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Schlechte Aussichten

Syrische Flüchtlinge im Libanon Schlechte Aussichten

Vor dem syrischen Flüchtlingsdrama hat der Libanon 4,5 Millionen Einwohner gehabt. 1,1 Millionen Syrer kamen dazu. Die Marburger Forscherin Susanne Schmelter ist vor Ort und beschreibt arrangiertes Chaos. Sie fordert mehr Hilfe aus dem Westen.

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Schnee statt Sand: Syrische Flüchtligne müssen in ihrer Zeltstadt im Bekaa-Tal derzeit mit einer bislang relativ unbekannten Materie umgehen: Schnee. Die einsetzende Kältephase bedeutet für hunderttausende vor dem Krieg geflohene Menschen zusätzliches Leid in einer angespannten Situation.

Quelle: Lucie Parsaghian

Marburg. Jetzt hat auch noch ein heftiger Wintersturm die Menschen getroffen. Als müssten die syrischen Flüchtlinge im Libanon nicht schon genug leiden, haben sie seit vergangener Woche auch gegen Frost und Schnee zu kämpfen. Der Sturm  „Zina“ fegt derzeit über den Nahen Osten und überzieht höher gelegene Regionen mit einer dicken weißen Schicht.

„Schneit es noch?“, frage ich Susanne Schmelter, als wir nach einigen erfolglosen Versuchen per Skype endlich mit dem Handy Kontakt zwischen ihrer Heimatstadt Marburg und dem rund 2900 Kilometer entfernten Beirut im Libanon hergestellt haben. „Für Morgen ist wieder ein neuer Schneesturm angekündigt.“

Ein PDF mit den Flüchtlingsbewegungen finden sie hier:

05 - Karte 267,22 kB

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Ein ziemlich untypisches Wetter sei das für den Libanon. Schnee gebe es manchmal. Aber diese Stürme, sie kommen zur Unzeit. Bilder auf arabischen TV-Kanälen zeigen frierende Flüchtlinge, die in der libanesischen Bekaa-Hochebene durch Schnee stapfen. Manche tragen nur Sandalen.

Der aktuelle Bericht des Flüchtlingshilfswerks UNHCR zeichnet eine dramatische Lage für den Libanon: Das Land mit rund sechs Millionen Einwohnern ist ohnehin klein. Die Zersplitterung in verschiedene Religionsgruppen sorgt für ein labiles politisches Gleichgewicht, das durch die Massenflucht bedroht wird.

Immer wieder schwappt die Gewalt aus Syrien über die Grenze. In einigen Grenzstädten gab es schon Übergriffe von Extremisten der Nusra-Front und des Islamischen Staates.

Im Dezember wurde das Hilfsgeld knapp

Susanne Schmelter ist zum wiederholten Mal im Libanon. Bei ihrem Aufenthalt im letzten Jahr hat sie mit den Recherchen zu ihrer Promotion begonnen. Die Marburger Friedens- und Konfliktforscherin will die unterschiedlichen Hilfs- und Schutzkonzepte für syrische Flüchtlinge in einem Konflikt untersuchen, in dem inzwischen viele unterschiedliche Hilfsorganisationen und vor allem verschiedenste Nationen operieren (siehe Grafik).

Sie kämpfen alle gemeinsam dafür, dass die Menschen mit dem Nötigsten versorgt sind, weil es an Ressourcen fehlt. So konnte das Welternährungsprogramm Anfang Dezember keine Lebensmittelgutscheine mehr an die Flüchtlinge verteilen, weil das Geld dafür fehlte – internationale Geber hatten ihre Spendenzusagen nicht eingehalten. Erst ein lauter Hilferuf spülte rund 65 Millionen Euro in die Kassen, um die leidenden Menschen zu versorgen. „Die Situation der Flüchtlinge vor Ort ist sehr unterschiedlich“, sagt Susanne Schmelter.

Sie selbst lebt in der Hauptstadt Beirut, hat die Camp-Siedlungen in der Bekaa-Ebene aber schon besucht. „Da sind einfache Baracken oder Zelte, die die Flüchtlinge selbst aufgebaut haben. Hilfsorganisationen bringen das Nötigste.Manche haben einen sparsam heizenden Ofen. Es leben dort sehr viele Kinder und manche Familien sind schon viele Monate dort.“ Die meisten Flüchtlinge suchen sich Unterschlupf, wo immer sie welchen finden: in leeren Häusern, Garagen, Zelten.  Viele lebten unter „fürchterlichen Bedingungen“, sagte UNHCR-Sprecher Ron Redmond bei einer Pressekonferenz kürzlich. „Manche Bauern vermieten Parzellen auf ihren Ackern, die sich Flüchtlinge dann mieten können“, weiß Schmelter.

