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Zwischen Genuss, Abhängigkeit und Abstinenz

OP-Serie: Halt! Teil 2 Zwischen Genuss, Abhängigkeit und Abstinenz

Konsum, Beschaffung, Leergut entsorgen, die Fassade aufrecht erhalten: Ist jemand alkoholsüchtig, dreht sich alles um die Abhängigkeit. Die OP befasst sich in ihrer Serie mit Stadien der Sucht, Auswegen und Hilfsangeboten.

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Ausdauersport statt Alkohol: Dietmar Schüler schnappt sich sein Rennrad wann immer es geht.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Vier bis fünf Flaschen Wein trank Dietmar Schüler in seinen Höchstzeiten. Täglich. „Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben“, sagt der 52-Jährige heute. Sechs Jahre lang war Dietmar Schüler vom Alkohol abhängig.

Der Hausmeister an einer Schule geht offen mit seiner Alkoholsucht um. Anonym zu bleiben in diesem Artikel lehnt er ab. „Ich will dazu stehen und den Menschen so zeigen, dass es einen Ausweg gibt“, betont der Mann mit dem grauen Spitzbärtchen. Er sitzt auf dem dunklen Sofa in seinem Wohnzimmer und erzählt. „Es kam damals alles Negative zusammen“, beschreibt er den Auslöser für seine Alkoholsucht. Er verließ seine Heimat im Osten der Republik, seine Ehe ging in die Brüche, er war arbeitslos. Lange war der gelernte Maler in der fremden Umgebung auf der Suche nach einer neuen Stelle. „Der Druck war immens“.

Vom Alkoholgenuss zum Alkoholproblem oder gar zur Abhängigkeit - an welchem Punkt werden die Grenzen überschritten und wo beginnt die Sucht? „Das sind spannende Abgrenzungs-Fragen, mit denen sich die meisten Menschen erst dann auseinandersetzen, wenn aufgrund ihres riskanten Konsummusters bereits Folgeprobleme erlebt wurden“, erklärt Simone Söhrich. Die Sozialtherapeutin leitet die Sucht- und Drogenberatungsstelle des Diakonischen Werks Oberhessen. „Eigentlich wäre es für jeden, der Alkohol trinkt, wichtig zu wissen, welches Maß gesundheitlich unbedenklich ist“, sagt sie und ergänzt, dass sich dies nicht pauschal beantworten lässt.

Bei Dietmar Schüler war irgendwann klar, dass er längst die Grenzen des Alkoholgenusses überschritten hat. Der 52-Jährige ist einer, der immer alles gut machen will. Der keine Schwächen zeigen, keine Hilfe annehmen will. Das Scheitern in so vielen Lebensbereichen konnte er damals nicht verkraften. „Da habe ich zur Flasche gegriffen.“ Nur so konnte er „runter kommen“, den Druck abbauen. Schüler betäubte sich mit dem Alkohol. Doch niemand sollte davon erfahren. „Ich habe es vor jedem geheim gehalten“, sagt er. Weder seine damals noch im gleichen Haus lebende heutige Exfrau, noch seine Tochter haben etwas von seiner Sucht mitbekommen. „Ich bin damals viel wandern gegangen, habe mir im Nachbarort Alkohol gekauft, damit es keiner merkt und dann auf dem Weg getrunken.“

So ging das jahrelang. Selbst dann noch, als Dietmar Schüler seine neue Stelle als Hausmeister antrat. „Es ging irgendwann nicht mehr ohne“, erinnert er sich. Er hatte Entzugserscheinungen. Kopfschmerzen. Händezittern. Er hatte Sodbrennen. Einen schlechten Geschmack im Mund. Nachts wachte er schweißgebadet auf. „Ich musste trinken, damit das weggeht.“

Frauen vertragen tatsächlich weniger

Alkohol ist ein „Zellgift“, das im Körper abgebaut werden muss. „Deshalb kann man Schäden infolge eines Alkoholkonsums nie ganz ausschließen“, erklärt Suchtberaterin Simone Söhrich. Die Wahrscheinlichkeit negativer Auswirkungen sei bei einem gesunden Menschen geringer als bei einem kranken, wenn er eine bestimmte Konsumfrequenz und Alkoholmenge nicht überschreite.

