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Mit der Kraft der Gedanken

Neurofeedback Mit der Kraft der Gedanken

ADHS gehört zu den häufigsten Störungen bei Kindern. Medikamente helfen nur kurzzeitig, langfristige Effekte sind weitgehend unklar. Ein Forscherteam aus Marburg beschäftigt sich mit Behandlungsalternativen.

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Marburger Psychologen erforschen die Wirksamkeit von Neurofeedback und Selbstmanagement-Training bei ADHS-Patienten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Konzentriert blicke ich auf einen Computerbildschirm. Mein Kopf ist mit bunten Elektroden verkabelt, die Simon Harbarth und Theresa Emser mir vor wenigen Minuten vorsichtig auf meine Schläfen, hinter die Ohren und auf die Stirn geklebt haben. Sie zeichnen die elek­trische Akti­vität meines Gehirns mittels eines sogenannten „Elektro­ Enzephalo­gramms“ (EEG) auf. Die EEG-Wellen wiederum werden auf einem Computerbildschirm dargestellt, vor dem nun Simon Harbarth sitzt und mir Anweisungen gibt.

Ich soll eine Star-Wars-Figur, die über den Bildschirm fliegt, entweder nach oben oder nach unten lenken – mit der Kraft meiner Gedanken. Zeigt der Pfeil in der Mitte des Bildschirms nach oben, soll der Jedi-Ritter nach oben gelenkt werden. „Denken Sie am besten an etwas Spannendes – eine Achterbahnfahrt oder ein Fußballspiel“, schlägt Harbarth vor. Zeigt der Pfeil nach unten, soll ich die Figur mithilfe entspannter Gedanken – etwa an einen Sternenhimmel – unterhalb der Mittellinie schweben lassen. Gelingt mir das Auslenken, erscheint eine Sonne als Belohnung auf dem Bildschirm. Was so klingt wie ein beliebiges computeranimiertes Spiel, ist in Wirklichkeit ein komplexes Gehirntraining. Es soll Patienten mit ADHS helfen, Konzentrationsaufgaben entspannt und aufmerksam zu bewältigen.

Seit 2011 saßen wie ich mehr als 90 Kinder vor diesem Bildschirm und haben an der Behandlungsstudie am Marburger Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie teilgenommen. Voraussetzung war, dass sie zwischen sieben und elf Jahre alt sind, die deutsche Sprache beherrschen, eine aktuelle ADHS-Diagnose nach DSM IV und einen IQ von mindestens 80 haben.

Wirkung von Medikamenten umstritten

Ziel der Studie ist es, bei den betroffenen Kindern eine Verbesserung der drei Hauptsymptome der ADHS – Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit – zu erreichen. Denn Psychostimulanzien allein helfen gegen ADHS nicht. Im Gegenteil: Laut einer Studie des amerikanischen Psychiaters Nicholaus Lofthouse (2012) reagiert ein Drittel der behandelten Kinder überhaupt nicht auf die Behandlung mit Medikamenten. Oftmals werden auch Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Appetitmangel und Reizbarkeit berichtet. In seltenen Fällen kann es sogar zu depressiver Verstimmung kommen. „Es scheint, dass nach Absetzen der Medikamente keine andauernden Verbesserungen beobachtet werden können“, bemängeln die Marburger Forscher. Das wollen sie ändern: Mit dem Neurofeedback (NF) und dem Selbstmanagementtraining (SM) erforschen sie Therapieformen, bei denen keine Medikamente verabreicht werden müssen und es keine bekannten Nebenwirkungen gibt. Gleichzeitig führt die Einnahme von Medikamenten aber nicht zu einem Ausschluss aus der Studie. Da das NF-Training von den deutschen Krankenkassen nicht als psychotherapeutische Intervention anerkannt ist, ist es für die Forscher von umso größerem Interesse herauszufinden, ob es eine wirkliche Behandlungsalternative zu anerkannten Therapieverfahren darstellt.

