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Am Vollrausch führen viele Wege vorbei

"Halt"-Reihe Am Vollrausch führen viele Wege vorbei

Trinken und trinken lassen? Von wegen. Die Zeit des allzu lasch verstandenen Jugendschutzes in Stadt und Land sind vorüber. Das Bewusstsein für den Schutz der Jugend wächst.

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Trinkgelage auf dem Spielplatz, an der Schutzhütte oder wo auch immer Jugendliche sich unbeobachtet fühlen – in manchen Dörfern finden sich mitunter solche Leergutansammlungen, etwa nach Konfirmationsfeiern.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Gestern wurde Konfirmation gefeiert im Marburger Land. Am nächsten Tag finden sich die Spuren eines ausschweifenden Trinkgelages auf dem örtlichen Spielplatz. Der Gemeindepfarrer Maik Dietrich-Gibhardt ist entsetzt. „Das waren meine Konfirmanden, die sich dort betrunken und ihren festlichen Ehrentag mit einem Alkoholexzess und Erbrechen beendet haben“, berichtet der Theologe heute, zehn Jahre nach diesem Ereignis.

Dem damals jungen Pfarrer war nicht klar, dass das gezielte Betrinken im Kreise der Konfirmanden nach der Feier mit Familie und Verwandten zu den örtlichen Gepflogenheiten gehörte. So wie in anderen Dörfern der Umzug der Konfirmanden von Tür zu Tür - „und überall gibt‘s ein Schnäpschen auf die Konfirmation, da sind die Jugendlichen nach wenigen Stationen voll“, bringt es Dietrich-Gibhardt auf den Punkt.

Solche Sitten mögen in manchen Orten inzwischen der Vergangenheit angehören oder zumindest nicht mehr so ganz offensichtlich ausgelebt werden. Doch die Problematik besteht weiterhin - und verlangt der Kirche eine Reaktion ab. Seit einigen Jahren gibt es ein Informationsblatt mit dem Titel „Alkohol und Konfirmation“ in der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, erstellt in Zusammenarbeit mit der Diakonie und den Fachstellen für Suchtprävention. „Wir geben es in alle Kirchengemeinden zum Weiterverteilen“, sagt Diakoniepfarrer Dietrich-Gibhardt.

Das Infoblatt enthält Tipps zur Gestaltung einer Konfirmationsfeier ohne übermäßigen Alkoholkonsum und Anregungen für die Eltern, wie sie mit ihren Kindern über Alkohol reden können. „Hören Sie aufmerksam zu, fragen Sie interessiert nach, zeigen Sie, dass Sie Verständnis für die Sorgen Ihres Kinder haben, das schafft Vertrauen. Sie werden nicht verhindern können, dass Ihr Kind Erfahrungen mit Alkohol macht, aber Sie können Orientierung geben durch klare Regeln: Bevor du 16 Jahre bist, ist Alkoholkonsum die Ausnahme, klare Absprachen über Konsummengen bei Geburtstagen oder Feten, keine Spirituosen, bevor du 18 bist ...“, so lauten Anregungen aus der Broschüre.

Miteinander über das Thema Alkoholkonsum reden - aus Sicht Dietrich-Gibhardts ist dies das Wichtigste. Das Erlebnis, das er als junger Pfarrer hatte, brachte ihn dazu, mit seinen künftigen Konfirmanden übers Trinken zu sprechen. „Ich weiß nicht genau, wie viel das gebracht hat, aber es kam zu keinem solchen Alkoholexzess mehr“, berichtet er.

Den Eltern rät Dietrich-Gibhardt, sich einzubringen, einen Informationsabend einzufordern vor der Konfirmation und sich zu verbünden. „Wenn die Eltern gemeinsam festlegen, dass die Kinder sich abends nach der Feier nicht allein treffen dürfen, dann ist das Risiko, dass es zu einem Trinkgelage kommt, geringer“, befindet er, „ansonsten ist der Gruppenzwang für den einzelnen Jugendlichen groß“. Stattdessen schlägt Dietrich-Gibhardt den Eltern vor, Alkoholkonsum im geschützten Raum der Familie kontrolliert zuzulassen. „Die Kinder sollten gemeinsam mit den Eltern und Gästen bei einem guten Essen mit einem Glas Wein auf ihren Ehrentag anstoßen dürfen .“

„Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es ein Umdenken“

Trinken nach der Konfirmation, im Jugendclub, der Burschenschaft oder im Verein - manches hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewandelt, was die Akzeptanz gegenüber dem Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen angeht.Die Gesellschaft ist alarmiert und sensibler geworden gegenüber diesem Thema, weiß Thomas Graf, Diplom-Sozialpädagoge und Mitarbeiter der Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werks Oberhessen. Die dörfliche Trinkkultur mit der alten, bäuerlichen Vorstellung, dass ein Mensch mit 14 Jahren erwachsen sei, habe sich über Jahrzehnte hinweg gehalten, weit über die Einführung des Jugendschutzgesetzes im Jahr 1951 hinaus. „Doch seit etwa einem Jahrzehnt gibt es ein Umdenken.“ Die Zeit der flotten Saufsprüche ist vorbei oder strebt doch ihrem Ende entgegen: T-Shirts mit der Aufschrift „Wir saufen nach dem Sieg“ - früher hat der eine oder andere Fußballverein sie getragen. „Mir brennt der Helm“ oder „Hier wird der Durst gelöscht“ als Aufschrift auf den Shirts der Jugendfeuerwehr - auch das gab’s. „Die Eltern übernehmen heutzutage mehr Verantwortung und schauen genauer, welchen Einflüssen sie ihre Kinder aussetzen wollen. Und die Vereine müssen um den Nachwuchs kämpfen, weil weniger Kinder und Jugendliche da sind als früher. Trink-Training ist nicht mehr das gewünschte Programm“, erklärt Graf und hebt in diesem Zusammenhang die oftmals verschrieenen Feuerwehren positiv hervor. „Ich habe viele Feuerwehrvereine beraten - es gibt dort kein Vertun mehr im Jugendschutz.“

Auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat in Zusammenarbeit mit seinen Kommunen die Zügel angezogen in Sachen Jugendschutz. Partyhopping von Ort zu Ort, immer auf der Suche nach dem Dorf, in dem Flatrate-Trinken und Alkoholexzesse der Ordnungsbehörde am wenigsten auffallen - die Städte und Gemeinden haben dieser zeitweise herrschenden Kultur im Jahr 2009 gemeinsam einen Riegel vorgeschoben. Es gibt ein Konzept für alle - und dieses Konzept macht das Feiern überall gleich attraktiv oder eben unattraktiv. „Das funktioniert sehr gut“, berichtet Ingo Plaum, Ordnungsamtsleiter der Gemeinde Bad Endbach. Wer eine öffentliche Feier anmelden will, muss ins Rathaus - und dort wird auch die Einschätzung getroffen, welche Auflagen für die Party gelten, damit der Jugendschutz sichergestellt werden kann. „Wir achten sehr genau darauf, was geplant ist“, sagt Plaum, „bei der Diskoparty, der Rocknacht oder der Abifeier ordnen wir einen Sicherheitsdienst an, der dann auch die Alterskontrolle am Eingang vorzunehmen hat“. Dass niemand am Tresen die Alterskontrolle umgehen kann, müssen die Veranstalter durch die Ausgabe von Armbändern in unterschiedlichen Farben gewährleisten (Foto unten).

„Die Vereine bekommen von uns eine Belehrung für die Mitarbeiter am Ausschank“, erklärt Plaum. Und für die 24-Uhr-Kontrolle, die die Sperrstunde für die Minderjährigen einläutet, sei dann wieder der Sicherheitsdienst zuständig. Vonseiten der Veranstalter wird das Konzept der Kommunen gern akzeptiert, berichtet Plaum. „Den Vereinen ist das wichtig, sie fragen von selbst nach einem Sicherheitsdienst und wir helfen bei der Organisation.“

„Alkohol ist ja nicht die gefährlichste Droge der Welt“

Anhand der Jugendschutz-Initiative der Kommunen wird deutlich: Es kommt auf die Erwachsenen an. Und das hebt auch Diplom-Pädagoge Thomas Graf hervor. „Das Jugendschutzgesetz wird oft missverstanden als Auflage für Jugendliche - es ist aber für die Erwachsenen gemacht und soll ihnen erklären, was sie Heranwachsenden zur Verfügung stellen dürfen und was nicht.“

Dass es auf die Eltern ankommt und auf das, was sie ihren Kindern im Zusammenhang mit Alkohol vorleben, davon sind die Schüler der „Peergroup“ an der Elisabethschule in Marburg überzeugt. „Mit Freunden zu Hause feiern und sich betrinken, während die Kinder im Nebenzimmer sind, das sollten Eltern vermeiden“, sagt die 18-jährige Jule Fründt aus Marburg, die bei den „Peers“ mitarbeitet. So nennt sich der Zusammenschluss von Schülern, der gemeinsam mit der Präventionslehrerin Heike Betz-Goecke die Bezugsgruppe ist, wenn es um Suchtprävention an der Schule geht. Die „Peers“ wollen die Schüler im Klassenverband stärken, über Suchtprobleme informieren, etwa gemeinsam mit den Anonymen Alkoholikern.

