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Von der Präsenz des Religiösen

Rudolf Otto Von der Präsenz des Religiösen

Vor 100 Jahren veröffentlichte der Marburger Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto sein bahnbrechendes Buch „Das Heilige“, dessen Wirkung Theologie-Professor Claus-Dieter Osthövener erforscht.

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Rudolf Otto (Vierter von links) steht in Japan während seiner Weltreise 1911/1912 inmitten von japanischen Mönchen sowie Übersetzern und zwei Begleiterinnen.

Quelle: Nachlass Rudolf Otto / Bibliothek Religionswissenschaft Uni Marburg

Marburg. Als einen wegweisenden Versuch, die Entstehung und Entwicklung der Religionen zu erforschen, sieht der Marburger Theologie-Professor Claus-Dieter Osthövener Rudolf Ottos Buch „Das Heilige“, dessen erste Auflage im Jahr 1917 erschien. Dabei habe Otto dem Besonderen nachgespürt, das alle Religionen verbinde.

So habe er sich besonders interessiert für die ganz konkrete Wirkung von sakralen Räumen oder das einzigartige Gefühl beim Aufenthalt in der Wüste. Otto habe mit seinem Werk versucht, eine Präsenz des Religiösen zu beschreiben, die man eigentlich nicht in Worte fassen könne.

Bei der Frage nach Ursprung und Eigenart der Religionen habe Otto einen Schwerpunkt auf den Hinduismus und den Zen-Buddhismus gelegt, aber in seinem interreligiösen Blick auch andere große  Weltreligionen wie den Islam und das Christentum in seine Überlegungen einbezogen.

Religion habe nach Ottos Ansicht nicht nur mit theoretischen Gedankengebäuden zu tun, sondern es spiele dabei auch eine irrationale Komponente eine gewichtige Rolle.

In der Rückschau müsse berücksichtigt werden, dass der moderne Fundamentalismus zur Entstehungszeit des Textes von „Das Heilige“ noch nicht so präsent gewesen sei, sagt Osthövener. Hinzu komme, dass Otto politisch dem Liberalismus angehört habe. Er sei also auf jeden Fall kein Wegbereiter der Zeit des Nationalsozialismus gewesen, sagte Osthövener im Gespräch mit der OP. Besonders spannend findet Osthövener, dass Ottos Buch für ein religionswissenschaftliches Fachbuch ein Weltbestseller ist, der auch heute noch verkauft wird. Bereits zu Ottos Lebzeiten hatte das Buch 25 Auflagen, und es wurde bis heute in 23 Sprachen übersetzt, unter anderem ins Arabische, Persische, Russische und Chinesische.

Erste große Asienreise in den Jahren 1911 und 1912

„Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“: So lautete der volle Titel von Ottos Werk. Und um die Verbindung von Rationalem und Irrationalem in der Religion in einer von Otto so bezeichneten „Kontrastharmonie“ sei auch sein Text gekreist. Dabei habe er unter anderem neue Wortschöpfungen geprägt wie „Fascinans“, „Tremendum“ und das „Numinose“. Mit letzterem habe der Wissenschaftler vor 100 Jahren einen Begriff für das Interesse am Nicht-Rationalen gefunden.

Ausgehend  vom lateinischen Wortstamm „numen“ (das Überweltliche) sei das Numinose gleichbedeutend mit dem Heiligen minus dem Rationalen gewesen. Für  Otto steht das „Numen“ außerhalb der menschlichen Realität. Es lässt sich entweder als „mysterium tremendum“ (Schauder, Furcht) oder als „mysterium fascinans“ (Anziehung) erfahren.

Für Otto habe seine erste große Asienreise, die ihn 1911 und 1912 nach China, Indien und Japan führte, als Initialzündung zum Verfassen von „Das Heilige“ gedient, erklärt Osthövener.  Auf dieser Reise habe der Wissenschaftler auch Kontakt zu Mönchen in Klöstern gesucht und die Ausübung der religiösen Praktiken beobachtet und miterlebt.

Zudem erwarb er dort religiöse Kultgegenstände, die später den Grundstock für die noch heute existierende Religionskundliche Sammlung der Universität in Marburg legten. So gehörte dazu beispielsweise eine rund 40 Zentimeter hohe Statue der Göttin Durga oder Kali aus Indien (siehe großes Bild links), deren Fotografie als Bebilderung auch Eingang in die ersten Auflagen von Ottos Buch fand. Das Besondere daran sei sicher, dass diese Figur idealtypisch sowohl das Anziehende als auch das Abstoßende der Religion zeige, meint Osthövener. Sie habe einerseits eine bedrohlich wirkende, dämonisch aussehende Fratze, die zudem einen Dämonenkopf in der Hand halte. Andererseits stelle sie auch eine mütterliche Figur dar, die mit inniger Frömmigkeit verehrt werde.

Auf die Spur von Ottos Werk und seinem Wirken kam Professor Osthövener schon vor fünf Jahren in seiner Zeit an der Universität Wuppertal, als er festgestellt hatte, dass es bis heute keine moderne Edition des klassischen Textes „Das Heilige“ gibt. Jetzt ist Osthövener als Marburger Professor zusammen mit Kollegen zuständig für die Erstellung einer kritischen Studienausgabe von „Das Heilige“( siehe Artikel unten).

von Manfred Hitzeroth

Studienausgabe soll Ottos Hauptwerk erklären

Voraussichtlich 2018 wird eine neue Studienausgabe von Rudolf Ottos Hauptwerk „Das Heilige“ fertiggestellt sein.

