Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Wenn das Spiel zur Sucht wird

Forschung Marburg: Internetsucht Wenn das Spiel zur Sucht wird

Die Marburger Psychologin Antonia Barke forscht in der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie am neuen Phänomen der „Internetsucht“, unter der rund ein Prozent der Deutschen leiden.

Voriger Artikel
"So viele Stunden, wie ein Vollzeitjob"
Nächster Artikel
"Es ist noch nicht alles von allen gesagt"

Für rund ein Prozent der Menschen in Deutschland ist der Startknopf am Computer wie der Verschluss einer Schnapsflasche: Der Eintritt zu einem Suchtmittel, das erst zum Stressabbau genutzt wird, von dem man aber nur schwer wieder loskommt.

Quelle: Archivfoto

Marburg. In dieser Woche vor 65 Jahren eröffnete die hessische Landesstelle für Suchtfragen. Man hätte sich damals wohl kaum vorstellen können, dass rund sechs Jahrzehnte später Menschen Beratung bräuchten, die exzessiv vor flachen schwarzen Kisten sitzen.

Aber das Internet ist für viele zu einer „virtuellen Oase geworden, in der man Stress abbauen kann, in der man keine Enttäuschung erlebt und sich von der Dynamik der Gesellschaft nicht überfordert fühlt“, sagt der Suchttherapeut Benjamin Wockenfuß. Wockenfuß leitet bei der hessischen Landesstelle für Suchtfragen das Selbsthilfeprojekt webC@re für Betroffene.

Die Symptome und Folgen der Internetsucht sind denen herkömmlicher Süchte sehr ähnlich: Erfolglosen Versuchen die Internetnutzung zu kontrollieren, folgt der Verlust anderer Interessen, das Beschwindeln von Mitmenschen über die Nutzung und der Verlust von sozialen Kontakten, dem Partner oder dem Job.

Im Jahr 2013 ist die Psychologin Antonia Barke an die Philipps-Universität gewechselt. Sie erforscht die relativ „junge“ Sucht und ihre Besonderheiten. Barke bemüht sich einen Fragenkatalog aus dem Amerikanischen zu evaluieren, der für Therapeuten und Krankenkassen differenziert, wann eine problematische Internetnutzung zu einer behandlungswürdigen Krankheit wird. Die OP hat mit ihr über die Störung gesprochen:

OP:  Hallo Frau Barke, Internetsucht ist ja relativ ungenau. Wonach sind die Betroffenen denn genau süchtig im unüberschaubaren Internet?
Antonia Barke: Tatsächlich ist das Wort Internetsucht eigentlich kein guter Ausdruck. Man kann besser verschiedene Arten der Internetnutzungsstörung auseinanderhalten, zum Beispiel die Sucht nach Pornographie im Internet, die ja jetzt ständig verfügbar ist. Dann die Sucht nach sozialen Netzwerken oder Informationen im Netz und drittens die Sucht nach Online-Rollenspielen.

OP: Was ist der Unterschied?

Barke: Die Sucht nach Pornographie ist vielleicht eher eine Sexsucht, die aber jetzt über das Internet ausgelebt wird. Die Sucht nach sozialen Netzwerken geht eher mit dem ständigen Bedürfnis, zu überprüfen, ob etwas Neues passiert ist, einher. Und die Abhängigkeit von Online-Rollenspielen ist die Flucht vor dem stressbehafteten Alltag in eine virtuelle Realität.

OP:  Wenn man das Wort Internetsucht hört, dann denkt man immer an den Typ männlicher Nerd, wenig Sozialkontakte zwischen 15 und 35 …
Barke: Es fehlt eine aussagekräftige Forschung in dem Bereich. Aber klar, die Probleme treten eben vor allem in den Gruppen auf, die die jeweilige Medienform häufig nutzen. Für den Online-Spielebereich sind junge Männer der Haupttyp, weil diese Gruppe besonders von den Angeboten angesprochen wird. Die Zahl der Mädchen und Frauen in diesem Bereich steigt aber rasant. Auch weil die Spielekonzerne mit zielgruppenspezifischen Angeboten werben.

