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Von der Transformation der Welt

Die Yukpa Von der Transformation der Welt

Das Marburger Forschungsprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis 2019 mit 230 000 Euro gefördert.

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Professor Ernst Halbmayer (Dritter von links) mit Mitarbeiterin Anne Goletz (rechts) bei den Yukpa. Foto: Susanne Halbmayer-Watzina     

Quelle: Susanne Halbmayer-Watzina

Marburg. Wie sind die ersten Menschen entstanden? Wie kam der Mais auf die Erde? Wieso gibt es Sonne und Mond? Solche existenziellen Fragen stehen im Zentrum der Schöpfungsmythen der Yukpa-Indianer – einer indigenen Gruppe von rund 15000 Menschen, die in Südamerika an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela lebt.

Insgesamt gibt es nach Darstellung des Marburger Ethnologen Professor Halbmayer vier zentrale mündlich weitergegebene Mythenkomplexe, die sich um die Transformation der Welt und die Kreation der heutigen Lebensformen ranken.

Dabei gehe es zum einen um die Entstehung von menschlichem und tierischen Leben. Im zweiten Mythenkomplex spielen die jahreszeitlichen Klimawechsel und die gesamte Natur eine wesentliche Rolle. Im dritten Themenspektrum wird der Ursprung der Kulturpflanzen behandelt. Im letzten Mythenkomplex stehen die Weißen und ihre Technologie als Gegengewicht zu den Yukpa im Fokus.

Auf die Spur dieser Schöpfungsmythen begeben sich der Marburger Ethnologe Professor Ernst Halbmayer und seine beiden Mitarbeiterinnen Anne Goletz und Katrin Metzger in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 2016 bis 2019 mit mehr als 230 000 Euro geförderten Projekt. Sie wollen die Mythen schriftlich dokumentieren, analysieren und übersetzen. Diese Dokumentation der Yukpa-Schöpfungsmythen soll den Yukpa auch vor Ort wieder zur Verfügung gestellt werden und beispielsweise in Schulbüchern Eingang finden. Neuerdings sind zwei Yukpa-Gemeinden mit dem von Halbmayer repräsentierten Fachgebiet Kultur- und Sozialanthropologie der Marburger Philipps-Universität in einer offiziellen Kooperation miteinander verbunden.

Workshop "Schulbildung und Muttersprache"

Zum Auftakt dieser Kooperation wurde mit lokalen Lehrern ein Workshop zum Thema Schulbildung und Muttersprache veranstaltet.

Die Marburger Forschungsgruppe plant, die Mythen der Yukpa mit jenen anderer Gruppen aus der Carib-Sprachfamilie zu vergleichen, einer im nördlichen Südamerika weit verbreiteten indigenen Sprachfamilie.

Vergleiche soll es auch mit den Schöpfungsmythen der Chibcha- und Arawak-Sprecher geben. Entstehen soll so eine systematische vergleichende Analyse indigener Kosmologien im Norden Südamerikas.

Halbmayer befasst sich schon fast sein ganzes Forscherleben mit den Yukpa, (siehe HINTERGRUND). Bereits als junger Student knüpfte er in den Jahren 1988 und 1989 in Venezuela seine ersten Kontakte zu den Yukpa. Anfang der 90er Jahre entstanden erste Forschungsarbeiten Halbmayers. „Kannibalistische Sonne, Schwiegervater Mond und die Yukpa. Prinzipien der Sozialorganisation und des Weltbildes bei den Yukpa-Indianern Nordwest-Venezuelas“: So lautet der Titel seiner Dissertation. In den vergangenen drei Jahrzehnten habe sich in der Welt der Yukpa eine Menge verändert, berichtet Halbmayer am Beispiel einer Region, die er immer wieder besucht hat.

Damals habe es dort als zentralen westlichen Einfluss nur eine Missionsstation gegeben. Heute seien die modernen Medien der westlichen Zivilisation rund um Internet und Co. auch dort wie selbstverständlich verbreitet. Es gebe allerdings auch noch Rückzugsgebiete der Yukpa in den Bergen, in denen eigene Logiken und Praktiken verbreitet seien.

Die Yukpa hätten in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben des Staates in Teilautonomie übernommen, beispielsweise in der Bildung und der Rechtssprechung.

von Manfred Hitzeroth

Die Sonnenspinne als schöpferischer Kulturheros

Die Schöpfungsmythen der Yukpa sollen in dem Marburger Projekt aufgeschrieben werden.

Professor Ernst Halbmayer und seine Mitarbeiterinnen möchten den reichhaltigen Bestand von Yukpa-Schöpfungsmythen in einem ersten Schritt systematisch aufarbeiten. „Publiziert sind im Normalfall nur Kurz-Resümees oder Zusammenfassungen, die meistens auf Spanisch aufgeschrieben worden sind“, erläutert Halbmayer im Gespräch mit der OP. Jedoch hätten sich diese Mythen in der Originalsprache erzählt als sehr viel reichhaltiger und komplexer erwiesen. So lassen sich die Forscher dies noch einmal erzählen.

Als Aufgaben des Marburger Projektes nennt der Ethnologe Halbmayer die Verschriftlichung sowie die sprachwissenschaftliche Erläuterung der Wortbedeutungen. Zudem sollen die Texte ins Englische übersetzt werden. Außerdem wollen die Wissenschaftler die Aussagen in den Erzählungen in einen größeren ethnografischen Zusammenhang stellen.

