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Wegfall aller Grenzen bleibt Utopie

Forschung Marburg Wegfall aller Grenzen bleibt Utopie

Der Marburger Politikwissenschaftler Professor Wilfried von Bredow hat untersucht, welche Funktionsweise Grenzen und Grenzbefestigungen für das menschliche Zusammenleben haben.

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Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. Innerhalb kurzer Zeit strömten die Massen nach Westberlin, wie hier am Übergang Bernauer Straße. Archivfoto: dpa

Marburg. „Grenzen sind so alt wie die Menschheit selbst. Seit der Mensch sich in sozialen Gemeinschaften zusammenschließt, zieht er Grenzen, die nach innen das Gemeinwesen fördern und nach außen abgrenzen“, meint der Marburger Politikwissenschaftler Wilfried von Bredow. „So sorgen Grenzen einerseits für Zusammenhalt und Identität, andererseits waren sie immer wieder Ursache von Konflikten und Kriegen. Politik ist ohne Grenzen kaum denkbar“.

Für Bredow ist das Thema Grenzen aus politikwissenschaftlicher Sicht so interessant, dass er sich schon seit Ende der 80er Jahre intensiv damit beschäftigt. Nach vielen Seminaren, Vorlesungen und Aufsätzen hat er nun auch eine Gesamtdarstellung vorgelegt, in der es um die Geschichte der Grenzziehungen von der Chinesischen Mauer und dem Limes bis hin zur deutsch-deutschen Mauer geht.

„Mauerspechte“ fanden Souvenirs aus Stein

In diesen Tagen wird in zahlreichen Veranstaltungen das geschichtliche Erinnerungsdatum „25 Jahre Mauerfall“ gewürdigt. Für den Marburger Politikwissenschaftler ist der Fall der Mauer in Berlin vor allem mit dem Geräusch der „Mauerspechte“ verbunden, jener Menschen, die sich schon wenige Tage nach dem 9. November 1989 einen Teil des ehemals durch Berlin gezogenen deutsch-deutschen Grenzwalls als Souvenir heraushämmerten.

Die Mauer durch Berlin und die gesamte innerdeutsche Grenze war besonders stark geschützt. Die DDR habe diesen Schutz immer weiter perfektioniert, erläutert Bredow. „In West-Berlin und in der Bundesrepublik galten die Mauer und die Grenze als Ausdruck der Unmenschlichkeit des DDR-Regimes, nicht die Grenze selbst, sondern die Art und Weise ihres Ausbaus und ihrer Überwachung“, so der Politologe. Die Mauer und die Grenze hätten nicht zur Abwehr eines andrängenden Feindes, sondern in erster Linie zur Einschließung der eigenen Bevölkerung gedient, kommentiert Bredow.

Mauer als Symbol des Kalten Kriegs

In der Geschichte der Grenzziehungen bildet die deutsch-deutsche Grenze aus Sicht des Wissenschaftlers einen Spezialfall, allenfalls vergleichbar mit der ebenfalls mitten durch ein Land führenden Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Die deutsche Grenze sei auch ein „Symbol des Kalten Krieges“ zwischen Ost und West gewesen. Daher gehörten heute Fotografien der Mauer zu den am weitest verbreiteten Bildern von Grenz- und Sperranlagen des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile habe allerdings die Musealisierung der Berliner Mauer längst eingesetzt. „Und langsam verblassen mit dem Zuwachsen des Grenzstreifens, teils durch Flora, teils durch Bauwerke, auch die unmittelbaren Erinnerungen an ihre wuchtige Unmenschlichkeit“, bilanziert der Forscher.

Die in den 90er Jahren in der Folge des Mauerfalls weltweit zu beobachtende Euphorie, die mit der Hoffnung auf einen weltweiten Abbau aller Grenzen verbunden gewesen sei, ist nach Ansicht Bredows seit dem Anfang des Jahrtausends wieder vorbei. Bis dahin sei noch gehofft worden, es werde ein Zeitalter mit weniger gefährlichen und leichter lösbaren Konflikten folgen. Spätestens mit dem Schock der Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 sei diese Hoffnung verflogen. In vielen Regionen der Welt würden immer mehr Grenzterritorien immer schärfer überwacht. Den Zerfall vieler Staaten, die weltweite Zunahme der Flüchtlinge und den internationalen Terrorismus nennt der Marburger Forscher als Hauptgründe für die Zunahme dieser stark gesicherten Grenzen.