OP:  Wie viele Menschen sind von einer Internetnutzungsstörung insgesamt betroffen?

Barke: Es gibt noch keine verlässlichen Zahlen, weil noch nicht klar definiert ist, ab wann es sich um eine Sucht handelt. Die Schätzungen von Experten gehen von rund einem Prozent der Bevölkerung aus. Das erscheint mir realistisch.

OP: Sie konzentrieren sich in ihrer Forschung vor allem auf die süchtigen „Gamer“. Was ist die Ursache für eine Spielsucht im Internet?
Barke: Es gibt nicht die eine Ursache. Und in vielen Fällen ist auch nicht klar, was die Ursache ist und was die Folge. Viele Menschen, die Berater oder Therapeuten aufsuchen, haben gleichzeitig auch noch andere Probleme, wie eine depressive Episode oder Angststörungen. Es ist oft schwer zu sagen, ob die Sucht oder die psychische Störung am Anfang stand. Es kommt auch vor, dass man am Anfang nur moderaten negativen Gefühlen oder der Langeweile entfliehen wollte und in den Sog gerät.

OP: Aber was ist das süchtig Machende an den Rollenspielen im Internet? Diese Sogwirkung?

Die Spiele sind sehr geschickt aufgebaut. Das liegt auch daran, dass viele ausgebildete Psychologen auf der Seite der Spieleindustrie arbeiten. Die Spiele arbeiten mit vielen Belohnungen und Verstärkungen. Sprechen Bedürfnisse und Wünsche an: Ich kann schön, mächtig und geschickt sein. Ich kann erfolgreich und mächtig sein, einen Clan oder ein Königreich anführen.Dinge, die den meisten in der Realität versagt bleiben.

OP: Da kann die triste Realität nicht mithalten.

Barke: Ja, manchmal auszusteigen sollte man auch nicht verteufeln. Jeder, der einen Roman liest oder einen Film in seiner Freizeit sieht, macht nichts anderes. Problematisch wird es, wenn junge Erwachsene zum Beispiel ihre Entwicklungsaufgaben nicht erfüllen. Also zum Beispiel: die elterliche Wohnung verlassen, erstes Geld verdienen, die erste Partnerschaft.
 Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft hat im „diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM5) 2012 erstmals vorgeschlagen, das übermäßige Onlinespielen als Forschungsdiagnose einzuführen. Es muss also weiter geforscht werden, um mehr über das Phänomen als Störung zu erfahren. Davon hängt auch die Einführung von gezielten Therapien ab und die Übernahme der entstehenden Kosten durch die Krankenkassen.

OP: Wann spricht man von Sucht und wie behandelt man sie? Wie weit ist die Forschung?
Barke: Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft hat im „diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM5) 2012 erstmals vorgeschlagen, das übermäßige Onlinespielen als Forschungsdiagnose einzuführen. Es muss also weiter geforscht werden, um mehr über das Phänomen als Störung zu erfahren. Davon hängt auch die Einführung von gezielten Therapien ab und die Übernahme der entstehenden Kosten durch die Krankenkassen.

Zur Person: Dr. Antonia Barke

Dr. Antonia Barke

Quelle:

Dr. Antonia Barke hat in Oxford in Philosophie promoviert. Danach ist sie auf die Psychologie „umgestiegen“. Sie hat in Frankfurt und Göttingen studiert und war unter anderem in Göttingen am Institut für Psychologie (Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie) beschäftigt. Seit 2013 ist sie jetzt in Marburg am Institut für Psychologie (Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie) tätig. Ihre Interessengebiete sind die Erforschung der Internetsucht (insbesondere Internetspiele) und Schmerzen. Zur Zeit arbeitet sie auf die Habilitation hin.

von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
"So viele Stunden, wie ein Vollzeitjob"

Marburger Forscher sind auf dem relativ jungen Gebiet der Erforschung von „Internetnutzungsstörungen“ sehr aktiv. Zwei Studien haben in den vergangenen Jahren erste Aufschlüsse über Möglichkeiten von Diagnostik und Therapie gegeben.

mehr