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Ein gewinnbringender Verzicht
Klimaschutz konkret

OP-Serie Ein gewinnbringender Verzicht

Nicht jeder kann alles machen, aber alle können etwas machen. Dieses Motto beschreibt gut, wo der Klimaschutz verankert ist: im Alltag, bei jedem Einzelnen.

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Mit Fahrspaß in den nächsten Stau

Eine Frau trägt einen Einkaufskorb voller Gemüse im Supermarkt. Mit jedem Einkauf entscheiden wir auch darüber, wie viel Kohlendioxid künftig produziert wird.

Quelle: Archivbild

Marburg. Knapp zwei Wochen lang haben Politiker und Fachleute aus der ganzen Welt in Paris den Versuch unternommen, verpflichtende Regeln für den Klimaschutz zu vereinbaren. Die Absichtserklärungen können das Klima indes nicht retten, dafür ist die Menschheit als Ganzes verantwortlich – und eben jeder Einzelne. In Marburg und im Landkreis ist das Thema längst angekommen. Sowohl die Stadt, die ein integriertes Klimaschutzkonzept auf die Beine gestellt hat, als auch der Landkreis, der sich mit einer Reihe von Initiativen und einem ambitionierten Ziel bei der CO2-Reduktion engagiert, fördern auch private Projekte, wie Wolfgang Schuchart, Hans und Traude Ackermann, Peter Schreiner und Henner Gonnermann von der Marburger Ortsgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland anerkennend feststellen. Im Gespräch mit der OP zeigen die Umweltschützer aber auch auf, wo immer noch die Hindernisse für den privaten Klimaschutz liegen.
Das Klima reagiert extrem langsam, aber folgenreich

  • Fehlende Betroffenheit : „Wem der Keller zum dritten Mal im Sommer vollgelaufen ist, der lernt, warum der Klimaschutz nötig ist“, versichert Peter Schreiner. Viele fühlten sich aber eben nicht direkt betroffen. Zudem verändere sich das Klima nur sehr langsam, so dass der Wandel nur über längere Zeiträume festzustellen sei. Hinzu komme ein demografischer Faktor, ergänzt Henner Gonnermann. Die älteren und reicheren Leute wohnten in den größeren Häusern und erklärten etwa zum Thema energetische Sanierung häufig: „Ich bin zu alt, das lohnt sich für mich nicht mehr.“ Den Jüngeren fehle es aber häufig am Geld, um ein solches Projekt zu stemmen.

  • Eine Frage der Wertung: „Die Photovoltaikanlage auf dem Dach hat bei vielen nicht das Ansehen eines neuen SUV“, macht Wolfgang Schuchart deutlich, dass auch das gesellschaftliche Umfeld eine Rolle spielt. Und da sei Deutschland eben immer noch ein Land der Autofahrer. „In der Schweiz haben die Bahnen einen viel höheren Stellenwert“, ergänzt Traude Ackermann.
  • Und die anderen? Natürlich seien die Möglichkeiten des Einzelnen, das Weltklima zu verbessern, ausgesprochen gering, räumt Peter Schreiner ein. Es gehe eben auch darum, mit gutem Beispiel voranzugehen. Und einer müsse im Zweifel den Anfang machen. Der Einzelne habe auch nur einen winzigen Einfluss auf das Ergebnis der Bundestagswahl – das sei aber ja kein Grund, nicht wählen zu gehen.

