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Megaprojekte verwandeln Hafenstadt

Stadtentwicklung in Tanger Megaprojekte verwandeln Hafenstadt

Den rasanten Aufstieg der marokkanischen Hafenstadt Tanger zur Boomtown am Mittelmeer erforscht Dr. Steffen Wippel  vom Centrum für Nah- und Mitteloststudien.

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Eine Plakatwand weist vor der Silhouette der Altstadt auf die Hafenumwandlung hin.

Quelle: Steffen Wippel

Marburg. „Wie ein Phönix aus der Asche“ sei die nordafrikanische Küstenstadt Tanger seit der Jahrtausendwende nach Jahrzehnten der zwischenzeitlichen Bedeutungslosigkeit emporgestiegen, sagt Dr. Steffen Wippel „Das Interessante an Tanger ist, wie eine Stadt, die lange an der Peripherie ihres Landes lag, mit Hilfe des Ausbaus von Großprojekten und der Ansiedelung von neuer Industrie innerhalb von wenigen Jahren nach vorne gebracht wurde“, fügt der Marburger Forscher hinzu.

Verantwortlich dafür war nach dem Amtsantritt von Marokkos König Mohammed VI. im Jahr 1999 vor allem die Planung des 30 Kilometer von der Stadt entfernten in der Straße von Gibraltar völlig neu angelegten Seehafens „Tanger Med“, der den vorher direkt an der Mittelmeerbucht vor der Altstadt angesiedelten Hafen ab 2007 ersetzte.

Mittlerweile ist „Tanger Med“ weltweit einer der größten Umschlagplätze für Containerschiffe. Entscheidend dafür ist die wichtige Lage der Stadt an der Durchfahrt vom Mittelmeer zum Atlantik, entlang der eine der wichtigsten Seehandelsrouten der Welt verläuft, die von Ostasien nach Nordeuropa und zur amerikanischen Ostküste führt. Der Aufstieg des Hafens beruhe auch auf den geoökonomischen Strategien großer maritimer Konzerne wie der dänischen Maersk-Gruppe, die die größte Containerschifffahrtsgesellschaft der Welt betreibt, erklärt Wippel.

Im alten Hafen legen nur noch die Fährschiffe an. Im Gefolge der Hafen-Verlagerung wurde das alte Hafenviertel gerade grundlegend modernisiert und in eine Mischung aus Yachthäfen und eleganten Einkaufszentren  umgewandelt: Das Projekt „Tanger Ville“ mit Marina und Kreuzfahrt-Terminal soll internationale Besucher nach Tanger bringen, erläutert Wippel.

Weltbank lobt Tanger

Zahlungskräftige Urlauber aus Europa und ebenso betuchte Auslandsmarokkaner sind die Zielgruppe für die geplanten Bade­ressorts, Feriensiedlungen und Luxushotels. Um die Touristen zu transportieren, sei sogar eine Seilbahn zwischen Hafen, Neustadt und Medina geplant. In einem Bericht der Weltbank von 2015 wurde Tanger zu den sechs Modellstädten im globalen Süden gezählt, die Vorbildcharakter in Sachen Umwandlung und Modernisierung einer Stadt haben und sich durch ihre herausgehobene Wettbewerbsfähigkeit auszeichnen.

Doch aus Sicht von Wippel  steckt in diesem exemplarischen wirtschaftlichen Aufstieg der marokkanischen Stadt eine Reihe von Problemen. Denn die fortschreitende Globalisierung führe auch zu einem Transfer von Verantwortung für die Stadtplanung und ihre Umsetzung. „Ein von oben gesteuerter Megaprojekt-Urbanismus überlagert weitgehend eine strukturierte städtische Raumplanung“, bilanziert Wippel.

