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Zwischen Vergessen und Vergeltung

Forschung Marburg Zwischen Vergessen und Vergeltung

Wie kann nachhaltiger Frieden in ehemaligen Bürgerkriegsgesellschaften erreicht werden, fragt die Marburger Konfliktforscherin Professorin ­Susanne Buckley-Zistel.

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Quelle: Archivfoto

 „Kaum ein Friedensvertrag wird unterzeichnet, kaum ein Diktator wird gestürzt und kaum eine repressive Regierung wird entmachtet ohne den Aufruf, die Wahrheit über vergangene Menschenrechtsverbrechen aufzudecken und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen“,  berichtet die Marburger Professorin Susanne Buckley-Zistel. Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit in Bürgerkriegsgebieten in Afrika oder auf dem Balkan habe sich ausgehend von den Bemühungen von Menschenrechtsorganisationen mittlerweile eine regelrechte „Modewelle“ entwickelt. Unter dem Stichwort „Transitional Justice“ (Übergangsgerechtigkeit) habe ein globales Netzwerk von Organisationen einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zum Umgang mit Unrechts-Taten der Vergangenheit entwickelt.

Gerechtigkeit für Bürkerkriegsopfer

„Die rechtliche Aufarbeitung der völkerrechtlichen Verbrechen ist aus juristischer Sicht ein Muss“, weiß Buckley-Zistel. Doch in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 2009 bis 2012 mit 500 000 Euro geförderten Forschungsprojekt hinterfragt sie mithilfe von ethnographischen Feldstudien die Notwendigkeit der Vergangenheitsaufarbeitung. „Nicht alles passt überall“, zieht die Marburger Konfliktforscherin ein erstes Fazit der Feldforschungen (siehe Artikel unten) in den vier Nachkriegsgesellschaften in Sierra Leone, Mosambik, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Bei aller Unterschiedlichkeit der aufzuarbeitenden Konflikte stellt Buckley-Zistel fest: Den „Werkzeugkasten“ mit den unterschiedlichen Werkzeugen der Vergangenheitsaufarbeitung schematisch anzuwenden, sei viel zu einfach. Dieser Werkzeugkasten beruhe auf den westlichen Erfahrungen vom Umgang mit der Vergangenheit. Doch westliche Maßstäbe von Schuld, Strafe und Gerechtigkeit könnten nicht ohne weiteres auf Situationen übertragen werden, in denen soziales Miteinander nach anderen Konventionen verlaufe.
Buckley-Zistels Mitarbeiterin Friederike Mieth hat anhand eines achtmonatigen Aufenthalts in dem zentralafrikanischen Staat Sierra Leone für das Forschungsprojekt untersucht, wie die Tätigkeit des „Sondergerichtshofs“ in Sierra Leone von der Bevölkerung angesehen wird. Ziel der Arbeit des von den Vereinten Nationen eingesetzten Gerichts sollte es sein, den Opfern des Bürgerkriegs Gerechtigkeit zu bringen und zum Friedensaufbau beizutragen. Zu diesem Zweck wurde den Hauptverantwortlichen der Verbrechen im Bürgerkrieg seit 2002 der Prozess gemacht.
 Mieth  kam zu dem überraschenden Ergebnis, dass das Bedürfnis zur Aufarbeitung der Vergangenheit in Sierra Leone eher gering ausgeprägt sei. Mehr im Vordergrund stehe zunächst einmal der tägliche Überlebenskampf. Doch genau dafür böten die Gerichtsverfahren kaum Unterstützung, klagten viele Bewohner von Sierra Leone. Anstelle der von der Justiz angebotenen Bestrafung der Täter hätten viele vom Bürgerkrieg Betroffene das grausame Geschehen lieber vergessen wollen.  Die Aufarbeitung durch die internationale Gerichtsbarkeit sei auch kritisch gesehen worden, weil schon das Vertrauen in die „normale“ nationale Gerichtsbarkeit in einem  von Korruption bestimmten System nicht groß sei.
 

