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Tradition der Heilpflanzen neu belebt

Forschung Marburg: Arzneipflanzen Tradition der Heilpflanzen neu belebt

Die Analyse historischer Traditionen von Heilpflanzen soll in einem Marburger Forschungsprojekt dazu dienen, Hinweise auf Inhaltsstoffe zur Entwicklung moderner Arzneimittel zu ermitteln.

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Die Verwendung unter anderem von Weizen als Heilmittel steht im Mittelpunkt des Interesses von Marburger Forschern.

Quelle: dpa

Marburg. Vom Tausendgüldenkraut über den Breitwe­gerich bis hin zur Myrte reicht die Palette traditioneller Heilpflanzen, deren potenzielle Eignung als moderne Heilmittel Marburger Forscher aus der Pharmaziegeschichte untersucht haben. So hat Dr. Marina Franziska Bisping in ihrer Doktorarbeit die Getreidepflanzen Dinkel und Weizen in ihrer Funktion als traditionelle, bereits seit 300 Jahren verwendete Heilpflanzen erforscht.

Laut ihrer Studie sind beide Getreidearten sowohl als heilendes Nahrungsmittel als auch als Medizinalpflanze mit einem vermutlich enormen Wirkpotenzial anzusehen. So wurde Weizen jahrhundertelang 
bei Magen-Darm-Erkrankungen und zur Wundbehandlung genutzt. Voraussetzung für die optimale Wirkung sei allerdings, dass dabei alte, nicht züchterisch veränderte Sorten verwendet werden.

Dr. Johannes Müller hat in seiner Dissertation acht bereits 
im Mittelalter im arabischen Raum als Wundbehandlungsmittel eingesetzte Pflanzen in den Blick genommen wie Myrrhe, Bockshornklee oder Koriander. Darunter ist auch der Granatapfel, dessen Saft heute noch gerne getrunken wird und dessen Kerne wegen ihrer anti‑
oxidativen Wirkung auch in Mitteleuropa Bestandteile von Nahrungsergänzungsmitteln sind. Aber ebenso die entzündungshemmende und antiallergische Wirkung der Fruchtschalen sowie der Blätter und Blüten des Granatapfelstrauchs bei innerlicher Anwendung ist laut Müller über die Jahrhunderte eindeutig nachweisbar.

So sieht der Forscher den Granatapfel einerseits als verheißungsvollen Kandidaten für Krebsprävention und -therapie. Andererseits könne Granatapfel auch preisgünstige Alternativen zur Behandlung von Durchfallerkrankungen der Malaria bieten. Auch das Lebensmittel Bienenhonig ist wegen seiner über die Jahrhunderte beobachteten wundheilenden Wirkung in den Fokus der Wissenschaftler gerückt und gilt mittlerweile wieder als Hoffnungsstoff der Medizin.

Forschritte in der Chemie halfen

„Viele Konzepte und Behandlungsmethoden, die in der Geschichte der Wundbehandlung als Innovation gefeiert wurden, gab es in dieser oder ähnlicher Weise schon Jahrhunderte oder Jahrtausende zuvor“, meint Müller. Er weist jedoch auch darauf hin, dass nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Unbedenklichkeit und ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis pflanzlicher Arzneimittel durch klinische Studien sichergestellt werden sollten.

Meistens wurden die ganzen Pflanzen oder daraus zubereitete Extrakte als Heilmittel verwendet, erläutert der Pharmaziehistoriker Professor Christoph Friedrich im Gespräch mit der OP. Seit dem 19. Jahrhundert seien aber auch Einzelstoffe wie Alkaloide oder Glykoside aus Pflanzenteilen für die Zubereitung von Medikamenten genutzt worden.

„Im 20. Jahrhundert ging die Pharmazie dann den Weg zu den Reinstoffen, überwiegend synthetisierten Stoffen“, macht Friedrich deutlich. Der Erkenntniszuwachs in der Chemie habe dazu geführt, dass eine Fülle von wirksamen Inhaltsstoffen aus Arzneipflanzen isoliert wurden, etwa die Alkaloide Chinin, Morphin oder Atropin. Der Vorteil der chemischen Arzneistoffe sei vor allem die genauere Dosierungsmöglichkeit gewesen. „Man hat die Pflanzen dann mehr oder weniger vergessen“, erklärt Friedrich.

