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Der Traum vom Modeln geht weiter

Maria Langstroff Der Traum vom Modeln geht weiter

Wegen ihrer seltenen Muskelerkrankung ist Maria Langstroff seit fünf Jahren bettlägerig. Doch das hält sie nicht davon ab, ihren Traum, Model zu sein zu verfolgen.

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Ein Wunsch geht in Erfüllung: Maria Langstroff wird in ihrem Pflegebett von der Fotografin Cora Baranowski unter sehr schwierigen Lichtverhältnissen abgelichtet.

Quelle: Ruth Korte

Gießen. „Das, was heute passiert, ist eigentlich schon viel zu viel für mich“, sagt Maria, während ihre Freundin und Fotografin Cora Baranowski ihr die Haare kämmt und Rouge aufträgt, um ihre Blässe ein wenig zu kaschieren. Ein bisschen Wimperntusche, ein bisschen Lidschatten. Mehr soll es nicht sein. „Ich möchte, dass du mich so fotografierst, wie ich bin“, hat Maria ihr zu Beginn des Shootings sehr deutlich gesagt. Nur für die Aufnahme selbst werden ihr für eine kurze Zeit lediglich die Atemmaske, die dunkle Brille und ihre Halskrause abgenommen und anschließend wieder angelegt.

Aufrichten kann sich Maria in ihrem Bett nicht, daher wechselt die Fotografin öfter die Perspektiven, platziert Plastik-Schmetterlinge auf Haar und Händen, um die Fotos dennoch so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. „Es ist eine besondere Herausforderung für mich“, sagt Baranowski. Damit überhaupt ein wenig Licht auf den Bildsensor ihrer Kamera fällt, wählt sie eine besonders lange Belichtungszeit. Jede Bewegung, auch das kleinste Zucken ihres Mundwinkels, kann dazu führen, dass das Bild verwackelt.

Trotz ihrer lebensbedrohlichen Krankheit tut die 28-jährige Marburger Lehramtsstudentin alles dafür, um die Pläne, die sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, zu verwirklichen. Dafür verlässt sie – wenn es sein muss sogar gegen den Rat ihrer Ärzte – auch die schützenden Wände ihres Zimmers im Gießener Pflegeheim, in dem sie seit fünf Jahren lebt. So gab sie schon eine Lesung an der Uni Marburg, fuhr an die Ostsee, um noch einmal das Meer zu sehen, begab sich auf eine Shoppingtour durchs Marburger Kaufhaus Ahrens (die OP berichtete) – natürlich immer in Begleitung von Notfallmedizinern.

Fotoshooting findet im Pflegeheim statt

Für das Fotoshooting, das heute stattfindet und auf das sie sich schon so lange gefreut hat, muss sie ihr Zimmer diesmal nicht verlassen. Doch deshalb ist es für sie nicht weniger gefährlich: Maria darf ihrem Körper nicht zu viel Helligkeit zumuten. Tritt zu viel Licht auf ihre Netzhaut, kann dies einen epileptischen Anfall bei ihr auslösen. Ihr Zimmer ist deshalb abgedunkelt. Der einzige leuchtende Farbklecks in der Dunkelheit ist der Knopf für den Alarmruf ins Schwesternzimmer, der über ihrem Bett am Triangelgriff hängt.

Ergebnis des Shootings: eine Fotomontage von Maria Langstroff mit Schmetterlingen. Foto: Cora Baranowski

Ergebnis des Shootings: eine Fotomontage von Maria Langstroff mit Schmetterlingen. Foto: Cora Baranowski

Quelle: Cora Baranowski

Ein normales Fotoshooting mit Blitzlicht und heller Raumausleuchtung ist unter diesen besonderen Umständen nicht möglich. „Für mich ist die Situation auch neu“, sagt Baranowski, während sie das Stativ umbaut, das ihrer Kamera in dem abgedunkelten Zimmer den nötigen Halt geben soll. Als sie ihre Werbeflyer in dem Foyer des Pflegeheims auslegte, erzählt sie, hatte sie damit eigentlich was anderes vor: Menschen für eine Porträtreihe von alten, markanten Gesichtern zu gewinnen.

Für Maria ist es nicht das erste Fotoshooting. Während ihres Studiums hat sie professionell bei einer Agentur gemodelt, zu deren Kundenkreis auch der große Modehersteller Hugo Boss gehörte. Damals saß Maria schon im Rollstuhl, was die Agentur jedoch nicht abschreckte. Im Gegenteil. Nach einer Lungenembolie im Jahr 2009 und weiteren Lähmungserscheinungen musste Maria das Modeln aufgeben. Vergessen hat sie ihren Traum jedoch nie.

Im Studium Erfahrungen als Model gesammelt

Als sie Baranowskis Flyer in die Hände bekam, rief sie gleich die darauf abgedruckte Nummer an. „Als wir das erste Mal miteinander sprachen, dachte ich, sie wäre eine alte Frau, weil ihre Stimme so alt klang. Ich wusste ja nicht, was für eine schöne junge Frau wir hier haben“, sagt Baranowski schließlich und wirft einen Blick auf Maria, die während unserer Unterhaltung für einen Moment die Augen geschlossen hat, um sich auszuruhen.

Maria wird während des Fotoshootings immer mal wieder Pausen einlegen müssen. Jedoch weniger auf ihren eigenen als auf den Wunsch ihrer Fotografin hin, der Marias Erschöpfung durchaus nicht entgeht. Müdigkeit ist eine der Nebenwirkungen der vielen starken Opioide, die Maria bekommt.

Immer wieder fallen ihre Augenlider zu. Und immer wieder reißt sie ihre Augen auf und sagt entschlossen: „Weiter geht‘s!“ Maria weiß, was sie sich zumutet und sie will es durchziehen. Trotz der veränderten gesundheitlichen Umstände lässt sich das Ex-Model nicht einschüchtern. „Dann könnte ich ja gleich alle meine Wünsche über Bord werfen“ sagt sie.

von Ruth Korte

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