Viele Investitionen zahlen sich schon in kurzer Zeit aus

  • Wer soll das bezahlen? Das Argument „das kostet viel Geld, das ich nicht habe“, gelte nicht, „wenn man schlau ist“, erklärt Peter Schreiner. Für sehr viele größere Investitionen gebe es diverse Förderprogramme. Da helfe es schon, wenn man regelmäßig nachsehe, was gerade vom Bund, dem Land, vom Kreis oder der Stadt finanziell unterstützt werde. Hans Ackermann macht auf einen zweiten Punkt aufmerksam: Die Amortisationszeit sehr vieler „Stromspargeräte“ liege im Bereich von ein bis zwei Jahren. Das heißt, die zunächst etwas höhere Investition mache sich innerhalb kurzer Zeit über den geringeren Verbrauch bezahlt. Für Elektrogeräte bedeute das, nur noch solche zu kaufen, die mit einem A und mindestens drei „+“ gekennzeichnet seien. Der Austausch älterer Heizungspumpen sei ein gutes Beispiel: Der Wechsel amortisiere sich nach spätestens zwei Jahren und die neue Pumpe spare rund 80 Euro Stromkosten pro Jahr.
  • Was darf ich denn noch? In der öffentlichen Wahrnehmung ist klimaschützendes Verhalten häufig mit „Verzicht“ verbunden. Das stimme in gewisser Weise auch, versichert Wolfgang Schuchart. Eine Fernreise mit dem Flugzeug belaste die persönliche CO2-Bilanz tatsächlich enorm und ein großer SUV bleibe ungeachtet aller Werbung klimaschädlicher als ein Kleinwagen. „Aber vielleicht kann es ja auch einer mit einem 1,3-Liter-Motor sein und nicht das ganz große Modell“, gibt er zu denken.
  • Der persönliche Vorteil: Zugleich sei das mit dem Verzicht auch eine Frage der individuellen Wahrnehmung, wendet Hans Ackermann ein. Ob das Rindersteak aus Argentinien stamme oder dem Frankenberger Land, mache in der Umweltbilanz eine Menge aus. Und wenn man ein Steak jede Woche esse, verliere es schnell seine Besonderheit. Insofern könne ein Verzicht auch dazu führen, dass man ein Produkt noch mehr genießen könne. So stecke in jedem Verzicht eben auch ein Gewinn. Anstelle der zweiwöchigen Flugreise nach Neuseeland könne man vier Wochen auf Rügen Urlaub machen, habe also zwei Wochen Erholung gewonnen. Wer mit dem Bus zur Arbeit fahre, spare sich den Stress im Berufsverkehr und die Suche nach einem Parkplatz. Und er gewinne zusätzlich etwas an Lebensqualität, wenn er mit dem Rad fahre und etwas für seine Gesundheit tue.

Klimaschäden werden nicht in die Produkte eingepreist

  • Grundsätzliches: Ein Problem des Klimaschutzes liege darin, dass die CO2-Belastung der Produkte nicht ausreichend eingepreist würden, bemängelt Henner Gonnermann. Dort, wo es wie bei der steuerlichen Belastung für Autos doch geschehe, führe es zu den jetzt bei VW bekannt gewordenen Folgen. Dem Verbraucher fehle andererseits häufig das Bewusstsein für den CO2-Ausstoß, der mit den ganz alltäglichen Produkten und Dienstleistungen verbunden sei. Für ein halbes Pfund Butter etwa fallen 6 Kilogramm CO2 an und machen den Brotaufstrich damit zum CO2-intensivsten Lebensmittel. Pro Jahr werden für das Futter eines mittelgroßen Hundes rund 950 Kilo des Klimakillers fällig. Zum Heizen und für die Warmwasserbereitung werden pro Bundesbürger für Holz und erneuerbare Energien dagegen nur 10,1 Kilogramm CO2 produziert.
  • Was ist zu tun? „Die kleineren Schritte sind die wichtigen“, ist sich Henner Gonnermann sicher. Und diese kleinen Schritte könne auch jeder machen. Häufig liege es einfach an der Bequemlichkeit, etwas anzupacken oder Informationsdefiziten, die zu so abstrusen Behauptungen führten, dass etwa  Luft durch Glas gehe. Aus Angst vor möglichem Schimmel werde dann auf eine sinnvolle Dämmung verzichtet. Gonnermann und seine Mitstreiter betonen aber auch, dass es schon viele private Initiativen gebe. Das Beispiel der Energiedörfer Oberrosphe und Schönstadt zeige zugleich, dass solche Projekte über den Klimaschutz hinaus stark gemeinschaftsfördernd wirkten. Das Motto „gut leben statt viel haben“ werde da mit Leben gefüllt. Das kann auch Andreas Mainusch, einer der Initiatoren der Nahwärmegenossenschaft Schönstadt, bestätigen. Das Nahwärmenetz verbindet inzwischen nicht nur rund 300 Häuser des Ortes, es hat zugleich auch die Bewohner noch enger miteinander verknüpft.

Die Grafiken zeigen die durchschnittliche CO2-Produktion eines Bundesbürgers beim Konsum ohne den Bereich der  Ernährung und bei öffentlichen Dienstleistungen.   

von Frank Rademacher

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