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Wie sicher ist Weltrisikogesellschaft?

Forschung Marburg Wie sicher ist Weltrisikogesellschaft?

Angela Marciniak hat in ihrer Doktorarbeit Sicherheitskonzeptionen aus mehreren Jahrhunderten untersucht.

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Die globale Unsicherheit zeigt sich auch in der Flüchtlingsproblematik: ein Boot mit 200 Flüchtlingen vor Lampedusa.

Quelle: dpa

Marburg. Islamische Terroranschläge auf der ganzen Welt, Bürgerkriege in unzähligen Staaten auf unterschiedlichen Kontinenten, Flüchtlingswellen von Hunderttausenden heimatlos gewordener Menschen oder die Angst vor globalen Epidemien wie Ebola oder Naturkatastrophen wie Erdbeben: Die heutige Zeit ist bestimmt durch ein hohes Maß an weltweiter Unsicherheit.

Gleichzeitig nimmt das Streben der Menschen zu, sich vor den allgegenwärtigen Bedrohungen zu schützen und für sich selber ein möglichst sicheres Leben zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund wurde der Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ von Wissenschaftlern aus Gießen und Marburg gegründet. In diesem langfristig angelegten Forschungsverbund sollen verschiedene Tendenzen der Versicherheitlichung und des Sicherheitsbegriffs über die Jahrhunderte an praktischen Beispielen vom Thema mittelalterlicher „Geiselstellungen“ über den Kalten Krieg bis hin zur Finanzkrise analysiert werden.

Ideal in diese inhaltliche Konzeption des Sonderforschungsbereichs (SFB) passt die Dissertation von Angela Marciniak. Ziel der Marburger Wissenschaftlerin und wissenschaftlichen Koordinatorin des mittelhessischen SFB ist es, eine Ideengeschichte der Sicherheit zu rekonstruieren. Zudem geht es ihr darum, unser heutiges Verständnis von Sicherheit zu schärfen und Sicherheit als politisches Konzept für die gegenwärtige normative politische Theorie nutz- und fruchtbar zu machen.

Denn bisher habe diese Disziplin die Erforschung dieses wichtigen politischen Grundbegriffs geradezu sträflich vernachlässigt.

Dabei geht sie in ihrer Arbeit, die im Februar 2015 auch im Campus-Verlag veröffentlicht wird, von der ideengeschichtlichen Analyse verschiedener Sicherheitskonzeptionen aus.

Der Ausgangspunkt für Marciniaks Beschäftigung mit dem Thema liegt schon eine Weile zurück. Es waren die Terroranschläge auf die beiden Türme des World Trade Center in New York am 11. September 2001, in deren Folge sich eine Debatte über die „Gefahren der Weltrisikogesellschaft“ ergab. Die damals vor allem in den USA erlassenen Gesetze im Kampf gegen den Terrorismus boten Anlass für die in Wissenschaft, Politik und den Medien diskutierte Frage, wie sehr die Freiheit durch das Streben nach mehr Sicherheit beeinflusst werden könnte.

So fragte sich auch die Marburger Forscherin, ob ein Mehr an Sicherheit für ein Weniger an Freiheit verantwortlich gemacht werden sollte. Zudem versuchte sie herauszufinden, ob das weltweite individuelle Sicherheitsstreben wirklich ein vergleichsweise neues Phänomen ist, das erst im Gefolge der zwei Weltkriege Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommen ist. Um diese Fragen zu klären, widmete sich die Forscherin in ihrer Studie ausführlich einer Bestimmung des Begriffs „Politische Sicherheit“.

Sicherheit versus Freiheit

„Zu welchen Zeiten sollte von staatlicher Seite Sicherheit aus welchen Gründen und auf welche Weise für wen geschaffen und gewährleistet werden?“: Das waren die Kernfragen des Forschungsvorhabens. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen drei politische Sicherheitskonzeptionen von drei politischen und philosophischen Denkern der Neuzeit aus verschiedenen Epochen: Die Rede ist von Thomas Hobbes, Jeremy Bentham und Hans-Joachim Morgenthau.

Die Einschätzung von Marciniak fällt am Ende ihrer Arbeit eindeutig aus: Wichtige Charakteristika des bisher im politischen und wissenschaftlichen Diskurs als neuartig bezeichneten Sicherheitsverständnisses finden sich nicht nur in den Theoriegebäuden der Gegenwart, sondern auch bei den Konzepten der Denker aus der Vergangenheit. Sicherheit und Freiheit müssen nicht notwendigerweise einen Gegensatz bilden, bilanziert Marciniak.

So werde zwar die persönliche Freiheit des Einzelnen in einem Gemeinwesen durch den Versuch, Sicherheit zu etablieren, eingeschränkt, da er nicht mehr tun und lassen dürfe, was er wolle. Aber generell gelte, dass ein gewisses Maß an Sicherheit überhaupt erst die Möglichkeit schaffe, die individuelle Freiheit zu nutzen, meint die Forscherin.

Ein sehr gutes Beispiel dafür seien die persönlichen Freiheitsrechte, die eben nur als „gesicherte“ Rechte wirksam würden. Die Forscherin betont sie, dass ein angemessener Umgang mit Sicherheit und Unsicherheit dadurch erlangt werde, dass darüber - besonders in Demokratien - immer wieder aufs Neue diskutiert und dass das richtige Maß an Sicherheit stets neu ausgehandelt werden müsse.

Einen einzigen Sicherheitsbegriff könne es nicht geben, bilanziert Marciniak. Deshalb sollten Bürger dann wachsam sein, wenn Politiker „Sicherheit“ instrumentalisieren wollten.

Angela Marciniaks Buch „Politische Sicherheit. Zur Geschichte eines umstrittenen Konzeptes“, das auf ihrer Dissertation beruht, erscheint im Februar 2015 im Campus-Verlag und wird 36,90 Euro kosten.

Konzepte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Die Sicherheitskonzeptionen von Thomas Hobbes, Jeremy Bentham und Hans-Joachim Morgenthau hat Angela Marciniak beispielhaft analysiert.
„Alle drei überlegen in ihren Werken, wie sie den gesellschaftlichen Frieden und Zusammenhalt festigen können“, erläutert die Marburger Forscherin Angela Marciniak die Gemeinsamkeiten in den Werken der drei Denker, die auch für verschiedene Epochen aus Umbruchzeiten stehen.
Der bis heute bekannteste von ihnen ist sicher der britische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679), der unter anderem mit seinem staatstheoretischem Werk „Leviathan“ Weltruhm erlangte und der am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit die politische Philosophie der Neuzeit mitbegründete. In seine Lebenszeit fallen furchtbare Kriege wie der Dreißigjährige Krieg auf dem europäischen Kontinent und die Englischen Bürgerkriege.

Für Hobbes sei das Streben nach Sicherheit ein wesentlicher Grund mit dafür, dass der Mensch sich aus freiem Willen staatlichen Autoritäten unterordne, erläutert Marciniak. Mit dieser Begründung habe ­Hobbes auch das politische Handeln von Staaten in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit legitimiert. Eine zentrale Rolle in ihrer  Analyse  nimmt der in Deutschland weitgehend kaum bekannte Jeremy Bentham (1748-1832) ein, der im Zeitalter der Aufklärung wegweisende Theorien im Vorfeld der Industriellen Revolution vorlegte.

Für den britischen Mitbegründer des Utilitarismus  ist die politische Sicherheit eine Bedingung für menschliches Glück.  Jedoch weist er darauf hin, dass diese Sicherheit auch vor dem Machtmissbrauch durch die Herrschenden geschützt werden müsse. Allgemeines Wahlrecht, eine starke Öffentlichkeit und politische Transparenz seien dafür Grundvoraussetzungen. Schließlich untersuchte Marciniak die Vorstellungen von Hans-Joachim Morgenthau (1904-1989), dem aus Deutschland stammenden jüdischen US-Philosophen, der nach zwei Weltkriegen als einer der Vordenker des Kalten Kriegs galt.

Anders als oftmals angenommen, überhöhe dieser das Thema Sicherheit keineswegs, so Marciniak. Im Gegenteil: Der Theoretiker gehe davon aus, dass Sicherheit überhaupt nur in einer angemessenen Form des Umgangs mit Unsicherheiten bestehen könne.

Hintergrund
Seit April läuft der gemeinsame Sonderforschungsbereich der Universitäten Marburg und Gießen und des Herder-Institutes unter dem Titel „Dynamiken der Sicherheit“ auf Hochtouren. Nach der offiziellen Eröffnung folgte im Oktober die erste Arbeitstagung der Forscher im Schloss Rauischholzhausen. 60 Wissenschaftler arbeiten in dem SFB zusammen. Der Marburger Geschichts-Professor Christoph Kampmann freut sich über die positive Arbeitsatmosphäre in dem neuen SFB, die fruchtbare Kooperationen über die Disziplin-Grenzen hinweg ermögliche. Die Forscher untersuchen im zunächst für vier Jahre mit knapp 10 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten   Projekt, wie sich in der Geschichte Vorstellungen von Sicherheit entwickelten und wie diese in den politischen Prozess gelangten. Dazu wirken 20 Teilprojekte aus den Fächern Geschichte, Politikwissenschaft, Völkerrecht, Kunstgeschichte und Soziologie zusammen.
Zur Person
Angela Marciniak (40) stammt aus Bonn, wo sie auch aufgewachsen ist. Nach dem Abitur in Braunschweig studierte sie Geschichte an der Universität Tübingen. Von 2002 bis 2008 war sie Leiterin des Büros des Bundestagsabgeordneten Ludwig Stiegler. Von 2006 bis 2009 folgte ein Masterstudium im Studiengang „European Studies/Politik“ in Frankfurt/Oder sowie von 2008 bis 2012 ein Promotionsstudium im Exzellenz-Cluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an den Universitäten in Frankfurt und Darmstadt. Über Stationen als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Lüneburg und Darmstadt kam sie im April 2014 an die Uni Marburg, wo sie wissenschaftliche Koordinatorin des Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“ ist. Marciniak erforscht politische Ideen aus der Perspektive einer Politischen Theorie, die sich als Demokratiewissenschaft versteht. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen  in den Themen „Sicherheit als politisches Konzept“ sowie in der britischen Moral- und Politikphilosophie des 18. und 19. Jahrhunderts.

von Manfred Hitzeroth

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