Aber bei den Arzneipflanzen habe es viele hochpotente Arzneistoffe gegeben, in denen Friedrich einen riesigen Fundus für die Entwicklung neuer hochwirksamer Therapeutika sieht. So habe eine Pflanze mit ihrem Gemisch aus Inhaltsstoffen oftmals eine bessere therapeutische Wirkung als die einzelnen durch chemische Methoden gewonnenen Reinstoffe aufzuweisen.

Chinesische Forscherin
 erhielt Nobelpreis

Zusammen mit Professorin Sabine Anagnostou hat er am Institut für Pharmaziegeschichte ein Forschungskonzept entwickelt, das aus der Analyse historischer Heilpflanzen heute wirksame Inhaltsstoffe ermitteln soll ( siehe hier). Am Anfang steht eine pharmaziehistorische Analyse, die anhand von alten Schriften ab dem Mittelalter einen detaillierten Nachweis der Verwendung und Wirkung der Arzneipflanzen im Laufe der Jahrhunderte erbringt ( siehe hier). Pflanzen, die sich daraufhin als geeignete Kandidaten ergeben haben, werden für die gezielte Untersuchung von Inhaltsstoffen und die Entwicklung von Arzneimitteln vorgeschlagen.

Dabei setzen Friedrich und Anagnostou auf die Hilfe von Experten aus der Pharmazeutischen Biologie, Pharmazeutischen Chemie, Pharmazeutischen Technologie und der Pharmakologie. „Im Idealfall kann die gesamte präklinische Forschung zur Entwicklung eines neuen Arzneimittels am Fachbereich Pharmazie durchgeführt werden“, so Friedrich. International ist die Forschungsrichtung äußerst erfolgreich. So erhielt die chinesische Pharmazeutin Tu Youyou 2015 den Medizin-Nobelpreis für die 1971 erfolgte Isolierung eines Wirkstoffgemischs aus der traditionellen chinesischen Heilpflanze „Artemisia annua“. Daraus wurde 1973 ein Derivat synthetisiert, das sich in als wirksames neues Malariaheilmittel erwies.

  • Unter dem Titel „Potenziale historischer Arzneipflanzenforschung“ werden auf einem Symposium am Donnerstag, 29. Juni, von 13.30 bis 18.30 Uhr im Institut für Geschichte der Pharmazie, Roter Graben 10, die Ergebnisse von in Marburg entstandenen Doktorarbeiten zum Thema vorgestellt.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person
Professor Christoph Friedrich (63) stammt aus Salzwedel/Altmark. Von 1974 bis 1979 studierte er Pharmazie an der Universität Greifswald. Auch sein anschließendes Studium der Geschichtswissenschaften an derselben Hochschule schloss er mit dem Diplom ab. Nach der Promotion im Jahr 1983 mit einer pharmaziehistorischen Arbeit erfolgte 1987 seine Habilitation für Geschichte der Pharmazie. Ab 1992 war Friedrich Professor und Leiter der Abteilung für Geschichte der Pharmazie an der Uni Greifswald. Seit dem Jahr 2000 ist er Professor für Geschichte der Pharmazie an der Universität Marburg und Direktor des einzigen Instituts für Geschichte der Pharmazie. Er war von 2005 bis 2007 Dekan des Fachbereichs Pharmazie an der Uni Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Geschichte der Pharmazie vom 18. bis 20. Jahrhundert, die Pharmazie in der NS-Zeit und der DDR und die Kulturgeschichte.
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Forschung Marburg: Arzneipflanzen
Titelblatt der vierten Auflage des „Neuen Kräuterbuchs“ von Jacobus Theodorus von 1731. Foto: Institut für Pharmaziegeschichte

Ein wichtiges Recherchemittel für die Pharmaziehistoriker sind die historischen Bücher mit detaillierten Pflanzenbeschreibungen, die sich zum Großteil in der Bibliothek des Marburger Instituts befinden.

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