Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Von den Lemmingen lernen

Klimawandel Von den Lemmingen lernen

Das Labor des Licher Biologen Johannes Lang liegt nicht mehr im benachbarten Marburg, sondern über 3 000 Kilometer entfernt in Grönland. Dort beobachtet er, wie mit der Schneedecke auch die Population von Wildtieren dahin schmilzt.

Voriger Artikel
Forscher identifizieren alte Königsstadt
Nächster Artikel
Eine unbequeme Entscheidung

Der grönländische Halsbandlemming baut seine Nester unter dem Schnee. Verschwindet der Schnee, verschwinden die Lemminge.Fotos: Johannes Lang

Marburg/Lich. Einmal jährlich interessiert den selbstständigen Biologen Johannes Lang der Wetterbericht für Mittelhessen nicht mehr. Von Ende Juni bis Anfang August kommt es darauf an, dass es in Nordostgrönland möglichst knapp über null Grad „warm“ ist und der Schnee wegschmilzt. Das sind „ideale Bedingungen“ für das „Karupelv Valley Project“, einer Expedition nach Nordgrönland, an der sich Lang seit über zehn Jahren beteiligt.

Der Fluss Karupelv mündet auf der nordgrönländischen Insel Traill ins Meer. Das Gebiet ist gekennzeichnet durch große Täler und weite Ebenen und wird von Experten auch Arktisches Riviera genannt, weil es hier Ende Juli sogar bis zu zehn Grad warm werden kann. „In der Sonne kann man manchmal sogar den Pulli ausziehen und im Zelt wird es morgens ganz schön warm“, sagt Johannes Lang.

Sommerurlaub macht der Licher auf Traill dennoch nicht. Die Wassertemperatur wäre auch nichts für ein ausgiebiges Bad. Allerdings sorgt das stabile Hochdruckwetter dafür, dass die Forscher hier ein gut zu beobachtendes Ökosystem vorfinden, mit einer kargen Vegetation und einigen Wildtierarten.

1987 hat der Freiburger Forscher Dr. Benoît Sittler das Karupelv-Projekt ins Leben gerufen. Er wollte das Geheimnis der Lemming-Zyklen lösen. Es war schon vorher aufgefallen, dass von den in der Arktis vorkommenden Halsbandlemmingen in manchen Jahren nur vereinzelt Exemplare gefunden wurden und in anderen Jahren ganze Heerscharen.

Der Lemming ist kein Selbstmörder

Ein Disney-Naturfilm begründete den Mythos der lebensmüden Nager, die sich beim genetisch programmierten Selbstmord von den kalten Klippen werfen. Eine – grausam, aber wahr – gestellte Filmszene. Benoit Sittler sorgte für Richtigstellung: Der Lemming-Bestand hat nichts mit Selbstmord, sondern mit Mord zu tun. „In dieser ersten Phase der Lemming-Forschung auf Traill entdeckte man, dass es etwa alle vier Jahre besonders viele Lemminge gibt. Der entscheidende Grund dafür ist die Population der Fressfeinde“, erklärt Johannes Lang.

Während im Sommer zum Beispiel auch Schneeeulen und Polarfüchse die Lemminge jagen, bleibt im Winter nur noch der Hermelin als „Prädator“, also spezialisierter Fressfeind, übrig. Wenn drei Jahre nacheinander wenig Lemminge vorkommen, dann gibt es auch weniger Hermeline, das Nahrungsangebot auf Traill ist eher beschränkt.

Weil ein Hermelin aber ein Jahr schwanger ist, haben die wenigen verbliebenen Lemminge dann ausreichend Zeit, sich in mehreren, kürzeren Zyklen wie die Ratten zu vermehren. So gibt es richtige Boom-Jahre, „wir Forscher sprechen von ,Peaks‘ der Lemmingpopulationen“, so Lang. In der renommierten Fachzeitschrift „Science“ berichtete Sittlers Team  2003 über das Ergebnis . Die Welt der Naturforscher war wieder in Ordnung – so dachte man.

Aber nach dem Jahr 2000 blieben die alle vier Jahre auftretenden „Peaks“, also die fetten Lemmingjahre, einfach aus. Die Beobachtung dieses Phänomens nennen die Forscher Phase 2 des Karupelv-Projekts. Benoît Sittler ist noch immer der Expeditionsleiter und reiste in diesem Sommer zum 27. Mal nach Grönland. Aber auch Johannes Lang stieß in der zweiten Phase dazu und ist inzwischen schon über zehn Jahre dabei. Routine ist die Reise aber noch lange nicht.