Doch wie viel ist zu viel? Zu dieser Frage gibt es verschiedene Stellungnahmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt gegenwärtigeinen für unbedenklich angenommenen Grenzwert von täglich 20 Gramm Reinalkohol für Frauen und 30 Gramm für Männer vor. Das entspricht bei Frauen etwa einem halben Liter Bier oder rund 0,2 Litern Wein - bei Männern ist die anderthalbfache Menge zugrunde zu legen. Aufgrund von geschlechtsspezifischen Unterschieden im Stoffwechsel und im Wasserhaushalt des Körpers ergeben sich für Frauen niedrigere Grenzen als für Männer. „Frauen vertragen also wirklich weniger“, betont Simone Söhrich.

Die WHO empfiehlt, an mindestens zwei Tagen pro Woche auf Alkohol zu verzichten, um eine Gewöhnung zu vermeiden. „Dies bedeutet, wenn man ein Standardglas Sekt, Wein oder Bier pro Tag konsumiert und mindestens zwei Tage pro Woche völlig auf Alkohol verzichtet, ist man bei körperlicher Gesundheit weitgehend auf der sicheren Seite“, sagt Söhrich.

Dass Dietmar Schüler mehr trank, als für ihn gut sein konnte, blieb an seinem Arbeitsplatz in der Schule irgendwann nicht mehr unbemerkt. „Gott sei Dank“, sagt er heute. Der damalige Rektor nahm den Hausmeister zur Seite und sprach ihn direkt an. „Das war meine Rettung“, sagt der 52-Jährige über den „schlimmsten Augenblick“ in seinem Leben. „Ich hätte vor Scham sterben können.“ Er leugnete seine Sucht. Fand Ausflüchte. Und dafür schämte sich der, der niemals Schwächen zeigen wollte, noch mehr. „Wir Alkoholiker leugnen, weil wir uns ja auch selbst belügen“, sagt er.

Alkohol als täglicher Begleiter - Genuss bedeutet nach der Definition der Suchtexperten etwas anderes. Ein suchtkranker Mensch könne sein Suchtmittel nicht mehr genießen oder nur zu besonderen Gelegenheiten trinken, „er braucht es“, sagt Therapeutin Söhrich. Meist führe der Weg in die Sucht über den Missbrauch von Alkohol. „Man trinkt Alkohol, um eine bestimmte emotionale Wirkung zu erzielen.“ Durch den wachsenden Wunsch, diese Wirkung wiederholt zu erleben, wird häufiger getrunken, zunehmend auch in schädlicher Menge und zu unpassenden Gelegenheiten. „Der eine oder andere Kater oder gar ein Fadenriss wird dabei in Kauf genommen“, berichtet die Pädagogin.

Nach der offenen Konfrontation an seinem Arbeitsplatz will Dietmar Schüler aufhören mit dem Trinken. Doch den Alltag bewältigt er nicht mehr ohne Alkohol. „Ich bin morgens um vier aufgewacht und habe mich so elend gefühlt, weil ich wusste, dass ich ohne Alkohol mein Zittern nicht verbergen kann.“ Also trinkt er weiter. Und fällt wieder auf. Auf die erste mündliche Abmahnung folgt eine schriftliche. „Das hat den Druck erhöht, weil ich auf keinen Fall wieder arbeitslos werden wollte.“

Wenn die Vielfalt der Trinkanlässe zunimmt

Der Rektor gibt dem Hausmeister eine letzte Chance: Er könne seine Stelle behalten, wenn er zur stationären Behandlung in eine Suchtklinik gehe. „Er hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt - und dafür bin ich ihm unendlich dankbar“, sagt Schüler.