Rund 200 Seiten umfasst Rudolf Ottos Buch „Das Heilige“, das 1917 in der ersten Auflage erschien. Es hat einige Besonderheiten vorzuweisen: So erschienen im Jahresabstand bis zur letzten Auflage im Jahr 1936 jeweils weitere Ausgaben, die jedes Mal neue inhaltliche Perspektiven oder sprachliche Erweiterungen oder Veränderungen beinhalteten. Zusätzlich wurden zwei Begleitbände mit weiteren inhaltlichen Ergänzungen Ottos herausgegeben.

Ziel der kritischen Ausgabe ist es, ähnlich wie bei historisch-kritischen Werkausgaben der Werke von Schriftstellern oder Philosophen, die Textentstehung und die Textveränderung in den einzelnen Ausgaben zu dokumentieren, erläutert der Marburger Theologie-Professor Claus-Dieter Osthövener. Zum Editionsteam zählen auch Roderich Barth (Leipzig) und Katharina Rücker (Wuppertal).

Außerdem sollen die weltweite Korrespondenz Ottos sowie Tagebücher und Fotografien seiner Reisen weiter erhellen, wie „Das Heilige“ im Verhältnis zu seinen anderen Werken einzuordnen ist. Diese erst teilweise aufgearbeiteten Materialien finden sich in der Marburger Uni-Bibliothek und in der Religionskundlichen Sammlung in Marburg. Auch die Druckgeschichte des Buchs ist spannend, erklärt Osthövener. So sollte es ursprünglich 1916 erscheinen, das war aber wegen des Papiermangels mitten im Ersten Weltkrieg nicht möglich.

Zudem soll die sich anschließende „Verlags-Odyssee“ dokumentiert werden.

Ottos Hauptwerk sei zu seinen Lebzeiten zunächst einmal besonders stark als wissenschaftliches Werk an der Grenze zwischen Theologie und Religionswissenschaft wahrgenommen worden. In den 60er- und 70er-Jahren sei es dann im Zuge einiger Methoden-Debatten nahezu „in der Versenkung verschwunden“, erklärt Osthövener. In den vergangenen Jahrzehnten habe es eine Wiederentdeckung Ottos auch wegen der Bedeutung seines Hauptwerkes gegeben.

So seien besonders sein Einsatz für die Welt der religiösen Objekte sowie sein konzeptionelles Vordenken gewürdigt worden. Im Jubiläumsjahr von „Das Heilige“ haben Osthövener und Barth übrigens vor einigen Wochen bereits im Schloss Rauischholzhausen eine wissenschaftliche Tagung zur Werk-, Editions- und Rezeptionsgeschichte organisiert. Unter anderem ging es dabei um Ottos Jesusdeutung und seine Deutung des Zen-Buddhismus, aber auch um seine Lutherrezeption und die Spuren, die er im jüdischen Denken des 20. Jahrhundert hinterlassen hat.

  • Mehr Informationen zu Rudolf Otto: ­www.uni-marburg.de/relsamm/rudolf-otto

von Manfred Hitzeroth

 
Rudolf Otto
Am 25. September 1869 wurde Rudolf Otto in Peine (Niedersachsen) als Sohn des Besitzers einer Malzfabrik geboren. Von 1888 bis 1898 studierte er Theologie in Erlangen und Göttingen. Seine Dissertation befasste sich mit dem Thema „Der Heilige Geist bei Luther“. Ab 1905 war er außerordentlicher Professor für Systematische Theologie in Göttingen. Ab 1915 wurde er ordentlicher Professor in Breslau, und 1917 wechselte er auf den Lehrstuhl an der Uni Marburg. Aus Krankheitsgründen wurde er 1929 vorzeitig emeritiert. In Marburg lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1937 wenige Monate nach einem Sturz von der Burgruine Staufenberg. Neben seiner Karriere als Professor war er auch zwischen 1913 und 1919 Abgeordneter im preußischen Landtag und der preußischen Landesversammlung. 1917 veröffentlichte er sein Hauptwerk „Das Heilige“. 1927 gründete er in Marburg die Reli­gionskundliche Sammlung. „Er war ein Querdenker und saß zwischenzeitlich zwischen allen Stühlen“, bilanziert Professor Claus-Dieter Osthövener Ottos Wirken. Zudem habe dieser sich immer intensiv für den interreligiösen Dialog eingesetzt.
 
Zur Person
Professor Claus-Dieter Osthövener (57) wurde in Wilhelmshaven geboren. Von 1980 bis 1987 studierte er an der Universität Göttingen die Fächer Chemie und Evangelische Religion. 1994 wurde er mit einer Arbeit über „Die Lehre der göttlichen Eigenschaften bei Schleiermacher und Barth“ promoviert. Von 1993 bis 2000 war er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Halle/Saale. Von 2002 bis 2015 war er Professor für Systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit dem Oktober 2015 ist er Professor für Systematische Theologie und Geschichte der Theologie an der Uni Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Aufklärungstheologie sowie die Themen „Literatur und Religion“ und „Religion im Musiktheater“.
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