„Wir fliegen von Frankfurt aus nach Island und chartern uns dort eine eigene Maschine, die uns und unsere Verpflegungskisten in Traill absetzt“. Supermärkte sucht man auf Traill vergebens. Eine alte Trapperhütte dient den Wissenschaftlern als Koch- und Speiseraum und für Besprechungen. Vor den Beobachtungen steht in jedem Jahr der Bau des Zeltlagers, das die Forscher für sechs Wochen beziehen. Zwei Zäune werden aufgebaut: „Einer mit Knallpatronen und weiter innen ein Elektrozaun. Auch die Hütte ist mit einem Alarmzaun gesichert.

Mit Knallkörpern und Elektrozaun gegen Eisbären

Der Grund für die Sicherheitsvorkehrungen ist ein ungemütlicher Nachbar. „Normalerweise sind Eisbären scheu. Aber der Nachwuchs ist manchmal noch unerfahren und aufdringlich. 2010 musste die Expedition abgebrochen werden, weil ein Eisbär die Belagerung des Zeltplatzes nicht aufgeben wollte. „In diesem Jahr haben wir nur aus der Ferne Eisbären gesehen. Erst wenn die Forscher weg sind, trauen sich die Bären ans Lager und brechen in die Trapperhütte ein. „Wir vernageln alles, finden aber in jedem Jahr wieder ein zerstörtes Fenster“.

Nach Ankommen und Aufbauen kommt Angucken: Die Forscher verschaffen sich einen Überblick über die Wildtierpopulationen. Dazu suchen sie nach Lemmingnestern. Die kleinen Pflanzenfresser, die sich von Weiden und Blütenpflanzen wie der Silberwurz ernähren, bauen im Winter Nester unter dem Schnee. Das schützt vor der Kälte.

Es gab mal über 3 500 Lemmingnester im Beobachtungsgebiet auf Traill (also bis zu zwölf Lemminge pro Hektar). Seit dem Jahr 2000 haben die Forscher auch in „Peak“-Jahren nie mehr als 1000 gefunden. „Schuld ist der Klimawandel. Der Schnee liegt kürzer und die Lemminge können sich nicht mehr ausreichend lange  unter dem Schnee vor Fressfeinden verstecken“, fasst Johannes Lang die Forschungsergebnisse zusammen. „2013 und 2014 haben wir nur noch 25 Lemmingnester gefunden. Das bedeutet noch nicht, dass sie nicht wieder kommen. Aber die langfristige Entwicklung lässt die Lemmingpopulation in eine Depression stürzen“.

Das Problem bleibt aber nicht auf den Lemming beschränkt. Der Polarfuchs frisst Eier von auf dem Boden brütenden Vögeln, wie der Prachteiderente, wenn er keine Lemminge findet. Auch die Schneeeule brütet nur dann, wenn es genügend Lemminge gibt. „Wir haben in der ersten Projektphase von 1988 bis 2000 im Schnitt drei Eulenbrutpaare pro Jahr. Von 2001 bis 2014 im Schnitt nur noch 0,5. Um die Eulen steht es derzeit sehr schlecht.“ Sittler und Lang beobachten die arktische Tierwelt bei ihrer Auflösung. Was er anstelle der EU-Vertreter tun würde, die heute über neue Klimavereinbarungen verhandeln, sagt Johannes Lang: „Das ist nicht meine Aufgabe. Ich beobachte nur die Folgen des Klimawandels. Diese Beobachtungen sind aber eindeutig“.

von Tim Gabel

Zur Person
Der Mann der Hasen, Lemminge und Haselmäuse: Johannes Lang arbeitet seit über zehn Jahren freiberuflich als Wildbiologe und Säugetierkundler. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehörte in den letzten Jahren vor allem die systematische Erfassung von Säugetieren. Im Herbst ist er im Landkreis Marburg-Biedenkopf unterwegs, um Haselmäuse zu zählen. Außerdem bewertet er Bejagungskonzepte und Wildmanagementstrategien für deutsche Nationalparks. Seit über zehn Jahren ist er an dem Langzeitforschungsprojekt „Karupelv Valley Project“ beteiligt. Die Forscher beobachten die Populationszyklen von Lemmingen und ihren Fressfeinden in Grönland. Über das Institut für Tierökologie und Naturbildung buchen ihn auch Firmen, Kindergärten oder Schulen, damit er ihnen in Seminaren Wildtiere und die Natur näher bringt.
Voriger Artikel
Nächster Artikel