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Universeller Gelehrter der Romantik

August Wilhelm Schlegel Universeller Gelehrter der Romantik

Leben und Wirken des ­Romantikers August Wilhelm Schlegel (1767 bis 1845) stehen im Fokus der Schlegel-Biographie des Germanistik-Professors Jochen Strobel.

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In der Karikatur von 1803 wollen die Frühromantiker mit August Wilhelm Schlegel (siehe Bild links, 1800) in den Dichterhimmel gelangen.

Quelle: Alexander Englert, Ursula Edelmann/Freies Deutsches Hochstift

Marburg. „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“: Diesen berühmten Ausruf aus dem Monolog des Hamlet im gleichnamigen Drama von William Shakespeare verdankt die deutschsprachige Welt August Wilhelm Schlegel. Denn er hat Anfang des 19. Jahrhunderts einen Großteil der Werke Shakespeares vom mittelalterlichen Englischen ins Deutsche übersetzt und so Bühnenstücke der Weltliteratur wie „Ein Sommernachtstraum“, „Macbeth“ oder „Der Kaufmann von Venedig“ in Deutschland populär gemacht.

Das Besondere an diesen Übersetzungen ist, dass sie auch heutzutage rund 200 Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch als Standardwerke gelten. Schlegels Beharren auf Vers, Rhythmus und Reim sei der romantischen Suche nach den Ursprüngen geschuldet, meint Strobel. Dabei habe der Übersetzer stellenweise sogar mehr Gefühl für Klang und Rhythmus der Sprache bewiesen als der Urheber der Texte, lobt Strobel.

Vom streitbaren Kritiker in ­Jena zum verbiesterten Professoren in Bonn spannt sich die Bandbreite von Schlegels facettenreicher Biographie. In der Vielfältigkeit seiner beruflichen Lebensabschnitte sei August Wilhelm Schlegel ein Mensch gewesen, der auch ein Rollenmodell für Kulturschaffende der Gegenwart abgeben könne, meint der Marburger Forscher. Ungewöhnlich und heute wohl nicht mehr leistbar sei hingegen Schlegels „universelle Gelehrsamkeit“ gewesen. Zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Schlegel kam Strobel über seine Tätigkeit an der Universität Dresden, wo in der Staatsbibliothek der Schlegel-Nachlass unter anderem in Form von 5 000 Briefen lagert (Artikel unten).

Den unterschiedlichen Lebensetappen des Frühromantikers  spürt Strobel in seiner jetzt erschienen Schlegel-Biographie nach. In folgenden Rollen sieht Strobel August Wilhelm Schlegel: Zunächst als Aufklärer und Philologen, dann in chronologischer Reihenfolge als  Kritiker, Romantiker, Übersetzer, Literaturhistoriker, Erzieher, Kriegsbeobachter und Professor.

Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Friedrich war der Pfarrerssohn ab 1798 in Jena als Herausgeber der Zeitschrift „Athenäum“ einer der einflussreichsten Werber für die Literatur der Frühromantik in Jena. Diese sammelte sich rund um Novalis (Freiherr von Hardenberg) und Ludwig Tieck zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst vor allem im Umfeld der Universität Jena. Mit der damals neuen Form des literarischen Fragments – laut Strobel einer provokativen Verbindung von Polemik und Spekulation – hätten die Schlegels die romantische Literatur-Revolution eingeleitet, in einer Überbietungsgeste gegenüber der Weimarer Klassik (Goethe und Schiller). In einer Karikatur des Grafikers Gottfried Wilhelm Schadow aus dem Jahr 1803 mit dem Titel „Versuch, auf den Parnass zu gelangen“ (siehe Bild oben) wird das bunte Völkchen der Frühromantiker beim Versuch dargestellt, den ihnen verhassten Erfolgsdramatiker August von Kotzebue von seiner Wolke links oben aus dem Dichterhimmel zu vertreiben.

„Kunstrichterliche Sünden“

Anführer der Schar war der mit Kruzifix, Schwert und Pistole ­bewaffnete und als eitler Geck dargestellte August Wilhelm Schlegel. Der wegen seiner scharfen Kritikerzunge gefürchtete Schlegel trägt einen schweren Sack voller Bücher mit der Aufschrift „Kunstrichterliche Sünden“ hinter sich. Das Gebaren der Frühromantiker sei skandalös gewesen, genau wie ihre Texte, urteilt Strobel. Als Beispiel führt er Friedrich Schlegels Roman „Lucinde“ an, in dem er die Extreme einer freien, leidenschaftlichen und von bürgerlichen Zwängen gänzlich unbehelligten Liebe ausgelotet habe.