Und während vor allem in die Küstenlinie Tangers sehr viel investiert worden sei, seien ­sozial problematische Stadtviertel vernachlässigt worden. Tanger gelte zudem als ein Umschlagplatz für Drogen und als Hochburg für Salafisten und Dschihadisten. Die Globalisierung der einst kleinen Stadt, die mittlerweile zur Millionenstadt angewachsen ist, sei auch verbunden mit einer räumlichen Fragmentierung in Tanger: So sind aus Angst vor Anschlägen oder illegaler Migration und zur Sicherung der zollrechtlich exterritorialen Gebiete beispielsweise der Komplex des Tanger-Med-Hafens sowie zahlreiche Sonderwirtschaftszonen umzäunt, berichtet der Marburger Forscher. Und viele der früher beliebten öffentlichen Strände verschwanden hinter den Umzäunungen der neuen Projekte.

Alter Hafen umgebaut

Der Umbau des alten Hafens in Tanger ist mittlerweile fast beendet.  „Die Umwandlung des innerstädtischen Hafens zu einer hochwertigen Waterfront und einem exklusiven Hort von Freizeit und Konsum bedient vor allem den postmodernen global und westlich ausgerichteten Lifestyle der Besserverdienenden“, meint Wippel. Viele Einheimische seien davon schon aus ökonomischen Gründen ausgeschlossen.

Zur Zeit des Arabischen Frühlings 2011/2012 war Tanger eines der Hauptzentren von Demonstrationen, denn die wirtschaftliche Lage vieler Stadtbewohner war sehr schlecht. Zu anderen Zeiten gab es in Tanger auch Proteste gegen Zwangsenteignungen sowie ökologische Folgen des Baus des neuen Hafens. Wohl auch als Reaktion auf solchen öffentlich geäußerten Unmut wurde 2013  das vom König verkündete Programm „Tanger Metropole“ mit ergänzenden Maßnahmen aufgelegt. Dazu zählen die Errichtung neuer Bildungseinrichtungen sowie von Kultur- und Sportzentren. „Ziel der zahlreichen Vorhaben ist es, Arbeitsplätze zu schaffen, die soziale Lage zu beruhigen und den radikalen Islamisten Anhänger zu entziehen“, konstatiert Wippel.

von Manfred Hitzeroth

Auf der Spur der Stadt-Transformation

Stadtforschung verbindet Bestandteile aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. Dr. Steffen Wippel erforscht am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) der Uni Marburg am Beispiel von Tanger aus lokaler Perspektive die Auswirkungen der Globalisierung auf eine Stadtgesellschaft. Das Projekt ist Bestandteil des vom Bundesforschungsministerium finanzierten Forschungsnetzwerkes „Re-Konfigurationen. Geschichte, Erinnerung und Transformationsprozesse im Mittleren Osten und Nordafrika“. Wippel verbindet unterschiedliche Forschungsansätze: von der Stadtgeographie über die Wirtschaftswissenschaften bis zur Ethnographie.

Es existieren bisher schon eine Reihe von fach- und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zur marokkanischen Stadt Tanger, die sich aber vor allem auf die Blütezeit Tangers konzentrieren, als die Stadt Internationale Zone war und zum Anziehungspunkt von Abenteurern aus aller Welt wurde.

Auf die Spur seines Thema kam Wippel ursprünglich durch ein Forschungsprojekt in Berlin zum Verhältnis von Hafen und Stadt in Hafenstädten in der arabischen Welt. Interessant wurde für ihn Tanger auch als Beispiel einer sogenannten „sekundären Stadt“, die ähnlich wie die globalen Städte oder Weltmetropolen wie New York, London oder Tokio Entwicklungen erleben, die zu einer erheblichen Transformation ihrer Stadtgestalt und Wirtschaftsstruktur führen. Gleichzeitig erleben diese Städte aber auch die „dunklen Seiten“ der Globalisierung und die typischen postmodernen Stadtentwicklungsprozesse. Vor zwei Jahren startete Wippel dann sein Forschungsprojekt, in dem er sich vor allem auf die gravierenden Neuerungen der Infrastruktur in Tanger konzentrierte. Dabei verwendet er einen Methodenmix: Zu mehrmaligen Ortsbesichtigungen kamen Experteninterviews sowie die Sichtung und Analyse von Daten und Statistiken und die Auswertung von Medienberichten. Zudem studierte er zur Erkundung der historischen Perspektive ältere Dokumente zur Hafenentwicklung in Bibliotheken und Archiven. Hinzu kam auch die Zusammenarbeit mit marokkanischen und deutschen Kollegen. Zusammen mit dem Ethnologen Dieter Haller organisierte Wippel in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Tagung in Tanger, die sich speziell den aktuellen Entwicklungen der Stadt widmete, die am Schnittpunkt zwischen Afrika und Europa liegt.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Die Stadt Tanger in Marokko liegt an der nordafrikanischen Küste am westlichen Ausgang der Straße von Gibraltar Richtung Atlantik und hat rund eine Million Einwohner.

