Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Eine sterbenskranke junge Frau will Alltag (er)leben

Maria Langstroff Eine sterbenskranke junge Frau will Alltag (er)leben

Den Tod immer vor Augen, will sie das Leben spüren. Mehr denn je. Die Marburger Studentin und Bestseller-Autorin Maria Langstroff ( Chronologie) hat eine Reise in ihre (Uni)Vergangenheit gewagt und bekennt: "Ich habe Angst vor der Zukunft."

Voriger Artikel
Maria Langstroffs Lebensgeschichte im Überblick

Einkaufen und die Uni besuchen: Die sterbenskranke Maria Langstroff erfüllt sich zwei Herzenswünsche.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Wangen der Studenten sind rot. Jetzt beginnt es für sie - das wahre, das echte Leben. Gerade haben sie vier Stunden lang Examen geschrieben. Nur noch wenige Prüfungen trennen sie von dem Uni-Abschluss. Sekt gibt es aus Plastikbechern.  

Maria Langstroff hat in diesen vier Stunden ebenfalls das Leben gespürt. So, wie es nicht sein sollte. Sie wurde gewaschen und gedreht. Verarztet, verkabelt und verladen. Zum Examen ihres Studienjahrgangs hat die schwerstkranke Studentin erneut ihren Kopf durchgesetzt. Hat erneut die Ratschläge der Ärzte ignoriert, sich erneut über die sorgenvollen Blicke in ihrem Umfeld hinweggesetzt. Ihrer Mutter hat sie im Vorfeld erst gar nicht von den Reiseplänen erzählt. Die Antwort hätte sie ohnehin gekannt: „Niemals Maria, das ist Wahnsinn!“ Statt Sekt aus Plastikbechern gibt es Kürbis-Karotten-Püree durch die Magensonde. Mal wieder. 

Foto: Nadine Weigel

Zur Bildergalerie

Die 27-jährige Lehramts­studentin lebt seit fünf Jahren in einem Pflegeheim in Gießen. Ihr Körper ist ihr Gefängnis. Halsabwärts ist sie nahezu vollständig gelähmt, leidet unter Krampfanfällen und starken Schmerzen. Ihr vielleicht größtes Handicap ist ihr wacher Geist. Er leistet Widerstand, wenn es darum geht, die Muskelerkrankung, über die die Ärzte so wenig wissen, zu akzeptieren. „Mein Kopf ist einfach voll da - manchmal macht genau das es schwer, die Situation zu ertragen und das positive Denken zu bewahren.“




                   

Maria Langstroff besucht ihre Kommilitonen

Ihr Kopf - der kleine Teil ihres Körpers, der sich noch nicht der Krankheit gebeugt hat. Der sich in die Freiheit träumt. Der sich immer wieder neue Ziele sucht. Ziele, die sie am Leben halten und vielleicht irgendwann das Leben kosten. Die ihr Sinn und Mut geben - und manchmal auch Kraft rauben. Denn jeden Ausflug, den die 27-Jährige unternimmt, muss sie teuer bezahlen. Zum einen fordern Notarzt und Rettungsassistenten ihr Gehalt, zum anderen verlangt ihr Körper einen gehörigen Preis. Schmerzen, Müdigkeit und die Gewissheit, dass sie die Folgetage nur im Dämmerzustand verbringen wird, sind nur ein kleiner Auszug.

Aber das ist ihr egal an diesem Nachmittag, an dem sie einmal nicht nur in Erzählungen dabei sein will. Sie will den Geruch von Aufregung und Sekt einatmen, will leben - nicht nur liegen. Und so wartet sie im Foyer der Uni auf ihre Kommilitonen. Zwei Rettungsassistenten, eine Pflegerin und eine Notärztin lassen sie nicht aus dem Blick. Durch die Sauerstoffmaske sieht man Marias Mundwinkel zucken. Sie lacht. Immer wieder. Laut und herzlich. Fast schon befreit.

Nach und nach kommen die Studienkollegen und Professoren an ihr Bett - einige sind im Laufe der letzten Jahre zu Freunden geworden. Bei dem Anblick der sterbenskranken jungen Frau, die in der Vergangenheit durch zwei Bücher auf sich aufmerksam machte, zucken viele erst einmal zusammen - niemand aber zurück. 

