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Nicht gleich alles durcheinander!

Wechselwirkung von Medikamenten Nicht gleich alles durcheinander!

Alte Patienten haben oft diverse Erkrankungen gleichzeitig: Diabetes, Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte erfordern die Gabe von vielen Arzneimitteln. Die erforschten Risiken sind jetzt übersichtlich zusammengetragen.

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Die Zahlen finden die beiden Hausärzte Uwe Hüttner und Alexander Liesenfeld erschreckend: Mehr als 4 Prozent der Patienten über 65 – die in Deutschland in ein Krankenhaus aufgenommen werden – sind nur dort, weil unerwünschte Wechsel- oder Nebenwirkungen ihrer Medikamente aufgetreten sind. Die Zahlen wurden schon vor mehr als 10 Jahren erhoben, geändert hat sich nichts. Im Schnitt kostet einer dieser Patienten die Kliniken mehrere tausend Euro.
Liesenfeld und Hüttner engagieren sich seit Jahren in der  „Hausärztlichen Leitliniengruppe Hessen“. Experten aus Praxis und Forschung kommen hier zusammen um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und ihre Praxiserfahrungen zu medizinischen Leitlinien zusammenzufassen.

Projekt entstand in der Freizeit

In ihrer 2012 erschienenen Leitlinie „Multimedikation“ haben sie Ärzten und Patienten eine Anleitung für Diagnostik, Beratung und Therapie an die Hand gegeben, die über die Fallstricke bei der Behandlung mit mehreren Medikamenten aufklärt. „Ein häufig missachtetes Risiko ist noch immer, dass Patienten die schon drei oder mehr Medikamente bekommen, dringend mit ihrem Arzt sprechen müssen, bevor sie sich in der Apotheke Aspirin oder Thomapyrin gegen Kopfschmerzen kaufen“, sagt Alexander Liesenfeld.

Bessere Absprachen

Patienten mit einer Herzmuskelschwäche etwa würden ACE-Hemmer einnehmen, deren Wirkung durch Diclophenac – dem Wirkstoff in Thomapyrin – deutlich abgeschwächt würde. „Das kann sehr gefährlich werden“, betont Liesenfeld.
Die Leitlinie geht aber über die reine Zusammenfassung risikobehafteter Wechselwirkungen einzelner Medikamente hinaus. 
Nach Feierabend und am Wochenende haben die Ärzte recherchiert und an sich selbst beobachtet, wie Absprachen über Medikamente zwischen Haus- und Fachärzten zu verbessern sind,  welche wichtige Fragen man im Patientengespräch stellen muss oder wie der Schriftverkehr zwischen Klinik und Hausarzt ablaufen sollte, wenn ein Patient nach einer stationären Therapie wieder in die Sprechstunde kommt.
Zusammen mit der Universität zu Köln und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) hat die Hessische Leitlinien-Gruppe jetzt kürzlich den Zukunftspreis 2012 des „Verbands der Ersatzkassen e.V.“ überreicht bekommen.
„Eine Auszeichnung über die wir uns sehr gefreut haben, weil sie die viele Zusatzarbeit, die wir geleistet haben anerkennt“, sagt Alexander Liesenfeld.

Expertentipps für Patienten

  • Nach der Leitlinie von Hüttner und Liesenfeld sind die Medikamentengruppen, die am häufigsten gefährliche Neben- oder Wechselwirkungen auslösen: Herzmedikamente, blutdrucksenkende Mittel,  Mittel, die die Blutgerinnung beeinflussen  und Rheumamittel.
  • Häufig treten Wechselwirkungen zwischen Marcumar (Blutverdünnung) und Antibiotika auf. Das Blutungsrisiko wird hier verstärkt. Die Gabe von Rheumamitteln in Verbindung  mit dem Wirkstoff ASS – der etwa in Aspirin vorkommt – erhöht das Risiko auf eine Magen- oder Darmblutung. Die Einnahme von Diclophenac (in Thomapyrin) und Medikamenten gegen eine Herzmuskelschwäche beeinflusst die Wirksamkeit der Präparate.
  • Eine bekannte Risikoquelle für Wechselwirkungen mit Medikamenten ist die Grapefruit, bzw ihr Saft. Sie enthält einen Stoff, der eines besonderen Abbauweg in der Leber bedarf und mit Medikamenten Schäden anrichten kann.
  • Die Leitlinie Multimedikaiton ist frei zugänglich. Einfach die Schlagworte „Leitlinie“ und „Multimedikation“ in ihre Internet-Suchmaske eingeben.
Die Essenz des medizinischen Fortschritts

Ärztliche Diagnostik und Therapie auf aktuellem Stand zu halten ist angesichts einer Fülle von neuen medizinischen Erkenntnissen schwer. Leitlinien, die Wissen bündeln, sind unersetzlich. Die Marburgerin Ina Kopp organisiert die Arbeit bundesweit.
In der amerikanischen Datenbank „Medline“ sind rund 20 Millionen weltweit erschienene medizinische Forschungsartikel archiviert. „Jährlich kommt rund eine Million Artikel hinzu. Für jedes Fachgebiet sind das rund 4 000 bis 20 000 Artikel mit potentiell neuen und wichtigem Wissen pro Jahr“, sagt die Marburger Professorin Ina Kopp. Kopp ist die Leiterin des AWMF-Institut für Medizinisches Wissensmanagement. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) ist in Deutschland der wichtigste Herausgeber medizinischer Leitlinien.
 