Doch trotz einiger Gedichte und eines auch in Weimar aufgeführten Dramas aus seiner Feder lasse sich August Wilhelm Schlegel nicht in die gängigen Raster des Romantikers einordnen, meint Jochen Strobel.

Schlegel verließ Jena 1801,   um drei Jahre lang in der preußischen Hauptstadt Berlin kurz vor der dortigen Hochschulgründung öffentliche und bezahlte Vorlesungen in Literaturgeschichte zu halten. Damit fungierte er auch als Pionier einer neuen Art der Wissensvermittlung. Aufgrund seiner jahrelangen Freundschaft mit der weltberühmten Französin und von ihm bewunderten Seelenverwandten Madame des Stael lebte er dann in deren Schloss Coppet am Genfer See zwischen 1804 und 1817 als Hauslehrer für ihre Kinder. Eine weitere schillernde Facette seines Lebensweges sei auch in dieser Zeitperiode die Rolle eines „Pressesprechers“ für den schwedischen König Jean Baptiste Bernadotte gewesen.

In der Rolle des publizistischen Helfers habe Schlegel eine Art Vorläufer der „Wikileaks“ betrieben. Um die napoleonfreundliche Stimmung ins Wanken zu bringen, stellte er eine kommentierte Flugschrift her. Erst spät, mit 51 Jahren, wurde Schlegel im Jahr 1818 Professor an der neu gegründeten Universität Bonn, wo er in der letzten Periode seines Lebens noch einmal 27 Jahre lang wirkte. In seinen Lehr­veranstaltungen habe er Themen aus der Philologie, Kunsttheorie und Geschichte verknüpft.

Damit habe er die Neigung der romantischen Wissenschaft zur Synthese verkörpert, urteilt Strobel. Und ganz nebenbei habe er noch eine neue Wissenschaft in Deutschland mitbegründet: die Indologie. Die unter Schlegels persönlicher Anleitung entstandenen Druckstempel zur besonders authentischen Darstellung der Sanskrit-Handschriften seien noch fast 100 Jahre in Gebrauch gewesen, würdigt der Marburger Indologe Professor Jürgen Hanneder diese weitere Pionierleistung Schlegels.

  • Jochen Strobel: August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit. Konrad Theiss Verlag. 200 Seiten, 24,95 Euro.

von Manfred Hitzeroth

Der Briefnachlass Schlegels geht online

Das Team um Professor ­Jochen Strobel ist zuständig für die Digitalisierung des Nachlasses von August Wilhelm Schlegel.

Die Aufbereitung des schriftlichen Nachlasses von August Wilhelm Schlegel für das Digitalzeitalter stellt aus Sicht von Professor Jochen Strobel zuallererst einen Service für die Forschung dar. Er leitet das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Verbundprojekt „Digitalisierung und elektronische Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels“. Seit 2010 liefen die Vorbereitungen für das Projekt, das im Jahr 2012 gestartet ist. Seit 2014 ist die digitale Edition in einer Beta-Version online. Wenn das Projekt weiter gefördert wird, dann werden bis Frühjahr 2020 insgesamt eine Million Euro von der DFG allein an die Philipps-Universität Marburg geflossen sein.

Ziel ist es, bis zum Projekt­ende rund 5 000 Briefe des Frühromantikers auf einer Internet-Plattform veröffentlicht zu haben. Spannend an den Briefen findet Strobel, welche Themen die in ihren stillen Kämmerlein sitzenden Romantiker in ihren Briefen angesprochen hätten. In einer ersten Auswertung unterscheidet der Professor drei Kategorien: Einerseits die Geschäftsbriefe, in denen sie sich als nüchterne Rechner erwiesen hätten. Andererseits die „Familienbriefe“, in denen vor allem die mit Schlegel ­korrespondierenden Frauen ­neben Klatsch auch viele über soziale Beziehungen und Karrierefragen geschrieben hätten. Und zuguterletzt die Briefe Schlegels  an Uni-Bürokraten – beginnend mit schroffen dienstlichen Vereinbarungen und in einem Prozess der Vertrauensbildung ­endend mit freundschaftlichen geschmeidigeren Briefen. Das Projekt führt die gesamte Korrespondenz Schlegels, die zum Teil gedruckt, aber zum Teil bislang jedoch nur handschriftlich überliefert ist, in einer digitalen Edition zusammen. Zu jedem Brief soll ein Höchstmaß an Information geboten werden.