Es ist die typische Geschichte einer Suchterkrankung, die Schüler erzählt - die Handlungsspielräume sind immer mehr auf das Ritual des Alkoholtrinkens eingeengt, die Vielfalt der Trinkanlässe nimmt stetig zu. So beschreibt es Expertin Söhrich. Acht Wochen war Schüler in der Suchtklinik in Marburg. Dorthin zu gehen kostete ihn große Überwindung. „Ich hatte noch nie so viel Angst in meinem Leben.“ Doch die Zeit in der Klinik öffnete ihm die Augen. „Ich habe gesehen, was aus mir wird, wenn ich weiter trinke.“

Abhängige sind nur noch eingeschränkt kontrollfähig

Für viele ist die Frage, ob sie sich selbst in einer Form der Alkoholabhängigkeit befinden, gar nicht leicht zu beantworten. Steht schon das tägliche Bier zum Abendessen für Abhängigkeit? „Ein erster wichtiger Hinweis auf eine Abhängigkeit kann der wiederkehrende, starke Wunsch bis hin zu einem Zwangserleben sein, Alkohol zu konsumieren“, erklärt die Suchttherapeutin. „Dies bedeutet, dass das Denken und die Sehnsucht immer stärker um den Alkohol und die Beschaffung davon kreist.“ So berichten Betroffene, dass das Rauschgefühl zunächst darüber hinwegtäuscht, dass der Alkohol seine schädigende Wirkung als Zellgift im Körper entfaltet. Die zunehmende Toleranzentwicklung führt wiederum dazu, dass mehr Alkohol getrunken wird. „Die gewünschte emotionale Wirkung wie Entspannung, Gelassenheit oder Vergessen von Problemen wird dann erst bei einer höheren Menge Alkohol erreicht“, weiß Söhrich.

Das Hauptsymptom einer Abhängigkeit, so wissen die Suchttherapeuten, ist die eingeschränkte Kontrollfähigkeit bezüglich des Alkoholkonsums. „Das bedeutet, dass die Selbststeuerungsfähigkeit eines Menschen, wann und welche Mengen er trinkt, auf Dauer eingeschränkt ist.“ Vermehrt wird heimlich getrunken, die Vorräte werden versteckt und heimlich aufgefüllt - wie in der Geschichte von Dietmar Schüler. Ab einem fortgeschrittenen Stadium der Sucht wird getrunken, wann auch immer es geht. Auch in Situationen, in denen der Konsum ein erhebliches Risiko mit sich bringt, wie etwa vor oder während der Arbeit. „Das gesamte Leben kreist immer mehr um die Sucht“, sagt Söhrich. Trinken, beschaffen, Leergut entsorgen - und dann auch noch den Schein wahren, das alles in Ordnung sei: All das kostet den Abhängigen viel Energie, andere Interessen vernachlässigt er. „Massive Schamgefühle und Selbstwertverlust führen häufig zum Rückzug oder zur Einengung sozialer Kontakte auf ein Umfeld, in dem ebenfalls viel getrunken wird“, erläutert die Suchtberaterin. Und obwohl immer mehr Folgeprobleme auftreten, wie etwa Partnerschaftskonflikte, Auffälligkeiten am Arbeitsplatz, Führerscheinentzug oder auch gesundheitliche Folgen, stellten die Betroffenen das Trinken nicht ein - das Stadium einer chronischen Suchterkrankung ist erreicht.

Dietmar Schüler jedoch fand Hilfe. Während des achtwöchigen Aufenthalts in der Suchtklinik und durch die ambulante Nachversorgung hat er gelernt: „Alkohol hilft mir nicht. Alkohol zerstört mein Leben.“ Seit 2007 ist der 52-Jährige nun trocken. Aber die Angst vor einem Rückfall bleibt, „weil mir niemand, der einen Rückfall hatte, erklären konnte, warum.“ Schüler hat deswegen Albträume, wacht nachts auf - und ist froh, wenn er dann realisiert, dass er ja gar nicht mehr trinkt.