„Überreguliertes Asylsystem in Deutschland“

Der erste Eindruck nach ihren Recherchen:  „Die unbürokratische, oft auch unorganisierte Hilfe libanesischer und syrischer Initiativen, die ohne staatliche Regie auskommen müssen, weckt viele Kräfte und kreative Strategien um mit der Situation umzugehen.“ Positiv sei auch die Möglichkeit für Flüchtlinge sich frei im Land zu bewegen und einer Arbeit nachzugehen. „Manchmal kommt es mir dann so vor, als ob wir mit unserem überregulierten Asylsystem in Deutschland die Menschen, die zu uns kommen eher demobilisieren und ihnen damit die Möglichkeit zu einer selbstorganisierten Integration wegnehmen.“

Die andere Seite der Medaille: Das fehlende Gesamtkonzept im Libanon führe dazu, dass viele, die sich nicht selber helfen können und kein Geld oder Familie im Libanon haben, oft perspektivlos in bitterer Armut leben, so Schmelter.

Viele Libanesen waren einst selber Flüchtlinge

Im vierten Jahr des Konfliktes beraten die humanitären Organisationen nun, wie sie ihre Arbeit mehr von Notfallversorgung hin zu längerfristig angelegten Entwicklungsprojekten orientieren können. Es sollen Zukunftsperspektiven für die Flüchtlinge in ihren Zufluchtsländern entstehen. „Dabei wird in nationale Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Bildung und ökonomische Entwicklung investiert“, so Schmelter.

Staatliche Institutionen und vor allem die lokale Ebene der Kommunen sollen unterstützt werden. Dies soll die Aufnahmekapazitäten des Landes stärken und Konflikte zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung mindern.
Deren Aufnahmebereitschaft sei in den vergangenen Jahren immens groß gewesen.

Teilweise liege das an Verwandtschaftsbeziehungen und politischen Allianzen über die Grenze hinweg sowie daran, dass viele Libanesen im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 selbst schon einmal Zuflucht in Syrien gefunden hatten: „Die gesellschaftlichen Spannungen nehmen allerdings mit der Konkurrenz auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt stark zu. Auch die Wirtschaft ist durch den Krieg in Syrien stark beeinträchtigt.“

Besonders in weniger gut bezahlten Jobs kommt Konkurrenz auf. Syrische Flüchtlinge sind gezwungen, für Hungerlöhne zu arbeiten. Umgekehrt spüren viele Flüchtlinge, dass sie bei der Arbeitssuche zunehmend Diskriminierung ausgesetzt sind. Krankenhäuser sind überfüllt, Schulen arbeiten in einem Zwei-Schicht-System und Strom und Wasser werden knapp, berichtet Schmelter. Solidarität hat ihre Grenzen.

Zynische Forderungen des Westens

Seit dem 5. Januar hat die Regierung des Libanon darauf reagiert und eine Visumspflicht für Syrer eingeführt. Konnten diese bislang frei in das Land einreisen und auch Arbeitsverträge abschließen, soll das in Zukunft nur noch mit Visa möglich sein. „Viele Syrer, mit denen ich in Beirut gesprochen haben, haben jetzt Angst, dass sie nicht mehr arbeiten dürfen oder im schlimmsten Fall abgeschoben werden“, sagt Schmelter.

Dem kleinen Libanon zuzurufen „Haltet Eure Grenzen auf!“ und gleichzeitig die europäischen Grenzen zu schließen, sei zynisch. Die EU habe insgesamt weniger als 40 000  Aufnahmeplätze für syrische Flüchtlinge bereitgestellt. Diese Zahl müsse signifikant erhöht werden und dabei solle man auch den Libanon spürbar entlasten.

Viele der Flüchtlingskinder gehen derzeit gar nicht zur Schule, sondern arbeiten, um die Familien mit durchzubringen. Sollte der Bürgerkrieg noch lange dauern, wächst eine neue Generation von Syrern ohne Bildung heran – die Saat für weitere Unruhe in der Region.

von Tim Gabel

Zur Person

Susanne Schmelter (31) war schon früh an anderen Kulturen interessiert. Am „Indian Institute of Youth Welfare“ in Nagpur (Indien) machte sie nach dem Abitur ein Praktikum und betreute Projekte, die sich an Frauen richteten. Sie studierte in Marburg und Montpellier Kulturwissenschaften, Friedens- und Konfliktforschung und Arabisch. Ein Aufenthalt in Jerusalem im „International Peace and Cooperation Center“, bei dem sie sich mit den Auswirkungen des Mauerbaus auf die Stadt beschäftigte, weckte ihr Interessen an der arabischen Sprache und der Kultur.

Für Recherchen zu ihrer Masterarbeit war sie ab Oktober 2009 ein halbes Jahr in Damaskus, um dort das Leben von jungen akademischen Irakern zu erforschen, die während des Irakkriegs nach Syrien geflohen waren.
Damals konnte Schmelter noch nicht ahnen, dass sich knapp zwei Jahre später der Flüchtlingsstrom komplett umgekehrt haben sollte.

Seit Januar 2014 ist sie zu Feldforschungen im Libanon. Diesmal, um die Situation der syrischen Flüchtlinge in ihrem Hauptaufnahmeland zu untersuchen. Susanne Schmelter war von 2006 bis 2008 Vorsitzende des AStA in Marburg.

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  • Susanne Schmelter war von 2006 bis 2008 Vorsitzende des AStA in Marburg.
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