Im Mittelpunkt dieser Narra­tionen, die von der Entstehung der Welt berichten, stehen besondere Figuren – von ­Halbmayer als Kulturheroen bezeichnet. Eine dieser mythischen Figuren ist beispielsweise Osema, der für das Wissen über die Landwirtschaft zuständig, aber auch für die Erdbeben verantwortlich gemacht wird. Eine entscheidende Bedeutung nimmt die Gestalt des Amoricha ein. „Er ist der mythische Transformator, der die Erde in ihren heutigen Zustand verwandelte und die heutigen Formen des Lebens konstruiert und fabriziert hat“, erläutert der Marburger Ethnologe.

Schwarzer Wachspfeil trifft Auge der Sonne

Diese Figur sei als Spinne und gleichzeitig als ein Aspekt der Sonne beschrieben. Amoricha sei wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel in Form eines seidenen Fadens herabgestiegen, heißt es. Er habe eine Welt mit zwei heißen Sonnen vorgefunden, die alles verbrannt und Seen und Flüsse zum Kochen gebracht habe. Dann habe er eine der Sonnen mit einem Pfeil aus schwarzem Wachs beschossen. Damit habe er diese Sonne ins Auge getroffen. Daraufhin sei sie dunkel geworden und habe sich in den Mond verwandelt. In der Folge habe es dann in der neuen Welt Gegensatzpaare wie Tag und Nacht oder Hitze und Kälte gegeben.

Der Kulturheros habe unter anderem die Berge, Bäume und Blätter gewebt und die Bedingungen für das Leben auf der Erde geschaffen. Selbst seine ersten Kinder soll er hergestellt haben, so die Überlieferung. Ausgehend von dem Schöpfungsmythos heute halte sich die Überlieferung, dass die Yukpa ihren Ursprung in einer bestimmten Baumart haben. Aus Holzscheiten dieses Baumes seien die ersten Frauen entstanden, mit denen er Kinder gehabt habe. Amoricha habe aber nicht nur manuelle und technische Fähigkeiten gehabt, sondern auch mit Worten und Gedanken sowie mit Liedern und Sprüchen für Verwandlungen gesorgt. Im Gegensatz zur christlichen Weltentstehungsgeschichte (Genesis) sei der Schöpfungsmythos rund um Amoricha nicht so konstruiert, dass eine Welt aus dem Nichts geschaffen werde.

„Leben hat keinen absoluten Anfang und auch kein absolutes Ende, weder auf individuelle Personen noch auf die Welt als Ganzes bezogen“, beschreibt Halbmayer diesen Ansatz. Dennoch sei dieser Mythos heutzutage nach der christlichen Missionierung auch mit der christlichen Schöpfungsgeschichte vermischt, und die Figur des Amoricha werde auch assoziiert mit dem christlichen Gottvater. „Wenn wir von Mythen sprechen, dann meinen wir damit meistens fantastische Erzählungen oder Märchen“, erläutert Professor Halbmayer.

Bezogen auf die Yukpa seien es aber keine abstrakten Erzählungen, sondern Narrationen, die Erklärungen über die Entstehung der Welt und Handlungsanweisungen geben, wie in dieser Welt zu leben sei. Doch wie unumstößlich sind im Gegenzug
die westlichen Erklärungsmuster der Wissenschaft wie Char­les Darwins Evolutionstheorie? Nachdem ein Lehrer der Yukpa gerade mehr über Darwins Lehre erfahren habe, fragte er Halbmayer überrascht: „ Glauben die Weißen wirklich an solche Dinge? Das mag für euch wahr sein, aber für uns ist es das nicht.“

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund
Die Yukpa sind eine indigene Gruppe Südamerikas, die auf beiden Seiten der Sierra de Perija in Kolumbien und Venezuela leben. Sie gehören zur Sprachgruppe der Carib-Sprecher. „Die mindestens 15 000 Yukpa leben heute zum Teil in größeren Städten, mehrheitlich aber in abgelegenen Siedlungen in den Bergen“, sagt der Ethnologe Professor Ernst Halbmayer. Sprachlich und soziokulturell gelten sie als Außenseiter. „Ihr Siedlungsgebiet liegt in relativ großer geographischer Distanz zu anderen Carib-Gruppen“, erläutert die Ethnologin Anne Goletz. So leben andere Carib-Sprecher unter anderem in Französisch-­Guyana oder Brasilien. Ursprünglich hatten im 16. Jahrhundert die spanischen Eroberer die Vorfahren der Yukpa gewaltsam vertrieben. Weitere Land­enteignungen ereigneten sich in Venezuela im 20. Jahrhundert durch Farmer. Erst in den 70ern kamen die Yukpa vermehrt aus dem Schutz des Gebirges zurück, um das Land ihrer Vorfahren wieder zu besiedeln. Am Tag des indigenen Widerstands gab es 2011 in Venezuela eine offizielle Zeremonie der Landrückgabe an die Yukpa. „Es waren 500 Jahre der Erniedrigung durch die Gewalt der Kolonisatoren“, sagte der damalige Vizepräsident Elías Jaua laut dem Mediennetzwerk „Indian Country Today“.
 
Zur Person

Professor Ernst Halbmayer (51, Foto: Hitzeroth) stammt aus Krems an der Donau (Österreich). Er studierte Soziologie sowie Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Erste Feldforschungen führten ihn 1991 und 1992 zu den Yukpa nach Venezuela. Seine 1997 veröffentlichte Dissertation beschäftigte sich mit den Prinzipien der Sozialorganisation bei den Yukpa. Im Jahr 2008 erfolgte seine Habilitation in Wien mit einer Habilitationsschrift mit dem Titel „Kosmos und Kommunikation: Weltkonzeption in der südamerikanischen Sprachfamilie der Cariben“. Seit 2008 ist Halbmayer auch Professor am Institut für vergleichende Kulturforschung der Marburger Universität. Die Erforschung der indigenen Gruppen in Lateinamerika sowie die Umwelt- und Konfliktanthropologie sind seine Spezialgebiete.

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