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"So viele Stunden, wie ein Vollzeitjob"

Forschung Marburg: Internetsucht "So viele Stunden, wie ein Vollzeitjob"

Marburger Forscher sind auf dem relativ jungen Gebiet der Erforschung von „Internetnutzungsstörungen“ sehr aktiv. Zwei Studien haben in den vergangenen Jahren erste Aufschlüsse über Möglichkeiten von Diagnostik und Therapie gegeben.

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Online spielen bis zur Aufgabe der eigenen realen Identität: Studienteilnehmer spielten bis zu 40 Stunden pro Woche.

Quelle: Archivfoto: Julian Stratenschulte dpa/lhe

Marburg. Dr. Antonia Barke hat in ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Göttingen die deutsche Version eines Diagnostik­fragebogens der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft zur Internetspiele-Störung evaluiert. An der Befragung haben sich rund 900 Studierende der Universität Göttingen beteiligt. „Der Fragebogen ist in sich schlüssig und geeignet, um erste Schlussfolgerungen über problematisches Nutzungsverhalten zu ziehen. Er ist allerdings nur ein Baustein. Eine seriöse Diagnostik beinhaltet natürlich immer das Gespräch zwischen Therapeut und Betroffenen.“

Durch die Befragung konnte Antonia Barke erste Erkenntnisse darüber gewinnen, wie viel Zeit Studierende im Internet verbringen. Die Befragten gaben an, dass sie sich pro Woche etwa 17 Stunden zu privaten Zwecken im Internet aufhalten. In einer anderen Interneterhebung befragte sie mehr als 930 Online-Spieler (interessanterweise waren 80 Prozent der Teilnehmer männlich). Die Spieler, die befragt wurden, waren im Durchschnitt 22 Stunden pro Woche online (die Zahl bezieht sich auf alle Spieler, nicht nur die Süchtigen) – immerhin schon mehr als ein Halbtagsjob. „Die Variationsbreite war allerdings enorm“, sagt Barke. „Ein ,harter Kern‘ von rund neun Prozent der Befragten spielte pro Woche 40 Stunden. Also ein Ganztagsjob“.

In einer Übersichtsstudie, Metaanalyse genannt, aus dem Jahr 2013 haben die beiden Marburger Doktoranden Beate Dörsing und Alexander Winkler die Ergebnisse der internationalen Studienlage zur Internetabhängigkeit zusammengefasst. Die Studie erschien in der „Clinical Psychology Review“ und umfasste die bis dahin relativ dürftige Studienlage von 16 Studien und insgesamt 670 Probanden. Anzeichen gibt es dafür, dass eine individuelle Behandlung erfolgreicher ist, als eine Gruppentherapie und dass die Behandlungserfolge bei weiblichen und älteren Teilnehmern größer sind. „Die Internetsucht wird weltweit mehr und mehr als eigene Störung angesehen“, so Beate Dörsing. Allerdings zeigt die Übersichtsarbeit, dass es noch „keine einheitlichen Diagnose- und Behandlungskriterien für die Internetsucht gibt“.

Bin ich betroffen?

Die Internetabhängigkeit ist im Gegensatz zur Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit keine Substanzsucht, sondern eine Verhaltenssucht.

Dass auch ein bestimmtes Verhalten süchtig machen kann, kennt man schon von der Spielsucht oder der Sexsucht. Die Kriterien, anhand derer man eine Sucht definiert, sind aber bei allen Formen der Abhängigkeit ähnlich.
Die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft hat 2012 erstmals Kriterien für eine „Internetnutzungsstörung“ als Forschungsdiagnose herausgegeben. Also Kriterien, die noch besser untersucht werden müssen, aber die auf eine Internetsucht hinweisen:

  • Intensive Beschäftigung mit dem Internet.
  • Entzugserscheinungen bei der Verhinderung der Internetnutzung.
  • Toleranz, d.h. eine immer längere Nutzungsdauer, um ein Hochgefühl zu erleben.
  • Erfolglose Versuche, die Internetnutzung zu kontrollieren.
  • Trotz Kenntnis psychosozialer Probleme weiter übermäßige Internetnutzung.
  • Verlust anderer Interessen.
  • Internetnutzung, um schlechter Stimmung zu entkommen oder sie zu verbessern.
  • Beschwindeln der Mitmenschen über die Dauer der eigenen Internetnutzung.
  • Verlust oder drohender Verlust einer bedeutenden Bildungs- oder Karrierechance oder einer Beziehung.

Hilfe und Kontakt

Menschen, die befürchten oder das Gefühl haben, dass ihnen ihr intensiver Internetkonsum nicht gut tut und bislang erfolglos versucht haben, die Internetnutzung zu kontrollieren, können sich an folgende Einrichtungen wenden, um Hilfe und Ansprechpartner zu bekommen:

von Tim Gabel

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Wenn das Spiel zur Sucht wird

Die Marburger Psychologin Antonia Barke forscht in der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie am neuen Phänomen der „Internetsucht“, unter der rund ein Prozent der Deutschen leiden.

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