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„Ich habe nur noch geheult vor Freude“

Entscheidung im Eilverfahren „Ich habe nur noch geheult vor Freude“

Sie hat mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Nachdem ihr Anwalt die Nachricht noch einmal wiederholt, laufen ihr Tränen über die Wangen. Es sind Tränen der Freude.

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„Lieber sterbe ich, als zurückzugehen“

Maria Langstroff in ihrem Krankenbett.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Nach Hause kommen. Das klingt so einfach. So durch und durch normal. Für Maria Langstroff bedeutet dieser schlichte Satz jedoch so viel mehr. Dieser Satz steht am vorläufigen Ende eines Kampfes, der ihrem sowieso schon überaus geschwächten Körper (siehe Hintergundkasten) nochmals mehr als zehn Kilo abgerungen hat und sie beinahe physisch und psychisch vernichtet hätte. „Nun habe ich bekommen, was mir zusteht“, sagt sie zufrieden.

Ein Rückblick: Maria Langs­troff hatte eine häusliche Intensivpflege bei der AOK beantragt und dafür auch mehrere mündliche Zusagen erhalten (für eine 20-Stunden-Pflege am Tag). Daraufhin mietete sie im April dieses Jahres eine eigene kleine Wohnung in Großseelheim an. Elf Wochen später, nachdem sie nochmals angekündigt hatte, das Pflegeheim zu kündigen, reagiert die Krankenkasse mit einer vollständigen Ablehnung des Antrags.

Ihre Gedanken werden immer düsterer

Dabei sei seit 2011 kein Mitarbeiter des MDK (medizinischer Dienst der Krankenkassen) bei ihr gewesen, sagt Langs­troff, die sich aktuell in einer Frühreha-Fachklinik in Bad Liebenstein in Thüringen befindet. Der MDK entscheidet im Auftrag der Krankenkasse, ob die Auflagen für eine Intensivpflege erfüllt sind. In dieser Zeit beginnt Maria, einen finsteren Verdacht zu hegen. Einer, der gar nicht gedacht werden dürfte, weil er sich so sehr gegen Vernunft und Mitgefühl stellt.

Weil er alles verneint, was Menschlichkeit auszeichnet. Und doch ergriff dieser Gedanke immer mehr Besitz von Maria Langstroff. Wie ein großer dunkler Schatten legte er sich über ihren Alltag und begleitete sie fortan in ihren Träumen. Versucht ihre Krankenkasse tatsächlich auf Zeit zu spielen oder  die Zuständigkeit abzugeben? Freunde und Bekannte hatten diese Überlegung bereits offen formuliert. Marias Gedanken werden immer düsterer.

In den vergangenen zwei Wochen spitzte sich die Situation­ dann dramatisch zu. Der Fall Maria Langstroff wurde vor dem Sozialgericht Marburg verhandelt. Beziehungsweise eben nicht. Die erste Sitzung am 16. November fiel aus, weil das Gericht die AOK dazu verpflichtete, in den kommenden acht bis zehn Tagen ein Gutachten des MDK vorzulegen. Natürlich ist dafür ein persönlicher Besuch bei Maria Langstroff nötig.

Nach dieser richterlichen Entscheidung brach jedoch große Verwirrung aus. Die AOK gab zunächst an, erst einmal prüfen zu müssen, welcher MDK für die Schwerstkranke zuständig sei. Der aus Hessen oder der aus Thüringen? „Das müsste doch normal nur ein Anruf sein, um rauszufinden, wo die Zuständigkeiten liegen. Das kann ich nicht verstehen“, kommentierte Maria die Situation damals. Nach Anfragen, unter anderem von der OP, Marias Anwalt und dem Sozialgericht selbst, gab es vom Versicherer schließlich dann doch eine Reaktion. Gerade noch vor Ablauf der Frist erschienen zwei Mitarbeiterinnen des MDK am vergangenen Donnerstag (23. November) am Krankenbett von Maria.

An diesem Donnerstag ging es dann im zweiten Anlauf des Eilverfahrens vor dem Sozialgericht Marburg um die Zukunft der 31-Jährigen. Es seien 3,5 Stunden „hartes Ringen“ gewesen, sagt Marias Rechtsanwalt Norman Fritsch. Herausgekommen sei dabei eine vorläufige Lösung, die so aussieht, dass die AOK und der Landeswohlfahrtsverband (LWV) zu je 50 Prozent die Kosten für Marias Intensivpflege übernehmen. Bereits im Vorhinein wurde Maria der Krankenhausaufenthalt in Bad Liebenstein bis zum 31. Dezember zugesichert, sodass ein Bezug ihrer bereits angemieteten Wohnung in Großseelheim im neuen Jahr denkbar ist.

Hauptverfahren wird folgen

Nun gehe es darum, ein ­Pflegeteam zusammenzustellen­ und weitere Details zu klären. „Mit ganz viel Glück kann Frau Langstroff Weihnachten vielleicht schon unter ihrem eigenen Bäumchen feiern“, sagt Fritsch hoffnungsvoll, der sich gleichzeitig aber noch vorsichtig gibt. Einige juristische Feinheiten seien noch zu beachten.

Das Gericht habe einen unabhängigen Sachverständigen  bestellt, der ein weiteres Gutachten von Marias Gesundheitszustand erstellen soll. „Es geht alles in die richtige Richtung“, meint Fritsch. Beim Gerichtstermin sei ein Fahrplan auf den Weg gebracht worden, anhand dessen sich die beteiligten Parteien nun orientieren können. So wird dem Eilverfahren auch noch ein Hauptverfahren im März folgen – ein obligatorischer Vorgang.

Und Maria? „Am liebsten würde ich ein Rad schlagen oder ein Flick-Flack machen“, sagt sie mit heiterer Stimme. Ob sie noch am Hörer sei, hatte sie Fritsch Donnerstagmittag gefragt, als sie die Nachricht von dem positiven Ausgang der ­Verhandlung gehört hatte. „Ich konnte es einfach nicht begreifen.“ Maria hatte sich eigentlich darauf eingestellt, live per Skype zu ihrem Fall gehört zu werden. Da aber alle Prozessbeteiligten ihr diesen zusätzlichen Stress ersparen wollten, ist die Nachricht nun fast wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. „Ich habe nur noch geheult vor Freude“, sagt Maria: „Das gibt mir so viel Kraft für alles, was noch kommt“.

von Dennis Siepmann

 
Hintergrund

Schon im Alter von zwei Jahren wurde bei Maria Langs­troff eine Krümmung der Wirbelsäule (Skoliose) festgestellt. Mit 13 musste sie mit dem Leistungssport (Leichtathletik) aufhören, mit 15 ­bekam sie ein Korsett.
Nach zwei schweren Wirbelsäulenoperationen mit 17 verschlechterte sich ihr Zustand. Seit ihrem 19. Lebensjahr ist Maria Langstroff auf den Rollstuhl angewiesen.

Nach einer schweren Lungenembolie wurde sie zum Pflegefall. Seit 2010 ist Maria­ Langstroff halsabwärts gelähmt. Lediglich den rechten Arm kann sie noch bewegen. Die namenlose Muskelerkrankung sorgt für Krampfanfälle und bestimmt ihr ­
Leben.

Zuletzt musste Maria Langs­troff im Oktober und November 2016 intubiert und beatmet werden. Nach  besonders schlimmen Anfällen musste die heute 31-Jährige sogar reanimiert werden oder wurde in ein künstliches Koma versetzt.

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