Doch was genau steckt dahinter? „Kinder mit ADHS wechseln viel zwischen emotionalen Zuständen hin und her“, erklärt Diplom-Psychologin Theresa Emser, die die Studie zusammen mit Simon Harbarth und Selina Türk betreut. „Beim Neurofeedback-Training lernen sie, ihre Gefühle zu regulieren.“ Anders gesagt: Das Gehirn soll lernen, einen entspannten und gleichzeitig aufmerksamen, konzentrierten Mentalzustand zu erreichen, was für das Lernen besonders wichtig ist.

Insgesamt durchlaufen die Kinder 36 Sitzungen Verhaltenstherapie mit NF mit bis zu drei Sitzungen pro Woche. Eine Sitzung umfasst drei Durchgänge mit jeweils zirka acht Minuten. Die Pausen zwischen den Durchgängen nutzen die Psychologen, um die jungen Teilnehmer zu motivieren und ihre Strategien zu besprechen – denn immerhin sollen die Kinder die Strategien auch in alltäglichen Situationen zu Hause üben. „Dies“, so Emser, „soll den Transfer von der Therapiesituation in den Alltag der Kinder gewährleisten.“

Kinder mit ADHS erleben häufig Misserfolge

Das SM-Training hingegen findet nicht am Computer, sondern in Interaktion mit den Psychologen statt. In den ersten zwölf Sitzungen trainieren sie mit ihnen hinzusehen, hinzuhören, zu beschreiben und nachzuerzählen. „Die Kinder sollen beispielsweise Zielwörter bei zunehmend komplexen Hintergrundgeräuschen herausfiltern oder Sachaufgaben bearbeiten“, so Harbarth. Der zweite Block (12 Sitzungen) beinhaltet ein Training, in welchem Strategien zum eigenständigen Arbeiten erlernt und eingeübt werden, wobei besonders auf kontrolliertes und sorgsames Vorgehen geachtet wird.

„Wichtig ist uns auch, dass sich die Kinder am Ende der Sitzung für das, was sie geleistet haben, selbst loben. Kinder mit einer ADHS erleben nämlich häufig Misserfolge. „Wir hören hier nicht selten Sätze wie ‚Ich bin zu doof, ich kann das nicht‘. Da tut Selbstlob gut“, berichtet Emser.  Auch hier bekommen Patienten ab dem zweiten Therapieblock Hausaufgaben mit, die das tägliche Üben von Selbstinstruktion umfassen.

Ob Kinder bei einem NF oder SM-Training mitmachen, wird vorher per Zufall entschieden.  Beide Therapien erfolgen nach einem klar vorgegebenen Ablauf, sind identisch bezüglich des Settings (Einzeltherapie), der Dauer, Häufigkeit, der unterstützenden Belohnungspläne und des Einbezugs der Eltern. Diese werden per Zufall einem von zwei Eltern-Trainings zugelost. In der einen Version erhalten sie eine umfassende Aufklärung über das Störungsbild ADHS sowie Informationen zu hilfreichen Erziehungstechniken. In der zweiten Version wird das Training noch durch eine zusätzliche Stunde zum Thema soziale Unterstützung ergänzt.

Mehr als sechs Jahre sind seit Beginn der Studie inzwischen vergangen. Erste Analysen zeigen für beide Therapieformen – SM und NF – positive Trainingseffekte. Eltern und Lehrer jedenfalls schätzen die ADHS-Symptomatik nach Therapieende geringer ein als zu Beginn der Behandlung. Bis jetzt unterscheiden sich die beiden Methoden nicht in ihrer Wirksamkeit, so dass das Neurofeedback-Verfahren eine zumindest gleichwertige Alternative zu klassischen verhaltenstherapeutischen Maßnahmen zur Behandlung von ADHS darstellen könnte.

von Ruth Korte

Die Marburger ADHS-Expertin Hanna Christiansen im OP-Interview

OP: Sie haben die Behandlungsstudie 2011 gestartet. Was hast Sie dazu veranlasst?

Professorin Hanna Christiansen: Wir wollten eine verhaltenstherapeutische Behandlungsalternative zum Selbstmanagementtraining erproben. Das Selbstmanagementtraining ähnelt vom Aufbau schulischen Aufgaben. Das ist aber ein Bereich, in dem Kinder mit ADHS häufig negative Erfahrungen gemacht habe. Zudem meinen wir, dass ein computerbasiertes Training Vorteile für die Kinder hat, weil sie in der Regel sehr offen gegenüber diesem Medium sind.