Ausstellung in Frankfurt

Im Unterschied zu den bislang erschienenen Romantiker-Briefeditionen wird zum ersten Mal ein größeres Briefkorpus ausschließlich als digitale Edition aufbereitet und ist frei zugänglich. Das Projekt soll auch am Standardisierungsprozess für digitale Editionen mitwirken. Das Marburger Team ist eng mit Projektpartnern in Trier und Dresden vernetzt sowie mit weiteren Pionieren der „Digital Humanities“.

Neben der von Strobel verfassten und jetzt vorgelegten Biographie gibt es ein weiteres Nebenprodukt der Marburger Forschungen: eine Wanderausstellung, die zunächst noch bis zum 12. November im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt zu sehen ist.

„Dort ist der ganze Schlegel zu sehen, wie wir ihn erforschen“, erklärt Dr. Claudia Bamberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Strobel, die die Ausstellung zusammen mit Frau Dr. Cornelia Ilbrig vom Freien Deutschen Hochstift kuratiert hat. Gezeigt werden schriftliche Quellen zu Leben und Werk von August Wilhelm Schlegel. So solle demonstriert werden, wie vielseitig sein Schaffen gewesen sei.

In einer mithilfe vom ­Trierer Center for Digital Humanities erstellten Multimedia-Station wird visuell verdeutlicht, wie weit verzweigt Schlegels europaweites Brief-Netzwerk war.

von Manfred Hitzeroth

Das Schlegel-Team (von links): Josua Lenz, Christian Senf, Dr. Olivia Varwig, Dr. Claudia Bamberg, Professor Jochen Strobel, Madelaine Stahl, Bianca Müller, Hannah Süßelbeck. Foto: Manfred Hitzeroth
 
Der Romantiker

„Die Romantik hat gesiegt“, konstatiert Professor Jochen Strobel in seiner Schlegel-Biographie. Denn Begriffe wie Sehnsucht, Liebe und Phantasie, aber auch Konzepte einer neuen Mythologie hätten die Tugendpredigten des 18. Jahrhunderts und sogar dem Humanitätsideal der Weimarer Klassik ein wenig den Rang abgelaufen. „Vom Romantik-Hotel über den Horrorfilm bis zum Mittelalterfest begegnet die Romantik uns heute in neuen Gewändern, aber unverkennbar als Erbin der Schlegel-Zeit“, bilanziert der Germanist.

Wenig davon lasse sich allerdings direkt auf August Wilhelm Schlegel beziehen. „Er war nicht selbst Magier, er vermittelte die Magie vergangener Zeiten, zog sie ins Diesseits herüber“, meint Strobel. Insgesamt sei er der Anstifter einer geistigen Revolution und gewissenhafter Verfasser einflussreicher Bücher gewesen. Als Mensch bleibe er aber rätselhaft. Das gelte besonders für sein Privatleben, in dem er trotz zweier Ehen ein „Phantast der romantischen Liebe“ geblieben sei. In der Nachwelt wurde kein besonders positives Bild von Schlegel gezeichnet, unter anderem von dem Dichter Heinrich Heine, seinem einstigen Studenten. Dieser bezeichnete Schlegel als künstlerisch impotent und wissenschaftlich dilettantisch. In Ricarda Huchs literaturgeschichtlichem Standardwerk über die Romantik wird Schlegel als eher dröger Gelehrter bezeichnet.

 
Zur Person
Professor Jochen Strobel (51, Foto: Manfred Hitzeroth) wurde in Münchberg (Oberfranken) geboren. Er studierte von 1986 bis 1992 Germanistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitete im Anschluss unter anderem für den Buchverlag C.H. Beck. 1997 folgte seine Dissertation über das „Deutschlandbild im Werk Thomas Manns“ an der Universität Dresden. Seit 2006 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere Deutsche Literatur der Uni Marburg, wo er sich 2008 habilitierte. Seine Forschungsschwerpunkte sind die digitalen Geisteswissenschaften sowie die Leseforschung und die Themen Romantik und Briefwechsel.
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