Aus Sicht der „Peers“ ist es unvermeidbar, dass es früher oder später zu den ersten Erfahrungen mit Alkohol kommt. „Die meisten fangen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren an“, schätzt Janna Teigeler, „wobei der Einstieg mit 15 Jahren schon spät ist“. Getrunken wird zumeist Bier. Biermixgetränke und Alkopops seien auch beliebt, berichtet die Schülerin. „Und bei manchen kommt der Übergang zum harten Alkohol dann recht schnell.“ Mit den Eltern über Alkoholkonsum reden können, Verständnis erfahren, keine Angst davor haben müssen, daheim davon zu berichten, dass man am Vorabend mit Freunden unterwegs war und getrunken hat. Einen solchen „vertrauensvollen Austausch“ mit den Eltern hält die 18-Jährige Marburgerin Charlotte Kaletsch von den „Peers“ für entscheidend. „Alkohol ist ja nicht die gefährlichste Droge der Welt“, sagt sie und betont, dass es auf ein „gesundes Mittelmaß“ ankomme. Dass der erhobene Zeigefinger wegbleibt, hält ihre Schulkameradin Jule Fründt für besonders wichtig. Sie hat schon miterlebt, dass Eltern angerufen werden mussten, um ihr Kind abzuholen, wenn es unterwegs mit Freunden zu viel getrunken hatte. „Dann sollten Eltern zunächst auf ihr Kind zugehen, anstatt es zu belehren, denn es geht ihm dann wirklich schlecht.“

Den „Peers“ kommt es darauf an, die Jugendlichen in ihrer Achtsamkeit für sich selbst und füreinander zu stärken. In eine Gruppe trinkender Jugendlicher, die offensichtlich oder vielleicht noch nicht volljährig sind, als Außenstehender einzugreifen, das hält Schülerin Charlotte Kaletsch für schwierig. Auch Präventionslehrerin Heike Betz-Goecke rät davon ab. „Das ist Sache der Gruppe“, sagt sie. Anders bei offensichtlich betrunkenen Jugendlichen, die allein unterwegs sind. Schülerin und Lehrerin sind sich einig: Dann sollte man gemeinsam mit anderen einschreiten, Hilfe anbieten.

Respekt im Umgang mit Alkohol sei wichtig, um zu wissen, dass es eine Grenze gibt. Dass es keinen Spaß mehr macht, wenn diese Grenze überschritten ist. Darauf weisen die „Peers“ Janna Teigeler und Emma Weiler hin. Beide sind 18 Jahre alt, beide wohnen in Marburg. Und beide wissen, wie leicht es für Jugendliche ist, an Alkohol heranzukommen. Ziel Minderjähriger, die an Hochprozentiges kommen wollen, seien dabei vor allem die kleinen Läden und Kioske.

„Alkoholkonsum ist eine Erziehungsaufgabe“

Auf den Jugendschutz werde dort oftmals kein besonderer Wert gelegt, es komme aufs Geschäft an, und der überteuerte Verkauf von Schnaps an Jugendliche, die in den großen Discountern nichts Hochprozentiges bekommen, der brumme in manchem kleinen Laden geradezu.

Doch auch ein funktionierender Jugendschutz an der Ladenkasse ist keine Garantie. Die „Peers“ wissen, wie das läuft. „Viele Jüngere haben heutzutage überhaupt Problem damit, Ältere anzusprechen und sie zu bitten, für sie Alkohol zu kaufen. Oder sie leihen sich den Ausweis von Volljährigen aus, die ihnen ähnlich sehen“, berichtet Charlotte Kaletsch. Die Bestimmungen des Jugendschutzes sind aus ihrer Sicht streng genug, nur an der Umsetzung hapere es. Anders sind die Erfahrungen der „Peers“, die sie mit Party-, Club- und Diskobesuchen gemacht haben. „Da wird schon sehr genau geguckt, Minderjährige kommen zumeist gar nicht erst rein“, berichtet Jule Fründt.

Für Eltern, die ihre Kinder vor übermäßigem Alkoholkonsum schützen wollen, gibt‘s eine Botschaft: „Alkoholkonsum ist eine Erziehungsaufgabe“, sagt Diplom-Pädagogin Christine Seip, tätig für die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werks Oberhessen. Regelmäßig und viel trinkende Jugendliche seien im Unterschied zu Jugendlichen mit „risikoarmem Konsum“ mehr als doppelt so häufig unzufrieden mit der Beziehung zu ihren Eltern. Eine Empfehlung der Suchtberater an Mütter und Väter: Das eigene Konsumverhalten überprüfen und sich der Vorbildfunktion bewusst werden.

  • Der nächste Teil der OP-Reihe „Halt“ (letzter Teil) erscheint am kommenden Samstag. Es geht erneut um Alkoholkonsum bei Jugendlichen - und wie Heranwachsende kontrolliertes Trinken lernen können.

von Carina Becker

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"Halt"-Reihe
Die Abiturprüfungen sind vorbei, heute wird gefeiert – mit jede Menge Alkohol. An einem solchen Tag gilt: Wohl dem Jugendlichen, der im Umgang mit Alkohol seine persönlichen Grenzen kennt.

Vom ersten Bier oder Schnaps bis zur Rauscherfahrung: Jugendliche experimentieren mit Alkohol und erlernen das Trinken. Auch jenseits des Abstinenzanspruchs begleiten die Mitarbeiter der Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk Oberhessen diesen Prozess.

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