OP: Warum ist es Ihnen wichtig, eine Therapieform zu erforschen, bei der keine Medikamente verabreicht werden?

Christiansen: Ich bin nicht gegen Medikamente. Es gibt Patienten, die sie wirklich brauchen. Ein Viertel der Kinder könnte nicht an unserer Therapie teilnehmen, weil ihre Auffälligkeiten so ausgeprägt sind. Die Medikamente helfen den Kindern zwar, ruhiger zu werden und sich zu konzentrieren. Sie führen aber keine Verhaltensänderung herbei. Das heißt, wie man Vokabeln lernt, Hausaufgaben macht oder sich am Unterricht beteiligt müssen die Kinder trainieren. Wir helfen ihnen in der Therapie dabei, Strategien zu entwickeln und ihr Verhalten zu ändern.

OP:  Aus pädagogischen Kreisen gibt es vermehrt Zweifel an neurologischen Erklärungsmuster für die Entstehung eines ADHS. Hier wird der Vorwurf lauter, dass empirisch wenig abgeklärt sei, warum Kinder ihre Gehirne auf die ADHS-spezifische Weise zu nutzen beginnen und dass häufig über offene Fragen und Probleme hinweggetäuscht wird. Was ist da Ihrer Meinung nach dran?

Christiansen: Es gibt immer noch viele Mythen, beispielsweise dass ADHS durch zu viel Fernsehen, schlechte Erziehung oder zu viel Zucker in der Ernährung entsteht. Das ist total Quatsch. Und damit macht man es auch niemandem leichter – weder den Kindern, noch den Eltern. Die Forschung ist unstrittig. Es handelt sich bei ADHS um eine biologische Störung. Physiologisch zeigt sich, dass Betroffene einen Mangel am Neurotransmitter Dopamin haben. Da setzen die Medikamente an. Methylphenidat, der Wirkstoff in Ritalin, führt dazu, dass mehr Dopamin im synaptischen Spalt vorhanden ist, also weniger zurück in die Zellen transportiert wird. Es ist wichtig anzuerkennen, dass ADHS eine biologische Störung ist, so wie auch Depression eine biologische Störung ist. Beides können wir inzwischen gut behandeln.

OP: Sie beziehen Eltern aktiv in den Behandlungsprozess mit ein. Sie werden nicht nur vorab zu den Symptomen befragt, sondern bekommen auch rin Elterntraining. Weshalb ist das so wichtig?

Christiansen: Die Behandlungsleitlinien zu ADHS sehen das vor. Es geht ja darum, dass die Kinder ihr Verhalten ändern sollen. Und dazu brauchen sie die Unterstützung der Eltern. Kinder sind per se nicht selbstreguliert – gerade Kinder mit einer ADHS haben da Schwierigkeiten. Umso wichtiger ist es, dass Eltern klare Regeln vorgeben, Grenzen setzen und sie positiv verstärken, dann gerade Kinder mit ADHS bekommen häufig sehr negatives Feedback. Darunter leiden häufig auch die Eltern-Kind-Beziehungen.

OP: Aber spricht das nicht wiederum dafür, dass, wenn Kinder keine Regeln und Grenzen kennen und selten gelobt werden, anfangen, typische Symptome die unter einer ADHS fallen, zu zeigen, eine ADHS also nicht eine rein biologische Störung ist?

