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Wie sicher waren die Häuser?

Forschung Marburg Wie sicher waren die Häuser?

Wie wird die Grenzziehung zwischen dem potenziell sicheren privaten Raum und dem latent ­unsicheren öffent­lichen Raum im 17. und 18. Jahrhundert in Bildern eingefangen? Dies untersuchen zwei Marburger Kunsthistorikerinnen.

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Bilder, Videos und 3-D-Daten im Fokus der Analyse

Jan Steens Gemälde „Adolf und Catarina Croeser“ stammt aus dem Jahr 1665.

Quelle: Archiv

Marburg. „My home ist my castle“ (Mein Heim ist meine Burg): Dieses englische Sprichwort steht idealtypisch für die Darstellung der gegenüber der „feindlichen“ Außenwelt gesicherten Privatsphäre.

Doch die meisten Stadthäuser hatten in früheren Jahrhunderten natürlich keine Zugbrücke oder Verteidigungsanlagen wie früher die Burgen. Wie unterschiedlich Angehörige verschiedener Gesellschaftsschichten ihre Häuser in der Vergangenheit gesichert haben, das untersucht die Marburger Kunsthistorikerin Professorin Katharina Krause zusammen mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Marie Scheckenbach.

Für die Analyse ausgesucht haben sie sich einen anderthalb Jahrhunderte umfassenden Zeitraum zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) und dem Beginn der Französischen Revolution 1789. Es war eine Zeit auf dem Weg von einer vom Adel dominierten Ständegesellschaft hin zu einer maßgeblich vom Bürgertum geprägten industriellen Gesellschaft.

„Es gibt einen klaren Unterschied zwischen den einzelnen sozialen Gruppen bei der Frage der Absicherung des eigenen Hauses“, erklärt Krause. So hätten die Adeligen bei der Sicherung ihrer Häuser einen deutlich größeren Wert auf eine Vielzahl von Sicherungssystemen gelegt.

Alte Bilder und Briefe dienen als Quellen

Allerdings habe es auch im Laufe der Frühen Neuzeit gerade in Frankreich eine Art „Domestizierung des Adels“ durch die Regenten gegeben. Die Adeligen hätten Positionen aufgegeben und ihre Häuser auch baulich verändert und an die Bauweise der anderen Häuser in der Stadt angepasst. Spannend sei es bei dem Forschungsprojekt, genau nachzuprüfen, wo jeweils der für die Allgemeinheit zugängliche Bereich ende, erläutert Marie Scheckenbach.

Wo lag die Grenze zwischen Straßenraum und Haus? Welche Zwischenzonen bestanden? Wie veränderte sich die Zugänglichkeit für verschiedene Personenkreise? Wie entstand also der scharfe heutige Kontrast zwischen privatem Wohnen und öffentlichem Raum? Diese Fragen sollen in dem Teilprojekt des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“ beantwortet werden.

Für ihr Forschungsvorhaben schauen sich Krause und Scheckenbach zeitgenössische Gemälde an und forschen zusätzlich in Reiseberichten oder Briefen der Zeit oder durchforsten Inventarlisten von Wohnhäusern. Aus der kombinierten Analyse der Bildquellen und der schriftlichen Quellen soll insgesamt ein schlüssiges Gesamtbild entstehen.

Das Forschungsprojekt ist über Staatsgrenzen und kulturelle Grenzen hinweg angelegt. So vergleichen die beiden Kunsthistorikerinnen die Bauwerke in den Metropolen der konkurrierenden Mächte Frankreich und Niederlande miteinander. Zudem beziehen sie ausgewählte deutsche Städte wie Augsburg, Münster, Dresden oder Berlin in ihre Untersuchung mit ein.

Bilder verdeutlichen
 Grenzziehungen

Ein Gemälde des niederländischen Malers Jan Steen aus dem Jahr 1665 mit dem Titel „Adolf und Catarina Croeser“ (siehe Abbildung oben) verdeutlicht nach Darstellung von Marie Scheckenbach in materieller wie symbolischer Hinsicht die Art der Abgrenzung der Bürgerhäuser zur Straße hin.

Es zeigt einen reichen Getreidehändler mit seiner damals 13-jährigen Tochter in der holländischen Stadt Delft. Dieser sitzt auf einer Bank vor seinem Grachten-Haus, die sich auf einem mit einem reich verzierten Geländer umrahmten Treppenaufgang befindet, erläutert die Kunsthistorikerin. Rechts daneben stehen auf der Straße eine Frau und ein kleiner Junge, die mit demütigen Bettlergesten zu dem Hausinhaber aufschauen.

Während das Kleid der jungen Händlertochter sowie das Gewand ihres Vaters augenscheinlich aus wertvollem Tuchstoff bestehen, sind die Kleidungsstücke der Bettlerin und des kleinen Jungen eher schlicht gehalten. Für den Aspekt der Abgrenzung des Hauses sind aber andere Bildaspekte aus Sicht der Forscherin noch interessanter.