Für Betroffene gibt es verschiedene Wege und Hilfsangebote - ambulante und stationäre Therapien sind möglich. Im vergangenen Jahr kamen 359 Klienten wegen Alkoholproblemen in die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werks Oberhessen in Marburg - 88 von ihnen absolvierten dort eine ambulante Therapie, 76 Klienten wurden auf die stationäre Therapie vorbereitet, in Kliniken vermittelt.

Je nachdem, wie weit die Alkoholsucht fortgeschritten ist, beginnt die Therapie mit einem Entzug. „Das muss im Krankenhaus passieren“, erklärt Simone Söhrich, „denn es ist ein riskantes Unterfangen, das mitunter auch medikamentös begleitet werden muss, weil es beim Entzug zu Delirium oder Krampfanfällen kommen kann.“ Der stationäre Entzug dauert bei Alkoholikern meistens eine Woche. Danach folgt für die Patienten die Entzugstherapie in einer Reha- oder Suchtfachklinik - sie kann 12 bis 16 Wochen dauern. Söhrich erklärt, was zur Entwöhnungstherapie gehört: ein dichtes Tagesprogramm mit Einzel- und Gruppengesprächen, Psychotherapie, Ergotherapie, Bewegungstherapie, Musik- und Kunsttherapie sowie weitere Formen. In der ambulanten Therapie stehen Gruppensitzungen und Einzelgespräche im Mittelpunkt. „Nur Klienten mit hinreichender Abstinenzfähigkeit sind dort richtig aufgehoben“, sagt Söhrich - „acht Wochen dauerhafter Abstinenz sollte der Klient schon schaffen, sonst wird der Prozess zu belastend für die Gruppe“.

Ausdauersport als Mittel gegen die innere Leere

Die Therapeutin kennt die Gründe, die die Menschen zur Flasche greifen lassen. Oftmals sei es die Einsamkeit. „Viele wissen abends nichts mit sich anzufangen nach einem Arbeitstag, finden es schlimm, in eine leere Wohnung zu kommen - und plopp, da geht die Flasche auf.“ Das Suchtmittel erfülle viele Zwecke: Betroffene spülen mit Alkohol Ärger und Sorgen herunter, füllen die innere Leere, vertreiben Einsamkeit, überwinden Kränkungen und Selbstzweifel. Doch nur vorübergehend - und um einen hohen Preis. In der Suchttherapie bricht der steinige Weg an, der die Alkoholabhängigen zu alternativen Verhaltensweisen führen soll. „Was kann man stattdessen machen, was erfüllt mich statt Alkohol, was habe ich früher gern gemacht und wofür lohnt sich die Abstinenz?“, fasst Söhrlich die Fragen für Betroffene zusammen.

Dietmar Schüler hat den Weg der Offensive gewählt, er hat sich an seiner Schule offenbart, dem Kollegium gesagt, dass er Alkoholiker ist. Auch den Schülern erzählt er - zum Beispiel in Suchtpräventionswochen - was Alkoholsucht anrichten kann. Die Leere, die er damals mit Alkohol gefüllt hat, bekämpft er nun mit Ausdauersport. Statt zur Flasche zu greifen, schwingt er sich auf sein Rennrad. Auf sein Shirt hat er etwas aufdrucken lassen: „Besser Rad fahren und laufen statt Komasaufen.“

  • Der nächste Teil der OP-Reihe „Halt“ (Teil drei von vier) erscheint am kommenden Samstag. Dann geht es noch einmal um Alkoholkonsum bei Jugendlichen - diesmal mit den Schwerpunkten Jugendschutz im Verein und bei Heimatfesten sowie um die Konfirmation als möglicher Anlass für den ersten Alkoholrausch.
  • Kontakt zur Sucht- und Drogenberatung: Telefon 06421/26033.

von Carina Becker und Nadine Weigel

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