch an ihren ersten Freund oder Freundin? In vielen Fällen, war er oder sie aus Stoff, vielleicht aus Holz. Doch ganz egal, welche Form, Farbe oder Geschlecht: das erste "Kuscheltier" war ein treuer Begleiter.

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OP-Redakteur mit Einohrhund: Dennis Siepmann zusammen mit seinem ersten treuen Freund, dem Stofftier Susi.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Susi ist halbblind. ­Irgendwann zwischen Dreirad-Rennen und Baum-Klettern hat sie auch noch ein Ohr eingebüßt. Arme Susi. Ihr „Fell“ ist heute kaum mehr als solches zu erkennen. Es hat deutlich an Farbe und Flauschigkeit verloren. Kurzum: Susi, der Hund, mein Hund, hat einiges erlebt.

Viele Eltern dürften das Gefühl kennen, wenn das eigene­ Kind einfach nicht zu beruhigen ist. Wenn der Nachwuchs mit hochrotem Kopf weinend über den Verlust des Lieblings-Kuscheltiers klagt, welches genau in diesem Moment einfach nicht aufzutreiben ist. Alle Schubladen und Fächer und jeder Raum sind haarklein durchsucht. Selbst die Möglichkeit eines Wurmlochs scheint nun plausibel.

Allein, der flauschige Begleiter will einfach nicht wieder auftauchen und das liebe Kind ist zu Tode betrübt. Wenn der Teddy, die Stoffpuppe oder das Schnuffeltuch fehlen, hilft auch kein Ablenkungsmanöver. Denn für die Kleinen ist klar: Ohne meinen treuen Freund gehe ich nirgendwo hin. Basta!

Ein ziemlich überschaubarer finanzieller Wert

Susi war oft verschwunden. Einfach so. Ebenso plötzlich tauchte sie aber auch wieder auf - meist an einem Ort, an dem ich sie auf gar keinen Fall erwartet hätte. Was natürlich die Theorie mit den Wurmlöchern im Kinderzimmer verstärkt. Manchmal war sie verschmutzt, ein anderes Mal drohte der Verlust eines wichtigen Körperteils. Doch durch die operative Fürsorge meiner Mutter konnte Susi meist schnell wieder aus der „Tierklinik“ entlassen werden. Na gut, heute hat sie ein Knopfauge. Aber auch das ist zu verschmerzen. Immerhin hat das arme Tier schätzungsweise 35 Jahre auf dem Buckel.

Okay, es ist sicherlich nicht besonders cool, als Erwachsener noch ein Stofftier zu besitzen. Und ich muss leider auch zugeben, dass Susi eine sehr lange Zeit in einer Kiste auf dem Speicher verbringen musste, bis ich sie nun wieder ans Tageslicht geholt habe. Doch es gibt bestimmt einen tieferliegenden Grund, weshalb Susi überhaupt noch existiert und eben nicht auf dem Friedhof der Kuscheltiere gelandet ist. Es gab schließlich genug andere leblose Spielgefährten, die mich begleitet haben. „Überlebt“ hat aber nur Susi. Und das liegt wohl kaum an ihrer äußeren Erscheinung. Und schon gar nicht an ihrem finanziellen Wert, der bei unter fünf Cent liegen dürfte. ­Also muss es einen anderen Grund geben, weshalb sie nicht den Weg aller anderen Spielzeuge genommen hat, die mehr oder weniger schnell uninteressant wurden.

Es sind wahrscheinlich die Erinnerungen. Die Bilder, die sich plötzlich wieder im Kopf zusammensetzen, wenn man das Kuscheltier in Händen hält. Vor dem geistigen Auge baut sich das Kinderzimmer wieder auf: Da ist die unmögliche Apfel-Tapete, der schwarze Kassettenrekorder auf dem Nachttischchen, die vielen kleinen Autos und da sind meine großen Brüder.

Auch nach eingehender Recherche ist nicht klar, von wem ich Susi eigentlich bekommen habe. Meine Mutter kann sich nur daran erinnern, dass sie plötzlich da war und ich nicht auf sie verzichten wollte. „Du hast ihr immer Geschichten erzählt“, sagt sie. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Susi noch immer da ist: Vielleicht habe ich ihr als Einzige von einem Geheimnis berichtet. Vielleicht weiß sie etwas über mich, das ich längst vergessen habe.

Vielleicht ist aber auch nur deshalb das Ohr abgefallen, weil ich sie unentwegt in einer Kleinkind-Fantasiesprache, die in Ansätzen nur noch von meinen Brüdern verstanden werden konnte, belästigt habe. Wie dem auch sei. Susi hat sich nie beschwert und war eben immer da. Wie ein echter Freund.

von Dennis Siepmann

 
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Franz-Tuczek-Weg 1,
35039 Marburg.

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