Am Beispiel von Israel und Palästina macht Bredow deutlich, dass hinter jeder dieser Grenzen Konflikte stehen. „Grenzen sind Brennpunkte, in denen sich die Konflikte spiegeln“, betont er. Während der von Israel angelegte Grenzwall aus Sicht von Israel eine Antiterrormauer darstelle, sei er aus palästinensischer Sichtweise ein „Kolonialbauwerk“.

Die neuerdings stark ausgebaute amerikanisch-mexikanische Grenze oder der Grenzzaun zwischen Israel und dem Westjordanland weisen laut Bredow dieselbe architektonische Grundstruktur auf wie die Berliner Mauer oder die innerkoreanische Grenze.

„Politische Grenze als konstantes Phänomen“

Als prägend für diese Grenzen nennt er die „durchgehende Bebauung der Grenze als Hindernis“, Überwachungshochbauten, in regelmäßigen Abständen Festungen für das Überwachungspersonal sowie Tore und kontrollierte Öffnungen als Übergangsstellen. Ergänzt würden diese Grenzüberwachungen durch modernste elektronische Überwachungstechnologie. Im vereinigten Europa gibt es zwar aufgrund des Abkommens von Schengen so gut wie keine Grenzkontrollen mehr für die Bürger. „An den Grenzübergängen erinnern allenfalls die jetzt funktionslos gewordenen Zoll- und Grenzkontrollstationen an frühere Zeiten“, so der Marburger Politikwissenschaftler. Stattdessen werden jedoch die Grenzkontrollen an die Außengrenzen verlagert und dort verstärkt. „Es ist aber nicht die Absicht der Europäer, daraus eine Festung zu machen“, hofft Bredow. Europa zu einer Festung auszubauen, sei schließlich auch aus ökonomischen Gründen uninteressant. In Zukunft sei für Europa die richtige Balance zwischen Öffnung und Kontrolle der Einwanderung entscheidend. „Die politische Grenze ist ein erstaunlich konstantes Phänomen“, zieht Wilfried von Bredow in seinem grundlegenden Buch „Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen“ ein Fazit seiner politikwissenschaftlichen und historischen Analyse.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person
Professor Wilfried von Bredow (70 ) ist ein Politikwissenschaftler, der von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2009 Professor für Außen- und Sicherheitspolitik an der Marburger Universität war. Die Schwerpunkte seiner Forschungen sind die Themen „Militär in der Demokratie“, deutsche Außen- und Sicherheitspolitik und politische Ideengeschichte. Wissenschaftliche Auslandsaufenthalte führten ihn beispielsweise nach Großbritannien und nach Kanada. Er veröffentlichte unter anderem Bücher zu den Themen „Die Zukunft der Bundeswehr“, „Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland“ oder „Grenzen“. Zuletzt trat er auch als Autor des Kinderbuchs „Lola rast und andere schreckliche Geschichten“ hervor.

Termin: Der Marburger Politikwissenschaftler Wilfried von Bredow liest am Donnerstag, 13. November, ab 20 Uhr in der Reihe „Man trifft sich bei Elwert“ in der Buchhandlung „Lehmanns Media/Elwert“ in der Reitgasse 7/9 aus seinem Buch zum Thema Grenzen. Dabei soll es unter anderem anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren um die Geschichte und die Nachwirkungen des deutsch-deutschen Grenzwalls gehen, über die er in seinem Buch ausführlich schreibt.

Weitergehend will Bredow bei seiner Lesung aber auch den Blick auf die Grenzen in anderen Gegenden dieser Erde lenken, wie er im Gespräch mit der OP sagte. In zehn Kapiteln hat der Forscher in seinem Buch eine grundlegende Gesamtdarstellung der Grenzziehungen vorgelegt. Darin geht es unter anderem um „Grenzen in und um Europa“, „Grenzen in der Neuen Welt“, das „Leben in Grenzgebieten“ oder die Frage der Grenz- und Territorialkonflikte zu Wasser und zu Lande. Das reich illustrierte Buch ist in diesem Jahr erschienen.

Wilfried von Bredow: Grenzen. Eine Geschichte des Zusammenlebens vom Limes bis Schengen. Theiss Verlag. 208 Seiten; 100 Abbildungen, 20 Karten. 39,95 Euro.

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