Was sollte ich ihr denn sagen?

„Ich freue mich, dass sie hier ist. Aber es macht mich traurig zu wissen, dass sie nicht kann, wie sie will. Wir alle haben weitergelebt, während sie mit ihrer Krankheit kämpfen musste. Ich war im Ausland und habe mich in der Zeit nicht getraut, mich zu melden. Was sollte ich denn sagen? Alles super hier?“, versucht Kommilitonin Nina Witzky ihre Gefühle zu beschreiben.

„Alles super hier“, sagt hingegen Maria Langstroff. Dann wendet sie sich wieder ihren Studienfreunden zu: „Ihr habt jeden Tag die Möglichkeit, hier hin zu gehen. Ihr seid auch mal genervt, weil ihr Prüfungen habt. Ich kann das nicht. Vielleicht habe ich deswegen den unbedingten Willen allen zu zeigen, dass ich Leistung bringen kann.“

Ihr größter Wunsch ist gleichzeitig ein bescheidener. Alltag. Das tun, was junge Frauen in ihrem Alter eben tun. Einkaufen gehen. Zeit mit Freunden verbringen. Albern sein. Und genau den erfüllt ihr das Ehepaar Karin und Peter Ahrens an diesem Abend. Nach Ladenschluss öffnen sie das Kaufhaus für Maria Langstroff. Fünf Angestellte stehen bereit, um die schwerstkranke Studentin zu beraten. Nur die Notbeleuchtung ist angeschaltet, als die Rettungsassistenten die 27-Jährige in die Schmuckabteilung schieben. Heller Lichteinfluss löst bei der Studentin Krampfanfälle aus.

Darf man einem Menschen im Krankenbett sportliche Kleidung anbieten?

„Ich war zum letzten Mal vor fünf Jahren einkaufen“, sagt Maria gerührt. Sie lässt sich Zeit - jede Minute will sie auskosten. Lässt sich Schmuck zeigen und Tücher anlegen, schwankt zwischen weinen und lachen, als sie im angrenzenden Buchladen ihr eigenes Werk entdeckt. „Da steht es, ich kann es kaum glauben“, hört man sie unter der Sauerstoffmaske sagen. Ein Exemplar wandert in den Warenkorb. Ihr erstes, selbst gekauftes Eigenwerk.Weiter geht es im Lastenaufzug in die Damenabteilung.  Modeberatung für eine junge Frau, die die Blusen, T-Shirts und Pullover nie ausführen, aber mit stolz im Krankenbett tragen wird.

Anprobieren kann sie die Sachen nicht. Kabel und Schläuche sind ihr im Weg. Die Kaufhaus-Angestellten haben sich im Vorfeld vorbereitet. Wissen genau, welche Farben und Materialien ihre besondere Kundin bevorzugt. Darf man einem Menschen im Krankenbett sportliche Kleidung anbieten? Man darf. Nach den ersten Minuten verschwindet die Aufregung und die Berührungsängste - auf beiden Seiten. Maria ist Kundin - und Königin.

Mit der Kleidung hat sie ein Stück Selbstbestimmung, einen Hauch Freiheit gekauft. Endlich kann sie das anziehen, was sie sich selbst ausgesucht hat - ist nicht auf den Geschmack von Familie und Freunde angewiesen.Und dann steht sie an, die Rückfahrt, vor der sich ein kleiner Teil in Maria schon den ganzen Tag gefürchtet hat. Wieder zurück in das Pflegeheim, das sie so gern hinter sich lassen würde. Wieder zurück in die Wirklichkeit, die durch Therapien, ihren wachen Kopf und ihren müden Körper bestimmt wird. Bevor die Tür vom Intensivtransportwagen geschlossen wird murmelt sie: „Ich habe Angst, meine Ziele aus den Augen zu verlieren.“

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Mehr zum Artikel
Chronologie

OP-Redakteurin Marie Lisa Schulz begleitet Maria Langstroff schon seit Jahren. Über Marias wichtigste Erlebnisse hat sie in der OP berichtet. Hier ein Überblick:

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr