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Wenn die Trauer das Leben erdrückt

Psychotherapie Wenn die Trauer das Leben erdrückt

Wissenschaftler der Marburger Universität sind an einer bundesweiten Studie zur Behandlung von Trauerstörungen beteiligt.

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Ein Friedhofsbesucher steht auf dem Marburger Hauptfriedhof vor den Kindergräbern.

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Trauerstörungen kam die Marburger Psychologin Dr. Bettina Doering ursprünglich aus persönlichem Erleben mit einem Trauerfall in der eigenen Familie. „Naiverweise war ich sehr überrascht, wie intensiv meine Trauer war“, erzählt die Forscherin. Anhand dieses persönlichen Trauerfalls kam Doering schnell auf grundsätzliche Fragen:

  • Wie schwierig ist es, Beileid auszudrücken, das nicht nur aus Floskeln besteht?
  • Wie können Trauernde ihr Leben wieder aufnehmen und neue Ziele entwickeln?
  • Gibt es eine richtige Art zu trauern?

Prinzipiell hätten sich vielfach erprobte Rituale für das Trauern entwickelt, die dazu dienen sollen, dass die trauernden Personen wieder in den Alltag zurückgeführt werden. So zeigt das Tragen von schwarzer Kleidung die Periode der Trauer an. Ein weiteres Ritual ist beispielsweise auch der Leichenschmaus, bei dem nach der Beerdigung noch einmal alle dem Toten Nahestehenden zusammenkommen und sich an ihn erinnern.

Problematisch werde es aber schon dann, wenn die Trauerrituale für die trauernde Person nicht passend seien. „Es kann sein, dass jemand nicht weint oder auch gar nicht auf den Friedhof gehen will“, erläutert Bettina Doering. Es müsse jeder seine ganz eigene Art des Umgangs mit einem persönlichen Verlust finden. Eines sei aber auch klar: Es gibt keine richtige oder falsche Art zu trauern.

Einen ersten Anlass für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema der persönlichen Trauer gab im Jahr 1942 eine tragische Katastrophe in den USA, als durch Verkettung unglücklicher Umstände ein Nachtclub niederbrannte, in dem die Spieler und Fans von zwei Collegefootball-Teams gefeiert hatten. Viele junge Menschen hatten bei dem eigentlich vermeidbaren Unglücksfall ihr Leben verloren.

Mehrere Warnsignale für Trauernde

Aus Sicht von Doering war dieses dramatische Ereignis ein typisches Beispiel für eine Situation, die zu einer langanhaltenden Trauer führen kann. Besonders wenn Eltern ihre Kinder verlieren, geschieht es oft, dass sie auch nach Jahren nicht aus ihrer tiefen Trauer hinausgelangen. „Es geht uns bei der Trauerforschung nicht darum, die Trauer zu pathologisieren“, meint Doering. Im Vordergrund stehe vor allem die Frage, ob die Menschen nach dem Verlust eines nahen Angehörigen wieder in ihr Leben zurückfinden. Das schließe nicht aus, dass man an bestimmten Jahrestagen oder beim Besuch des Grabes wieder intensiv an die verstorbene Person denke.

„Trauernde erleben oft, dass ihre Umwelt viel zu früh sagt, dass es jetzt wieder gut gehen müsse“, fügt die Forscherin hinzu. Doch man müsse sich auch für seine Trauer eine angemessene Zeitdauer lassen.

Die meisten Menschen merkten aber selber, wenn sie auch nach mehreren Jahren aufgrund der schweren Trauer ihr Leben nicht in den Griff bekämen.

Die Psychologin zählt auf, was erste Warnsignale sein können:

  • Hinterbliebene ändern gar nichts mehr im Haus und belassen alles in dem Zimmer des Verstorbenen genauso, wie es vorher war.
  • Übergroße Sehnsucht nach dem Verstorbenen, Bitterkeit, Zorn, Wut und Schuldgefühle sowie das Gefühl, nicht rechtzeitig alles gesagt zu haben, können zu einer sehr belastenden Gefühlsmischung führen. Im Extremfall können Gedanken an den eigenen Tod aufkommen, um so dem Verstorbenen wieder nahe zu sein.
  • Ein anderes Warnsignal kann auch darin bestehen, dass ein trauernder Angehöriger jeden Tag mehrmals an das Grab geht und alle anderen Termine nur noch rund um diese Grabbesuche plant.

„Mittlerweile sind genügend Forschungsergebnisse vorhanden, so dass jetzt zum ersten Mal die Störung der anhaltenden Trauer in das internationale Krankheitsregister ICD aufgenommen und genau klassifiziert wird“, berichtet Doering (siehe „Hintergrund“). Dabei müsse aber berücksichtigt werden, wie man die „anhaltende Trauer“ deutlich von anderen Erkrankungen abgrenzen könne.

Eine Studie aus dem Jahr 2016 habe ergeben, dass die Gabe von Antidepressiva Patienten mit schweren Trauersymptomen nicht helfe, erläutert Doering. Bei der bundesweiten Studie unter Marburger Beteiligung soll nun die Wirksamkeit von zwei psychotherapeutischen Behandlungsmethoden erforscht werden.

von Manfred Hitzeroth

Psychotherapie soll den Weg in das Leben ebnen

Zwei unterschiedliche Behandlungskonzepte gegen die anhaltende Trauerstörung werden in der Psychotherapeutischen Ambulanz der Uni Marburg auf ihre Wirksamkeit  hin überprüft.

Marburger Psychologen beteiligen sich unter Leitung von Professor Winfried Rief an der bundesweiten Studie „Prolonged Grief Disorder“ (Progrid, anhaltende Trauerstörung).

Unter Federführung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt machen Forscher von insgesamt vier Universitäten bei der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie mit.
Ziel ist eine verbesserte Behandlung von Patienten, die nach dem Verlust einer nahestehenden Person nicht aufhören können, um sie zu trauern.

In der zunächst auf drei Jahre angelegten Studie können an jeder Hochschule 50 „Trauerpatienten“ an der Studie teilnehmen. Erprobt werden zwei unterschiedliche Behandlungskonzepte, die beide aus der Verhaltenstherapie stammen und sich in früheren Studien als hilfreich erwiesen haben.

Bei beiden Behandlungskonzepten werden die Patienten zunächst über den Begriff der „anhaltenden Trauer“ aufgeklärt. Danach sprechen sie mit den Psychotherapeuten über ihre ganz persönlichen Verluste. Dann scheiden sich die Wege:

  • Die erste Behandlungsmethode ist ein Therapieansatz, bei dem der Fokus eher auf dem Sprechen über den Verlust selbst und der damit verbundenen Trauer liegt.
  • Die zweite Therapieoption ist eine Methode, die auch bei der Behandlung von Personen nach anderen belastenden Erfahrungen angewendet wird. Dabei wird geschaut, welche Probleme die Trauerstörung im Alltag verursacht und wie sie überwunden werden können.

Das Ziel beider Therapiekonzepte ist es, Hilfestellung zu geben, damit die Betroffenen trotz aller ihnen nahegehenden Gedanken an die Verstorbenen und ihrer schweren Trauer wieder ein zufriedenstellendes Leben führen können. „Dabei reden wir nicht nur über das Schlimme“, betont die Marburger Psychologin Dr. Bettina ­Doering.

Sie ist im mit 164 000 Euro finanziell geförderten Marburger Unterprojekt dafür verantwortlich, Patienten und Psychotherapeuten zusammenzubringen und für ein reibungsloses Gelingen des Projektes zu sorgen.

Bestandteil der Therapiegespräche können durchaus auch ungewöhnliche Zugangswege sein, wie beispielsweise das Nachstellen eines Gangs zum Grab im Therapiegespräch.

  • Bestandteil der Studie sind neben Diagnostikterminen jeweils Kurzzeittherapien, die pro Teilnehmer bis zu 20 Sitzungen umfassen. Das Angebot richtet sich an Menschen zwischen 18 und 75 Jahren, die seit dem mindestens sechs Monate zurückliegenden Verlust eines nahestehenden Menschen unter körperlichen oder seelischen Beschwerden leiden oder Schwierigkeiten mit alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten haben. Information und Anmeldung: Psychotherapie-Ambulanz Marburg, Stichwort „Progrid“, 
    Telefon 0 64 21 / 2 82 36 57. 
 
Hintergrund

Die Diagnose der anhaltenden Trauerstörung soll als eigenständiges Krankheitsbild in das Klassifikationssystem für psychische Gesundheit und Krankheit (ICD-11) aufgenommen werden. Rund fünf Prozent der Trauernden in Deutschland entwickeln dieses Beschwerdebild, schätzen Fachleute. Patienten berichten von folgenden Beschwerden: intensive Sehnsucht nach der verstorbenen Person, Einsamkeit seit dem Todesfall und Schwierigkeiten, den Tod zu akzeptieren.

Zudem kreisen die Gedanken der Betroffenen ständig um die verstorbene Person, und sie haben Schuldgefühle oder machen sich Selbstvorwürfe. Hinzu kommen kann die Vermeidung aller Erinnerungen, Gedanken und Gefühle an die verstorbene Person und deren Tod.

„Für viele Hinterbliebenen will der quälende Zustand kein Ende  nehmen, und es gibt auch mehrere Monate nach dem Verlust noch keine spürbare Besserung“, heißt es auf der Homepage der Projektstudie „Progrid“ zum Thema „Therapie anhaltender Trauer“. Manchen Trauernden sei es sogar mehrere Jahre nach dem Tod der verstorbenen Person noch immer nicht möglich, den Alltag wieder gut zu bewältigen.

 
Zur Person
Dr. Bettina Doering (37, Foto: Fotostudio Laackmann) wurde in München geboren. Von 2000 bis 2007 studierte sie Psychologie an der Universität Heidelberg. Ihre 2010 abgeschlossene Doktorarbeit beschäftigte sich mit dem Erfolg von Psychotherapie nach erworbenen Hirnschädigungen. Neben der Weiterbildung für Psychologische Psychotherapie am Institut für Psychotherapie-Ausbildung Marburg war sie Promotionsstipendiatin in der AG „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ an der Uni Marburg. Nach einer Zwischenstation am Uni-Klinikum Mainz ist sie seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Professor Winfried Rief am Fachbereich Psychologie. Für das Projekt „Progrid“ ist sie in Marburg Zentrumskoordinatorin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind „Placebo- und Nocebo-Effekte“ sowie Schlafstörungen und die Cyberchondrie.
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