Fragwürdige Studien

„Medizinisches Wissen entwickelt sich so rasant, dass es dem einzelnen Arzt nicht möglich ist Schritt zu halten“, sagt Kopp. Die Schwierigkeit ist dabei nicht nur die bloße Vielzahl von neuen Studienergebnissen oder Medikamententests. Es gibt auch gewaltige Qualitätsunterschiede bei wissenschaftlichen Studien: „Es kommt zum Beispiel immer wieder dazu, dass ein Hersteller von Medikamenten Studienergebnisse zurückhält, die ihm nicht passen.  Dann bleiben Zweifel am Nutzen oder Unsicherheit über Nebenwirkungen“ sagt Kopp. Wenn also eine Leitlinie zum Thema Grippe-Behandlung erstellt werden soll, kontrollieren die Autoren die bestehenden Studien auch auf deren Qualität: Sind die Anlage, die Durchführung und die Auswertung wissenschaftlich einwandfrei? Sind die Ergebnisse schon mal reproduziert worden? Gibt es Hinweise, dass wichtige Ergebnisse nicht publiziert wurden?
Der Arzt soll mit der Leitlinie aktuelle Empfehlungen für sein Handeln bekommen, aber vor allem auch sicher gehen können, dass er sich auf geprüftes Wissen stützt, wenn er seine Patienten nach einer Leitlinie behandelt. Diese Last stemmen Experten der Fachgesellschaften, die nach festgelegten Kriterien (siehe Infobox) wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrung aus dem Praxis- oder Klinikalltag und auch ökonomische Überlegungen bündeln und zu einer Leitlinie zusammenstellen. Auch viele Marburger Medizinprofessoren beteiligen sich an diesem ehrenamtlichen Einsatz. Die AWMF bietet organisatorische und methodische  „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei der Erstellung von Leitlinien, so Kopp.
 

Nicht rechtlich bindend

Leitlinien sind in Deutschland nicht rechtlich bindend: „Das Thema  Multimedikation veranschaulicht, dass die Anwendbarkeit einer Leitlinie immer im Einzelfall zu prüfen ist. Allerdings an hört man z.B. noch immer von Ärzten, die ihren Patienten – oft  auf deren Wunsch – Schmerzmittel gegen Rückenbeschwerden per Spritze in den Gesäßmuskel  verabreichen“, sagt Kopp.
Dabei wäre längst in einer Leitlinie zur spezifischen Behandlung beschrieben, dass Tabletten die gleiche Wirkung erzielen, dabei aber wesentlich ungefährlicher sind. Ina Kopp weist daraufhin, dass die Leitlinien als Entscheidungshilfen in einer medizinischen Beratungssituation ausdrücklich auch für Patienten gedacht sind, dafür werden laienverständliche Versionen bereitgestellt. „Die Leitlinien sind kein Kochbuch mit einer genauen Behandlungsanweisung für alle Probleme. Jedes Problem ist individuell und die Lektüre ersetzt kein Gespräch mit dem Arzt. Als Grundlage um sich zu informieren, sind die Leitlinien aber besser als medizinisches Halbwissen aus der Regenbogenpresse.“

Informationen:

  • Ein Deutsches Spezifikum bei der AWMF ist die Klassifizierung von Leitlinien in 3 Stufen, die den Aufwand für ihre Erstellung abbilden. S1 beschreibt Handlungsempfehlungen, beruhend auf der Konsensfindung einer Gruppe medizinischer Experten, die ihr Fachwissen nach bestem Wissen und Gewissen zusammentragen. S2 beschreibt systematisch entwickelte Leitlinien.  Voraussetzung ist  eine systematische Recherche, Auswahl und Bewertung der Literatur („Evidenz-basierte“  Leitlinie, S2e) oder eine strukturierte Konsensfindung durch ein repräsentativ besetztes Gremium, dem neben Ärzten auch andere betroffene Berufsgruppen wie Physiotherapeuten und Patientenvertreter angehören („Konsens-basierte Leitlinie“, S2k). S3-Leitlinien können sich nur solche Veröffentlichungen nennen, die S2e und S2k-Kriterien gemeinsam berücksichtigen.
  • Kompetente und verlässliche Informationen für Patienten finden sich auf den Internetseiten: www.gesundheitsinformation.de und www.awmf.org/service/patienteninformationen.
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