Gegründet wurde Tanger im 5. Jahrhundert v. Chr. von Karthagern. In der wechselvollen Geschichte geriet die Stadt später als Siedlung mit dem Namen Tingis unter römische und byzantinische Herrschaft, bevor sie im Jahr 702 von den Arabern erobert wurde.

Es folgten ab Ende des 15. Jahrhunderts die Herrschaft der Portugiesen und dann der Spanier und Briten, bevor Tanger ab 1684 wieder in marokkanischen Besitz kam. Nachdem Marokko 1912 seine Unabhängigkeit verlor und zwischen Frankreich und Spanien aufgeteilt wurde, hatte Tanger zunächst einen nicht geklärten Status. Im Jahr 1923 wurden dann Tanger und ein kleines Gebiet rund um die Stadt zur Internationalen Zone erklärt, die von acht europäischen Mächten verwaltet wurde. In dieser „Interzone“ entwickelte sich eine multikulturelle Gesellschaft, in der Christen, Juden und Muslime zusammenlebten. „In dieser Zeit stellte die Stadt einen internationalen Handelsfreiplatz, einen Fluchtort für Gold und Kapital, Spione und Verfolgte und einen Treffpunkt für freisinnige Künstler und Lebemenschen dar“, erläutert der Marburger Forscher Dr. Steffen Wippel. Zwischenzeitlich wurde die Stadt auch zu einem Anziehungspunkt für Schriftsteller aus Europa und den USA wie Truman Capote und für Außenseiter aller Art. In den Werken von Autoren wie William S. Burroughs oder Jack ­Kerouac wurde auch die einzigartige schillernde Atmosphäre dieses Mekkas der Popliteratur eingefangen. Aufgrund der Protokolle von Tanger wurde die Stadt 1956 mit dem Staat Marokko wiedervereinigt, der seine Unabhängigkeit erlangt hatte.

In den 60er- und 70er-Jahren folgte eine Phase des ökonomischen und politischen Niedergangs. „Jahrelang stand Tanger im Schatten der nationalen Zentren Casablanca und Rabat“, erläutert Wippel. Nicht nur Tanger, sondern auch ein Teil des Nordteils Marokkos wurde unter der Regentschaft von König Hassan II. vernachlässigt. Das änderte sich wieder unter der Regentschaft seines Nachfolgers König Mohammed VI. ab 1999. Zu den neuen städtischen Großprojekten zählten die Verlagerung der Hafen-Funktionen in den neuen Seehafen Tanger Med sowie das städtische Umbauprogramm „Tanger Metropole“. Seit 2012 produziert auch der Autokonzern Renault die Fahrzeuge der Konzernmarke Dacia in der Region Tanger.

 
Zur Person
Privatdozent Dr. Steffen Wippel (54) wurde in Karlsruhe geboren. Von 1981 bis 1988 studierte er Volkswirtschaftslehre und Islamwissenschaften an der Uni Freiburg und an der Uni Aix-en-Provence. Ab 1989 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin und am Zentrum Moderner Orient in Berlin. 1996 promovierte er über islamische Wirtschafts-und Wohlfahrtseinrichtungen in Ägypten. Es folgten die Habilitation an der Uni Erlangen, ein Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Uni Leipzig und eine Gastprofessur in Odense (Dänemark). Seit Herbst 2015 ist Wippel wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsnetzwerk „Re-Konfigurationen“, das am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Uni Marburg angesiedelt ist. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Themen „Kulturelle und wirtschaftliche Globalisierung“ und „Transregionale Verflechtungen“.
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