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Sexuelle Gewalt gibt es auch in Lagern

Forschung Marburg Sexuelle Gewalt gibt es auch in Lagern

Bedingungen, Ausmaß und Formen von sexueller Gewalt an Frauen in Flüchtlingslagern untersuchen zwei Marburger Forscherinnen in einem auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekt.

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Leiterinnen von Frauengruppen nehmen an einem Workshop mit dem Titel „Der Wechsel beginnt zuhause“ teil.

Quelle: Privatfoto

Nach dem Krieg ist die Gewalt für viele Frauen noch längst nicht vorbei. Denn sehr oft sind sie sexuellen Übergriffen durch Männer nicht nur in Kriegen oder Bürgerkriegen ausgesetzt, sondern auch noch lange danach – während ihrer Flucht oder in den Flüchtlingslagern, wo sie eigentlich geschützt sein sollten. Statt der Gegner wie in Kriegssituationen sind für die sexuelle Gewalt dann allerdings vorwiegend Männer der eigenen Seite verantwortlich.

Massiv ist dieses Problem auch für Frauen und junge Mädchen aus dem Kongo, die in einem Flüchtlingslager in Uganda untergebracht sind. Für sie ist sexuelle Gewalt etwas Alltägliches, berichtet die Marburger Konfliktforscherin Dr. Ulrike Krause, die Anfang des Jahres drei Monate lang für die Feldforschung in dem Lager in Kyaka war.

Viele dieser Frauen mussten im Kongo bereits vorher unter Massenvergewaltigungen leiden. „Die sexuelle Gewalt setzt sich fort“, erläuterte Krause – beispielsweise bereits auf der oft mehrwöchigen Flucht. So gebe es das Phänomen, dass LKW-Fahrer von Frauen für Mitfahrgelegenheiten Sex verlangen. Aber auch Mitflüchtlinge würden zu Tätern werden.

Schließlich folge dann die Zeit im Lager, die wegen der unsicheren Situation im Heimatland bis zu mehreren Jahrzehnten dauern könne. Dort gebe es Vergewaltigungen in der Ehe, aber auch sexuelle Übergriffe auf Frauen auf den Schulwegen, an Wasserstellen oder an „Meeting Points“ (Treffpunkten).

Dass diese Lager weltweit nur bedingt Schutz vor sexuellem Missbrauch bieten, wird seit einigen Jahren in einer Reihe von Studien berichtet. Zudem haben mehrere Flüchtlings- und Hilfsorganisationen erkannt, dass Mädchen und Frauen auch in Flüchtlingslagern zur Zielscheibe sexueller Gewalt werden können. Doch trotz einer Vielzahl von Hilfsprogrammen gebe es weiterhin vermehrte Übergriffe, berichtet Krause.

Woher kommt die Gewalt?

Die Konfliktforscherin Professorin Susanne Buckley-Zistel hat das Forschungsvorhaben initiiert, das von der Stiftung Deutsche Friedensforschung mit 170 000 Euro gefördert wird. Sie stieß bereits 2008 auf das Thema, als sie im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit Interviews in einem Vertriebenen-Lager in Uganda machte. Auch Ulrike Krause hat Vorerfahrungen bei Feldstudien in Uganda. Besonders drei Fragen wollen Buckley-Zistel und Krause auf den Grund gehen:

  • Wie wirkt sich der begrenzte soziale Raum der Flüchtlingslager auf die Geschlechterbeziehungen zwischen den Flüchtlingen aus?
  • Welche Auswirkungen haben die Erfahrungen von Kriegsgewalt?
  • Führt die Begrenztheit des Raums zu einem Anstieg der sexualisierten Gewalt an Frauen?

Die Forscherinnen wollen insbesondere überprüfen, ob und wie die besonderen Umstände des völlig neuen Alltags in den Lagern sexuelle Übergriffe fördern könnten. Demzufolge komme es in diesen Lagern zu einer Änderung der traditionellen Geschlechterrollen, in denen Männer ursprünglich die Entscheidungsträger in Familien darstellen.

Viele Männer fühlen sich überfordert

In Flüchtlingslagern erhalten die Frauen in ihren Familienzusammenhängen mehr Macht und Einfluss und teilweise bevorzugten Zugang zu Unterstützung durch Hilfsorganisationen. Im Gegensatz zu diesem Statusgewinn der Frauen hätten die Männer nicht mehr wie vorher die klassische Rolle des Haushalts-Vorstands inne, der mit seiner Arbeit das Geld verdient.

Diese „soziale Entmännlichung der Männer“ könne einhergehend mit dem Machtverlust in den Camps zu vermehrter Gewalt gegen Frauen führen, fasst Buckley-Zistel zusammen. Noch liegen keine endgültigen Ergebnisse des Forschungsvorhabens vor, das von September 2013 bis August 2015 gefördert wird. Jedoch zieht Krause bereits ein erstes Zwischenfazit, das diese Annahmen bestätigt.

„Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen verändern sich“, erläutert die Forscherin. Und der Statusverlust führe bei vielen Männern zur Flucht in Drogen- oder Alkoholkonsum. Andererseits seien viele der Frauen mit ihrer neuen Rolle auch überfordert.

von Manfred Hitzeroth

 
Zur Person
Professorin Susanne Buckley-Zistel (45, links) ist seit 2009 Professorin für Friedens- und Konfliktforschung an der Marburger Universität. Sie ist außerdem geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Konfliktforschung. Sie studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Mannheim und Kent und promovierte an der London School of Economics. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Themen „Innerstaatliche Konflikte“, „Entwicklungszusammenarbeit“ sowie „Transitional Justice“ und Vergangenheitsarbeit“.
Dr. Ulrike Krause (31, rechts) ist seit September 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Genderbeziehungen im begrenzten Raum, Bedingungen, Ausmaß und Formen sexueller Gewalt in kriegsbedingten Flüchtlingslagern“ am Zentrum für Konfliktforschung der Uni Marburg. Nach ihrem Bachelor-Studium der Europäischen Geschichte von 2004 bis 2006 an der Universität Mannheim schloss sie von 2006 bis 2008 ein Masterstudium in Friedens- und Konfliktforschung an. Die Konfliktforscherin war vor dem Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere unter anderem Beraterin im Menschenrechtsprogramm der GIZ sowie Gutachterin für Unicef.
 Fotos: Manfred Hitzeroth
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Interviews im Lager in Uganda

Das Forschungsprojekt zur sexuellen Gewalt in Flüchtlingslagern wird anhand einer Fallstudie in ­einem Lager in Uganda durchgeführt.

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