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„Man darf die Hoffnung nie aufgeben“

Besuch bei Maria Langstroff „Man darf die Hoffnung nie aufgeben“

Insgesamt 16 Mal wurde sie in diesem Jahr operiert. Doch Maria Langstroff lässt sich die Hoffnung nicht nehmen und schmiedet bereits neue Pläne für das nächste Jahr. Ein paar davon hat sie uns verraten.

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Seit fünf Jahren lebt Maria Langstroff, die unter einer seltenen Muskelkrankheit leidet, in einem Gießener Pflegeheim. Obwohl sie ans Bett gefesselt ist, lässt sie sich den Lebensmut nicht nehmen.

Quelle: Ruth Korte

Gießen. Es ist dunkel in Marias Zimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Nur ein schwacher Lichtstrahl scheint aus dem anliegenden Bad in ihr Zimmer. Es ist leise. Eines der wenigen Geräusche, die man hört, ist das regelmäßige Zischen der Ernährungspumpe, die über einen Schlauch kontinuierlich künstliche Nahrung in Marias Magen pumpt.

Seit fünf Jahren lebt Maria in einem Pflegeheim in Gießen. Ihr Körper ist ihr Gefängnis. Halsabwärts ist sie nahezu vollständig gelähmt. Jedes Geräusch, jedes unsanfte Abstellen einer Glasflasche, jedes Rücken eines Stuhls, jeder grelle Lichtstrahl bereitet ihr Schmerzen, könnte einen epileptischen Anfall auslösen. Maria liegt im Bett unter einer dünnen Decke, die mit Eulen bedruckt ist, ihr Lieblingsmuster. Sie ist umgeben von Stofftieren, Bildern und vielen, vielen Postkarten. Von einer grinst Günter Kastenfrosch sie an. „Lach doch mal“ steht da drauf.

Nach Lachen ist Maria gerade nicht zumute. „Es geht mir im Moment nicht gut“, sagt die 28-Jährige unter der Sauerstoffmaske. Sie möchte jedoch nicht, dass ich gehe. Sie braucht einen Moment, richtet ihr Kopfteil langsam und wenig auf, nimmt einen Schluck Saft aus ihrem Schnabelbecher – das Schlucken fällt ihr schwer – und beginnt dann zu erzählen. Von den 16 Operationen, die sie in diesem Jahr über sich ergehen lassen musste, einer Wiederbelebung vor drei Wochen.

Glaube, Hoffnung  und viele Wünsche

Trotz dieser Schicksalsschläge blickt Maria dankbar auf das Jahr zurück. „Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und Prüfungen erfolgreich abgelegt“, erzählt sie stolz. Ihre Herzensfächer Anglistik, Germanistik, Pädagogik und Psychologie hat die Marburger Lehramtsstudentin nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Sie lässt sich neugierig die Pflichtlektüren vorlesen, wird mündlich von ihren Dozenten geprüft – von ihrem Pflegebett aus.

„Glaube, Hoffnung, Wünsche“ steht in großen Buchstaben über ihrem Bett geschrieben. Maria glaubt, hofft, kämpft für ihre Träume. „Man darf die Hoffnung nie aufgeben“, sagt sie.

In diesem Jahr hat sie sich einen ganz besonderen Wunsch erfüllt: shoppen gehen. Was für eine junge Frau nach einer ganz normalen Tätigkeit klingt, ist für Maria, die seit fünf Jahren bettlägerig ist und als Schwerstpflegefall auf die Hilfe anderer angewiesen ist, nichts Gewöhnliches.

Dennoch wollte sie es wagen, rief das Ehepaar Ahrens an, die tatsächlich im März dieses Jahres ihr Kaufhaus nach Ladenschluss exklusiv für Maria öffneten (die OP berichtete). Fünf Angestellte standen bereit, um die schwerstkranke Studentin zu beraten. „Ich habe mich gefühlt wie eine Königin“, erinnert sich Maria. „Es war wie ein Traum. Ich weiß noch, wie ich zu einer Freundin, die mich damals begleitete, sagte: ‚kneif mich mal‘. Die Kleider, die sie damals kaufte, trägt sie mit Stolz in ihrem Krankenbett – wie das blaue T-Shirt mit den Pailetten über das sie während unseres Gespräches immer mal wieder streicht, weil es so schön glitzert.

Ein Thema nach dem anderen kommt auf den Tisch

Auch den Wunsch, singen zu lernen hat sie sich in diesem Jahr erfüllt: Einmal in der Woche kommt eine Gesangslehrerin vorbei und singt mit ihr, was nicht leicht ist, da Maria im Bett liegt. Ob ich eine Kostprobe hören möchte? Ich nicke. Maria richtet sich auf, hustet einmal kurz und beginnt dann mit heiserer, aber fester Stimme „I‘m dreaming of a white Christmas“ zu singen.

Marias Gemütszustand hat  sich schlagartig verändert. Ein Thema nach dem anderen kommt auf den Tisch: Männer, Freunde, Mode, Studium – wir lassen nichts aus. Sie zeigt mir Bilder ihrer Freunde und von Anton, einem vierjährigen Golden Retriever. Wie eine ganz normale junge Frau.

Im nächsten Jahr möchte sie sich weitere Wünsche erfüllen. Wieder hat sie sich über die sorgenvollen Blicke in ihrem Umfeld und die Ratschläge ihrer Ärzte hinweggesetzt, hat sich Pläne in den Kopf gesetzt. Sie will nach Berlin reisen und auftreten, zusammen mit ihrer Gesangslehrerin an ihrem 29. Geburtstag. „Wenn ich dann noch lebe.“

Die Tür geht auf. Eine Pflegerin kommt herein und legt ihr ein großes Paket und zwei Briefe aufs Bett. „Fanpost“, freut sich Maria. Noch immer schreiben ihr viele Menschen, fragen nach, machen ihr Mut. Und Maria macht ihnen Mut. „Ich bekomme jeden Brief vorgelesen, schaffe es aber nicht alle zu beantworten.“

Sie wirft einen Blick auf ihr Handy und tippt mit ihrer rechten Hand mit den kirschrot lackierten Fingernägeln eine Nachricht hinein und summt dabei „Ich muss nur noch kurz die Welt retten“.

von Ruth Korte

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