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Kaffeemühlen helfen über Sucht hinweg

OP-Serie: "Ich sammle..." Kaffeemühlen helfen über Sucht hinweg

Es gibt die verschiedensten Gründe, warum Menschen Dinge sammeln. Die Erklärung von Ehrenstadtrat Ludwig Dippel dürfte jedoch Seltenheitswert haben - das lässt sich schon im ersten Teil der neuen Serie sagen.

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Sammlung schlägt Brücke zur Kindheit

Als Freunde seine neuerworbene Kaffeemühle – die Zweite von rechts – versteckten, war es kurz vorüber mit der für Ludwig Dippel typischen Freundlichkeit.Foto: Lerchbacher

Neustadt. „Immer, wenn mich die Lust auf eine Zigarette überkam, nahm ich die Kaffeemühle meiner Mutter zur Hand und beschäftigte mich mit ihr“, sagt Ludwig Dippel und greift - inzwischen frei von der Sucht nach blauem Dunst aber von der Sammelleidenschaft gepackt - zu dem Küchengerät aus dem Jahr 1926. „Das ist eine Schoßmühle“, erklärt er, klemmt sich das gute Stück zu Demonstrationszwecken zwischen die Beine, dreht gedankenverloren an der Kurbel und betont: „Meine Mutter kaufte sie 1926 vor ihrer Hochzeit für ihre Aussteuer.“

Entsprechend hat die Mühle einen hohen ideellen Wert für Neustadts Ehrenstadtrat. Aus finanzieller Sicht sind andere Stücke seiner Sammlung kostbarer - doch „wertvoll“ seien eigentlich alle, sagt er. Beim Kauf auf die Kosten zu achten, sei beim Ausleben einer Leidenschaft ohnehin unmöglich.

„Beute machen“ lasse sich am besten auf Flohmärkten, aber auch im Ausland hat Dippel so manches Stück erworben: zum Beispiel Mokkamühlen aus Messing in Griechenland, Kroatien oder der Türkei. In Poitiers in Frankreich erstand er eine Schrotmühle von 1850, in der einst Gerste gemahlen wurde: „Die armen Leute konnten sich früher schließlich keinen Bohnenkaffee leisten.“

"ich war fast schon böse"

Sekunden später präsentiert er stolz eine Kaffeemühle aus Bakelit, dem ersten industriell produzierten Kunststoff. Dann zaubert er eine Mühle aus Blech aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, eine „Schiffsmühle“ mit Schwungrad aus dem Jahr 1890, eine hölzerne runde und eine bunte Mühle hervor. Diese hat Bilder an den Seiten, die ein Paar nach der Kartoffelernte beim Beten des „Engel des Herrn“ zeigen: „Hierbei finde ich besonders interessant, dass sich früher auch christliche Symbole auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs fanden.“

Eine besondere Anekdote - wahrscheinlich, weil sie eigentlich gar nicht zu Dippels freundlich-fröhlichem Gemüt passt - weiß der 83-Jährige aus Südtirol zu berichten: „Ich kaufte mir in Toplach in einem Geschäft mit Kunstgegenständen und Haushaltsartikeln eine Mühle, brachte sie mit ins Quartier und zeigte sie meinen Mitreisenden. Als ich von einem Spaziergang zurückkam, war sie weg.“ Verzweifelt habe er nach ihr gesucht, doch sie ließ sich nicht finden und keiner seiner Freunde sagte etwas. „Ich habe mich richtig aufgeregt und war fast schon böse. Da wurde es den Anwesenden scheinbar zu brenzlig und sie holten die Mühle aus einem Versteck heraus.“

Dippel beruhigte sich wieder und kann heute über die Geschichte lachen - wenn auch etwas verschämt. Erkennen lässt sich daran jedenfalls die Leidenschaft, mit der er sein Hobby verfolgt: „Die Menschen sollten nicht einfach am Leben vorbeilaufen. Das Sammeln regt die Fantasie an - zum Beispiel, wenn man auf der Suche nach neuen Quellen ist.“ Oftmals sei es richtig aufregend, die Geschäfte zu durchstöbern oder auf Flohmärkten von einem Stand zum nächsten zu tigern - immer in der Hoffnung auf Erfolg beziehungsweise einen Fund. Blind zugreifen und wild Kaffeemühlen horten, kommt für Dippel allerdings nicht in Frage: „Was gar nicht geht, ist Stücke doppelt zu haben. Das macht mir dann keinen Spaß sondern ärgert mich eher.“

Zur neuen Serie: Ein Editorial von Florian Lerchbacher

Sammler, zeigt her Eure Schätze!

Ein Urlaub im Ausland ist erst dann wirklich gelungen, wenn ich ein Trikot der jeweiligen Nationalmannschaft oder eines Vereins gekauft habe. Je ausgefallener, desto besser. Bevor ich dieses Stück „Stoff“ in meinen Händen halte, herrscht stets ein gewisses Gefühl der Unruhe. Fest steht: Jedes Trikot ist ein Schatz, der mich an meine Urlaube erinnert. Und zu (fast) jedem gibt es eine Geschichte zu erzählen. Mal ist sie spannend, mal lustig, mal traurig – zum Beispiel musste ich auf Jamaika nach ausgiebigem Handel letztlich einen höheren Preis zahlen, als ursprünglich verlangt worden war.

Sind Sie auch ein Sammler? Und wollen Sie uns und den Lesern der Oberhessischen Presse in der Serie „Ich sammle...“ einen Einblick in ihre Schätze gewähren und uns eine Anekdote zu einem Stück erzählen? Dann geben Sie uns Bescheid: per E-Mail an stadtallendorf@op-marburg.de oder telefonisch unter 06428/926215 (wenn Sie aus dem Ostkreis kommen), 06421/409352 (Marburg), 06421/409341 (Nord- und Südkreis) oder 06462/940411 (Hinterland).

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher