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Der Keller der Schnaps-Schädel

Sammel-Serie Der Keller der Schnaps-Schädel

Manfred Schneider ist verliebt in eine Frau, der Schnaps aus den Brüsten rinnt. Die zierliche Dunkelhäutige ist der Stolz des 66-Jährigen, der in seinem Partykeller in Ronhausen Schnapsnasen sammelt.

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Was landläufig als Schimpfwort gilt, damit verbindet Manfred Schneider (66) etwas anderes: Schnapsnasen sind für ihn Porzellanfiguren, die als Dekoration auf Flaschen stecken. 136 davon hat der Ronhäuser bislang gesammelt.

Quelle: Björn Wisker

Ronhausen. Die kleinen Figuren aus Porzellan dienen als Dekoration auf Flaschen. Aus ihren Nasenhöhlen fließt der Alkohol in die Gläser - und da es bei der Frauenfigur die Brüste sind, ist sie die Exotin im Partykeller des Ronhäusers. „Vor vielen Jahren habe ich im Fernsehen jemanden gesehen, der diese Gegenstände sammelt. Da dachte ich: Hey, das ist genau dein Ding“, sagt Schneider.

Kobolde, Bären, Schweine, Gentlemen mit Zylinder: Die Vielfalt samt unterschiedlicher Gesichtsausdrücke sowie die Präzision der Handarbeiten sind es, die Schneider faszinieren. In seinem Regal, in das er Löcher für die Korken gebohrt hat, reihen sich mittlerweile 136 Exemplare.

Stücke werden für mehrere hunder Euro verkauft

Seit Jahrzehnten werden solche Figuren quer durch Deutschland gefertigt, mit Farben glasiert und oft Touristen als Mitbringsel angeboten. Ramsch? Nippes? Im Gegenteil. Im Internet-Auktionshaus Ebay finden sich Raritäten, die für viele hundert Euro den Besitzer wechseln - zuletzt ein Kopf von Winston Churchill, dem Ex-Premierminister Großbritanniens.

Schneiders Schatzsuche beginnt allerdings nicht im Internet, sondern stets auf Flohmärkten. In der Region ist er ständig unterwegs, auch in Frankfurt und Köln schnappte er sich bereits begehrte Stücke. „Ich bin immer wieder sonntags ab vier, fünf Uhr unterwegs. Da krame ich auch schon mal im Kofferraum der Aussteller rum“, sagt er.

Angefangen hat die Sammelleidenschaft mit Überraschungs-Eiern. Besser gesagt: mit deren Spielzeug-Inhalt. Doch das wurde irgendwann Massenware, verlor seinen ideellen Wert. „Das hier“, sagt Schneider, „bedeutet mir aber etwas“. Habe er ein neues Stück ergattert, sitze er stets minutenlang vor der Wand und blicke glücklich auf seine wachsende Schnapsnasen-Sammlung.

Zeugnisse aus vergangenen Tagen

Für fast jede der Figuren steht in seinem Keller eine Schnapsflasche. 120 Sorten, darunter edle Marken wie Sansibar-Grappa, lagern dort. Wird eine geöffnet - gerne mit den Fußballkumpels aus dem Dorf - stülpt Schneider eine Figur auf den Flaschenhals.

Die Schnapsausgießer sind die Skurrilitäten in einer riesigen Sammlung Marburger Alkohol- und Tabakgeschichte. In seinem Partykeller, den er vor 15 Jahren einrichtete, wimmelt es von Andenken an die Boomzeit von Marken wie Stephan Niderehe und Marburger Brauerei. Jahrzehntealte Krüge, Sonderanfertigungen, Werbetafeln: Er rettet Zeugnisse der Vergangenheit vor dem Müll. Selbst Andenken an Brauereien in Biedenkopf und Wetzlar, die längst nicht mehr existieren, hat er an die Wände genagelt.

Zu der Porzellanfrau mit den Schnaps-Brüsten kam er übrigens dank eines Freundes. Der hatte es auf ein seltenes Stück aus Schneiders Tabaksammlung abgesehen. Der Deal: Figur gegen Feuerzeug.

von Björn Wisker

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