Gedenkstätte könnte Risiko für Versöhnung werden

Ist es also so, dass die Bürger von Sierra Leone die Ungerechtigkeiten aus dem zurückliegenden Bürgerkrieg auf fatalistische Weise hinnehmen und akzeptieren, dass bis auf einige  verurteilte Täter die meisten der für Vergewaltigungen, gezielte Amputationen oder grausame Tötungen Verantwortlichen noch frei herumlaufen?
 Teilweise ja, meint Friederike Mieth, doch es gebe noch zwei andere Bewältigungsstrategien: Zum einen setzen viele Menschen darauf, dass die Täter nach ihrem Tod vor dem Gericht Gottes stehen. Zudem vertrauen sie ausgehend von dem einheimischen Konzept des „Hake“ darauf, dass die Täter  von einem bösen Omen verfolgt werden und so auch zu Lebzeiten ihre Strafe erhalten. Bei ihrem Forschungaufenthalt in Mosambik fand Teresa Koloma Beck heraus, dass der Friedensprozess nach dem Bürgerkrieg nicht aufgrund des „institutionellen Versöhnungs- und Gerechtigkeit-Instrumentariums“ erfolgreich in Gang gekommen sei. Stattdessen habe ein traditionelles „Verzeihungs-Ritual“ zu einer Art „spirituellen Reinigung“ beigetragen.
  Eine immer stärkere Rolle in der Vergangenheitsaufarbeitung spielen Gedenkstätten. Ziel solcher Gedenkstätten ist es, die Würde der Opfer wiederherzustellen und ihr Leid öffentlich anzuerkennen. Das hat Buckley-Zistels Mitarbeiter Christian Braun anhand der Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica untersucht, bei dem im Jahr 1995 im Zuge des Bürgerkriegs im auseinanderbrechenden Staat Jugoslawien 8 500 Bosnier – darunter viele Frauen und Kinder – von serbischen Truppen hingerichtet und getötet worden waren. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hatte das Geschehen im Nachhinein als Völkermord (Genozid) bewertet.
 Die Darstellung des Massakers in der Gedenkstätte ist aus Brauns Sicht museumspädagogisch sehr effektvoll aufgearbeitet. Ausgeklammert werde dabei jedoch vollständig die Vorgeschichte, bei der rund um Srebrenica im Bürgerkrieg auch eine große Anzahl von Serben durch die Bosnier getötet worden sei. So fühlten sich auch die Serben von vornherein aus der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen. Weil ausschließlich die Geschichte aus der Sicht der bosnischen Opfer dargestellt werde, könne die Gedenkstätte  zu einem Risiko für den Prozess der Versöhnung werden, meint Braun.

Feldforschung: Intensive Gespräche

Der mehrmonatige Aufenthalt in den ehemaligen Konfliktregionen war ein wichtiger Bestandteil des Forschungsprojektes.
Ethnographische Forschungsmethoden verwendeten Friederike Mieth, Dr. Teresa Koloma Beck und Christian Braun in dem von Professorin Susanne Buckley-Zistel initiierten und koordinierten Forschungsprojekt „Die Politik des Friedensaufbaus. Übergangsgerechtigkeit, Versöhnungsinitiativen und Vereinigungs-Politik in kriegsgeschüttelten Gesellschaften“. Hauptbestandteil der Forschung waren mehrmonatige Aufenthalte in Sierra Leone, Mosambik, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. „Die Idee war es, die Auswirkung der Vergangenheits-Aufarbeitung auf die Betroffenen zu erforschen“, erläutert Buckley-Zistel. Aufgrund der Verbindung der Perspektiven von Überlebenden und Tätern sowie am Konflikt nicht Beteiligten sollte ein differenziertes Bild entstehen. Erwünscht waren keine kurzfristigen Kontakte, sondern ein längerfristiges Kennenlernen der Gesprächspartner. Zu den verwendeten Methoden zählen Einzelinterviews, und Gruppengespräche sowie informelle Gespräche und Beobachtungen. Kombiniert wird das mit Literaturstudien. So lebte beispielsweise Friederike Mieth bei ihrem Aufenthalt in Sierra Leone unter anderem drei Monate lang in einem Viertel in der Hauptstadt Freetown, und außerdem verbrachte sie zusammen mit einem Forschungsassistenten auch mehr als einen Monat in einem Dorf mit 200 Einwohnern. „Diese Aufenthalte gaben mir nicht nur eine Idee davon, wie die Menschen über ihre Erfahrungen in der Vergangenheit reden und denken, sondern zeigten mir vor allem auch, wie der Umgang mit der Vergangenheit im Alltagsleben verhaftet ist“, berichtet die Marburger Konfliktforscherin. Sie vermied bei ihrem Forschungsaufenthalt wenn möglich die Kooperation mit offiziellen  Organisationen, um so zu möglichst ungefilterten Informationen zu gelangen.
Dr. Teresa Koloma Beck verbrachte ihren Forschungsaufenthalt in Mosambik fünf Monate zusammen  mit ihrem Mann und drei Kindern.  Christian Braun lebte für seine Spurensuche im ehemaligen Jugoslawien auch mehrere Monate lang in einer angemieteten Wohnung in Sarajewo.

  • Der Begriff „Transitional Justice“(Übergangsgerechtigkeit) wurde erstmals zu Beginn der 90er Jahre verwendet  und bezeichnet einen Maßnahmenkatalog zur Aufarbeitung der Vergangenheit beim Übergang in eine friedliche Gesellschaft im Anschluss an innerstaatliche Gewaltkonflikte, die Menschenrechtsverbrechen beinhalteten. Im einzelnen geht es bei „Transitional Justice“ um die Rechtsprechung und Strafe durch nationale und internationale Tribunale, das Aufdecken von Vergehen durch Wahrheitstribunale, das Fördern von Erinnerung und Gedenken beispielsweise durch Gedenkstätten, Entschädigungen für Opfer von Menschenrechtsverbrechen sowie die Entfernung von korrupten und kriminellen Mitarbeitern aus dem Staatsdienst. Die Marburger Konfliktforscherin Professorin Susanne Buckley-Zistel wird in Kürze einen Sammelband mit Aufsätzen zur „Transitional Justice“ herausgeben.  Darin soll vor allem die bisherige Praxis der Vergangenheitsaufarbeitung kritisch analysiert und neue normative Konzepte vorgestellt werden.

von Manfred Hitzeroth

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