Türen blieben tagsüber unverschlossen

Zwar steht die Tür auf und ein Fensterladen ist halb geöffnet. Jedoch stellen sowohl der breite Treppenaufgang vor dem Haus als auch das damit verbundene Gitter sowie das anders gestaltete Straßenpflaster vor dem Haus weitere Grenzziehungen zwischen Haus und Straßenraum dar. Dass der Hausbesitzer der Bettlerin wohl ein Almosen geben werde, könne man auch als eine Form der Herstellung von Sicherheit im Gemeinwesen interpretieren, sagt Projektleiterin Krause.

Die symbolischen Abgrenzungen zwischen den Häusern und dem frei zugänglichen Bereich des Straßenraums balancierten die stärkere Öffnung des Hauses in der Realität aus. Beispielsweise seien die Türen tagsüber nicht abgeschlossen gewesen.

Dies sei allerdings in den europäischen Städten heutzutage nahezu verloren gegangen, erläutert Katharina Krause. Auch gebe es in den Städten kaum noch steinerne Ruhebänke oder andere Bänke direkt vor den Häusern wie beispielsweise in der Metzgergasse in Marburg.

Ganz anders als bei den Stadtbürgern funktionierten noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Sicherungssysteme für die Wohnhäuser der Aristokratie. Das veranschaulicht Krause am Beispiel eines Kupferstichs aus der Zeit um 1750, der ein in Adelsbesitz befindliches Palais zeigt. Im Vordergrund sieht man auf einem Vorplatz eine Reihe von Menschen, die ihrem Tagewerk nachgehen oder spazieren gehen.

„Je höher der Rang, desto durchlässiger die Grenze“

Das erste Hindernis vor dem Haus ist eine prunkvoll gestaltete Mauer, in deren Mitte sich ein geöffneter säulenumstandener Torbogen befindet, durch den gerade eine von mehreren Pferden gezogene Kutsche hinausfährt. Durch den Bogen sieht man einen Abschnitt des Hofes, auf dem drei Bewohner oder Besucher des Hauses stehen.Durch diesen als Rasenfläche gestalteten Hof muss man dann noch gehen, bevor man zum eigentlichen Hauseingang gelangt.

Dieses stelle eine Abfolge von weiteren zudem durch Diener oder Wächter gesicherten Grenzen dar, erklärt Krause. Innerhalb des Hauses habe dann folgendes Prinzip gegolten: Je höher der Rang des Besuchers gewesen sei, desto weiter hinein habe er zu den Privatgemächern gelangen dürfen.

So habe es dann beispielsweise das Kabinett gegeben, einen Raum für persönliche Vorsprachen. Die beiden Forscherinnen interessiert nun besonders die Frage, wie, wann und warum es in den europäischen Städten zu Veränderungen in der Gestaltung des Raums zwischen den Häusern und den Straßen kam.

So habe es ab einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Weg hin zur Französischen Revolution eine öffentliche Kritik an diesen so umfangreichen Sicherungen gegeben.

von Manfred Hitzeroth

     
Zur Person: Katharina Krause   Zur Person: Marie ­Scheckenbach
Professorin Katharina Krause (55) ist Kunsthistorikerin und seit Februar 2010 Präsidentin der Philipps-Universität Marburg. Als Präsidentin wurde sie in diesem Jahr für sechs weitere Jahre wiedergewählt. Sie stammt aus Schlüchtern und machte Abitur am Gymnasium Philippinum in Marburg. Ihr Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und der Klassischen Archäologie führte sie ab 1978 nach Marburg, München und Paris. 1988 erfolgte die Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und 1993 die Habilitation an der Uni Freiburg, wo sie von 1988 bis 1996 Assistentin am Institut für Kunstgeschichte war. Seit 1996 ist sie Professorin für Kunstgeschichte an der Uni Marburg. Haupt-Arbeitsgebiete sind die französische Kunst und Architektur und deren Wirkung in den deutschsprachigen Ländern im 17. und 18. Jahrhundert sowie „Bild und Text in der kunsthistorischen Fachliteratur“.
 
Marie Scheckenbach (33) wurde in Ikonda (Tansania) geboren. Von 2003 bis 2010 studierte sie Kunstgeschichte, Graphik und Malerei sowie Neuere Deutsche Literatur an der Uni Marburg und in Perugia (Italien). In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich mit einer Holzschnittfolge Hans Burgkmairs und ihrer Tradierung im 16. Jahrhundert. Von Juni 2010 bis März 2014 arbeitete sie am Bildarchiv Foto Marburg im DFG-Projekt „Digitaler Portraitindex druckgraphischer Bildnisse der Frühen Neuzeit“, das sie von September 2011 bis März 2014 koordinierte. Seit April 2014 ist sie Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im von Professorin Katharina Krause geleiteten Teilprojekt „Haus und Straßenraum“ des Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“.
     
 Dieser Kupferstich zeigt ein unter anderem durch eine hohe Mauer, Hof und Garten gesichertes Adelspalais in Paris. Archivfoto
 
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