Christansen: Es gibt schon Umgebungsfaktoren, die dazu beitragen können, dass die ADHS-spezifischen Symptome sich verstärken. Aber sie entstehen nicht dadurch. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Ein schönes Beispiel ist Michel aus Lönneberga. Vielleicht kennen Sie die Geschichte mit Michel und der Suppenschüssel? Als Michel Suppe aus dem Topf trinkt, verhakt er sich mit seinem Kopf darin und kriegt sie nicht mehr runter. Die Eltern bringen ihn zum Arzt, der nicht weiß, was er tun soll. Dann verbeugt sich Michel, die Schüssel stößt auf den Tisch, bricht entzwei und Michels Kopf ist befreit. Zuhause fragt Klein-Ida den Michel, wie er das eigentlich angestellt habe. Er sagt 'das war ganz einfach' und schon hat er wieder die Schüssel auf dem Kopf. Das ist typisch impulsives Verhalten. Da wird nicht überlegt, sondern dem ersten Handlungsimpuls nachgegeben. Bei Michel ist es aber so, dass er auf einem Hof auf dem Land aufwächst und sich viel bewegt. Wenn er Unfug macht, kommt er in den Schuppen, verriegelt ihn von innen, der Vater von außen und Michel schnitzt Männchen. Das ist letztlich eine typische Auszeit, in der er Vaterund Sohn sich beide herunter regulieren. Aber jetzt stellen Sie sich mal Michel in einer Hochhaussiedlung in einer Zweizimmerwohnung vor. Da sieht das Verhalten, das er zeigt, vielleicht ganz anders aus. Das ist der Unterschied. Die Anlagen, die die Kinder mitbringen, treffen auf eine bestimmte Umwelt. Die Umwelt kann förderlich oder weniger förderlich sein. Es gibt zum Beispiel Lehrkräfte, die gut mit einer ADHS umgehen und solche, die das nicht so gut können. Genau so gibt es Eltern, die das Kind besser in den Griff kriegen und solche, die sich schneller überfordert fühlen.

OP: Was brauchen Kinder, die von einer ADHS betroffen sind, Ihrer Meinung nach am meisten?

Christiansen: Klare Strukturen, Regeln und Wertschätzung sind für Kinder mit ADHS besonders wichtig. Kinder mit ADHS sind es gewohnt, Aufmerksamkeit für ihr Problemverhalten zu bekommen und nicht für positives Verhalten. Daher ist es wichtig, den Fokus weg vom Problemverhalten hin auf das positive Verhalten des Kindes zu lenken und es systematisch durch Lob und Zuwendung zu verstärken. Man sollte auch berücksichtigen, dass Kinder mit ADHS in der Regel sehr geringe Motivationsspannen haben. Sie entscheiden sich lieber für eine schnelle kleine Belohnung als für eine späte große Belohnung. Daher ist es wichtig, ihnen statt eines großen Ziels mehrere Etappenziele zu setzen und mit vielen kleinen Belohnungen wie zum Beispiel Sticker oder Punkte, die sie später einlösen können, zu belohnen. Bei Hausaufgaben raten wir Eltern beispielsweise häufig, einen Wecker zu stellen, der nach einer Viertelstunde klingelt. Wenn das Kind bis dahin den ersten Teil seiner Hausaufgaben geschafft hat, kann es eine kurze Pause machen und erst dann kommen die nächsten Hausaufgaben dran.

 
Zur Person

Hanna Christiansen ist seit 2013 Professorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg. Seit 2014 leitet sie zudem das hiesige Institut für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ausbildung sowie die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz.

Christiansen hat von 1994 bis 2002 Psychologie, neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaften in Marburg studiert und mit einer Diplomarbeit zur Suchtprävention im Fach Psychologie abgeschlossen. Von 2004 bis 2008 war sie als klinische Psychologin in der Klinik für ­Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Rheinischen Kliniken ­Essen tätig. Sie promovierte 2009 mit einer Arbeit zu komorbiden Störungen bei ADHS unter Berücksichtigung des Einflusses von Expressed Emotion am Fachbereich Psychologie in Marburg, wo sie drei Jahre später mit einer Arbeit zu neuropsychologischen Defiziten bei der ADHS und Diagnostik der adulten Symptomatik auch habilitierte.

Christiansen ist 43 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Marburg.

Unterstützt wird Professorin Christiansen in ihrem Forschungsprojekt von den Diplom-Psychologen Simon Harbarth, Theresa Emser und Selina Türk.

 
ADHS-Ambulanz
Wenn Sie Interesse an einer Therapie für Ihr  Kind haben, können Sie über ADHS@staff.uni-marburg.de oder Telefon 0 64 21/   28 23 82 3 Kontakt mit der Ambulanz aufnehmen.
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